Mundartdichter-Serie
«Haben Sie die Brot-, Fett-, Teigwaren- und Zuckerkarte bei sich?» – Erinnerungen an Neuenburg im Februar 1919

Zum 40. Todestag des Freiämter Mundartschriftstellers Robert Stäger veröffentlicht die AZ Trouvaillen aus seinem Archiv. Diesmal über seinen Aufenthalt in Neuenburg, wo er bei einem Monsieur wohnte und Französisch lernte. Er erlebte Schönes und sehr Schlimmes – doch die schönen Erinnerungen überwiegten.

Robert Stäger
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In Neuenburg, mit Blick auf den See, lernte der Wohler Mundartschriftsteller nicht nur Französisch, sondern erlebte viel Schönes – aber auch die schlimme Grippe.

In Neuenburg, mit Blick auf den See, lernte der Wohler Mundartschriftsteller nicht nur Französisch, sondern erlebte viel Schönes – aber auch die schlimme Grippe.

Gaetan Bally / Archiv

Auf einmal öffnete sich die braune Haustüre; ein betagtes Männchen mit goldener Brille und weissem Barte erschien auf der Schwelle und hiess uns freundlich eintreten. Es war Monsieur Charles, in dessen Hause ich fortan Bildung, Kost und Zimmer erhalten sollte. Hinter ihm stand eine gutmütig dreinblickende, hagere Frau mit runzligem Angesicht und einem schwarzen Haarnetz auf dem Kopfe.

Sie fuhr mir mit der rechten über die Schulter und sagte freundlich: «Soyez les bienvenus, messieurs!» Den zweiten Satz, bereits etwas prosaischer klingend, sprach ihr Mann auf Deutsch, nämlich:

«Haben Sie die Brot-, Fett-, Teigwaren- und Zuckerkarte bei sich?»

Denn, es war zur Zeit des Ersten Weltkrieges. Hierauf steckte sich Monsieur Charles das Pfeifchen in den Mund und zog kräftig daran. Ein hochgewachsener Knabe kam jetzt die Treppe heruntergerannt. Er stellte sich aufrecht vor meinen Vater hin und trug unaufgefordert, laut und deutlich das Gedicht «Le petit de l’école chassé» vor.

«Sehen Sie», sprach Monsieur Charles, «so erlernt man in meinem Hause die zweite Landessprache. Was meinen Sie dazu?» Mein Vater rühmte den Knaben mit ein paar wenigen Worten, während mir auch schon die ersten Tränen über die Wangen kollerten. Hierauf nahm er Abschied von mir und verschwand im Nu unter den Bäumen des grossen Gartens.

Lange, lange blickte ich ihm nach …

Schwer genug kamen mir die ersten Tage meiner neuen Umwelt vor. Eine «Langizyt», wie ich sie zuvor nie gekannt hatte, bemächtigte sich meiner. Ach, wo mochten jetzt wohl meine zwei Brüder weilen? Wo waren der grüne Wald und der liebe gurgelnde Dorfbach? Warum ging mein Vater so rasch wieder weg?

Monsieur Charles wusste mich zu trösten. Zu meiner Freude sprach er fast ebenso gut Deutsch wie Französisch. Vom zweiten Tage meines Hierseins an war freilich die welsche Sprache Trumpf. Sein Sohn, ein Rechtsgelehrter, gab sich jetzt alle Mühe, den neuen «Zimmerherren», wie er sich ausdrückte, zu trösten.

Bald einmal verblasste tatsächlich mein Heimweh. Und hatte denn nicht auch mein Vater vor vielen, vielen Jahren im benachbarten Städtchen Boudry sein Französisch gelernt? Irgendwie empfand ich das als Trost.

Monsieur Charles trug sozusagen jahraus und jahrein dasselbe Gewand. Auf den grauen Haaren sass ihm tagsüber das mit Edelweiss bestickte, runde Samtkäppchen.

In seinem grossen Garten, von dem aus man über den See blickten konnte, fühlte er sich am Wohlsten.

Des Abends, nachdem er seinen vier Kostgängern mittels einer Holzpfeife zum «souper» gepfiffen hatte, erschien er am untern Tischende mit einem in Leder gebundenen Buche, woraus er das französische Tischgebet vorlas.

Kam es etwa vor, dass einer von uns heim zu telefonieren wünschte, so stellte er sich ­– die Taschenuhr in der Hand – neben den Apparat hin und zählte die Minuten und Sekunden des Gesprächs ab. Hernach erfragte er am Apparat, zu seiner weiteren Vergewisserung, die Höhe der Gesprächstaxe.

Ab und zu rauchte er ganz gerne einen «bout», wie er die Stumpen nur nannte, den er sich aber nie mit einem Zündhölzchen anzündete. Er liess sich auf den Stubenboden nieder und hielt seinen Stumpen mit zitternder Hand ins Feuerloch hinein, um sich das Zündholz ersparen zu können.

Aus einem ausgedienten Schuhlederchen verfertigte er sich eines schönen Tages eine Krawatte ­– für den Werktag, wie er sagte.

Als es draussen kühler zu werden begann und sich der Vorwinter stets deutlicher bemerkbar machte, steckte er abends ein Feuer aus dürren Blättern, Tannzapfen und vergilbten Zeitungen an. Hierauf setzte er sich mit seinen Kostgängern um den stets etwas rauchenden Ofen herum und erklärte ihnen die Regeln des Participe Passé und die Anwendung des Subjonctif, wofür wir ihm dankbar waren.

Jeden Monat schickte er einen von uns in die Stadt, um die fällig gewordenen Rechnungen zu begleichen. Den Skonto zog er wohlweislich vorher schon ab. «Dites lui», meinte einst ein Buchhändler zu mir, «que c’est nous qui faisons cela!» Getreulich richtete ich die «frohe Botschaft» daheim aus.

In jenen Monaten begann leider die schlimme Grippe ihren verheerenden Feldzug zu Stadt und zu Land.

Bald lagen auch wir, alle fiebernd, in unseren Betten. Die Schule wurde geschlossen, und als unsere liebe Pensionsmutter – Henriette war ihr Name – uns eines Morgens das Frühstück ans Bett bringen wollte, stiess sie plötzlich einen Schrei aus, fiel zu Boden und vermochte sich nicht mehr aus eigener Kraft zu erheben.

Wie gross war doch unser Schrecken! Sieben Stunden später war sie eine Leiche. Zeitlebens werde ich jenen traurigen Morgen nicht mehr vergessen. Laut weinend sucht uns Monsieur Charles in unseren Zimmern auf. Was konnten wir aber nur für ihn tun? Soviel in unseren Kräften lag, versuchten wir den betagten Mann zu trösten. An der Beerdigung durften wir wegen der Ansteckungsgefahr nicht teilnehmen.

Es war eine schlimme, schlimme Zeit für uns alle.

Nichtsdestoweniger blieb mir Neuenburg, die frohe Schulstadt am blauen See, bis zum heutigen Tage in lieber Erinnerung. Und vermeine ich dann und wann wieder ihren Lockruf zu vernehmen, so fahre ich frohen Herzens hinauf und durchwandere dankbar all die mir vertrauten «rues» und «ruelles» aufs Neue. Denn, es war so schön – trotz allem so schön – vor vielen, vielen Jahren.

Erschienen in der «Freiämter Zeitung» am 14. September 1971.