Mitte Juli trat Patrik Gisel im Zuge der Affäre um seinen Vorgänger Pierin Vincenz zurück. Per Ende Ende Jahr werde der Raiffeisen-Chef seine Funktion abgeben, hiess es damals. Nun könnte sein Abgang bereits früher erfolgen. Kürzlich machte die «SonntagsZeitung» eine Beziehung Gisels zur ehemaligen Raiffeisen-Verwaltungsrätin Laurence de la Serna publik. Diese hatte im April abrupt ihren Rücktritt angekündigt und dafür «Veränderungen im beruflichen Umfeld» und «persönliche Gründe» geltend gemacht. Der Rücktritt überraschte, da sie erst ein Jahr zuvor ins Aufsichtsgremium gewählt wurde und damit von der Affäre Vincenz unbelastet war.

Laut Gisel hat seine Beziehung zu de la Serna erst nach deren Rücktritt begonnen. Der «Tages-Anzeiger» will aber erfahren haben, dass der Verwaltungsrat Zweifel an dieser Darstellung hegt und deshalb Gisel jetzt so rasch als möglich loswerden will. In der Tat wäre es heikel, hätte die Beziehung schon begonnen, als de la Serna noch im Amt war, oblag es ihr doch als Verwaltungsrätin, Gisel als Bankchef zu beaufsichtigen. Raiffeisen hat laut eigener Angaben von der Liaison «erst vor kurzem» erfahren.

Bislang hatte Zentrale das Sagen

Gisel werde Raiffeisen ohnehin verlassen, ob dies nun bereits im November oder erst Ende Dezember sein werde, sei nicht entscheidend, sagt der Nordwestschweizer Regionalpräsident Fredi Zwahlen. Für den Zeitpunkt des Abgangs von Gisel sei entscheidend, wann Raiffeisen auf der Suche nach einem Nachfolger fündig werde und wann dieser starten könne. Ähnlich sieht es Marcel Helfenberger, der den St. Galler Verband der Raiffeisenbanken präsidiert.

Gisels Nachfolger wird zusammen mit dem neuen Präsidenten von Raiffeisen Schweiz die Genossenschaftsbank gründlich reformieren müssen. Unter anderem geht es darum, die Mitsprache- und Entscheidungsbefugnisse der einzelnen Raiffeisenbanken neu zu definieren und damit die Machtverhältnisse zwischen den Instituten und der Zentrale in St. Gallen neu zu ordnen. Denn diese gehört den Raiffeisenbanken, hat aber faktisch das nahezu uneingeschränkte Sagen, wenn es um die Strategie geht. Dazu gehört auch die Bereitstellung vielfältiger Dienstleistungen, die bisher von den einzelnen Raiffeisenbanken praktisch eins zu eins zu übernehmen und zu bezahlen waren. Künftig soll ein Teil der Leistungen auf freiwilliger Basis bezogen werden können. Das Abgeltungsmodell wird überarbeitet.

Neben den Strukturreformen gilt es, das angeschlagene Vertrauen in die Bank zu reparieren. Die Affäre um den früheren Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz, gegen den die Zürcher Staatsanwaltschaft seit Monaten wegen ungetreuer Geschäftsbesorgung ermittelt, das Kollektivversagen des alten Verwaltungsrats in der Aufsicht über Vincenz, die üppige Erhöhung der Vergütungen dieser Verwaltungsräte hat die Bank viel Kredit gekostet.

Lachappelle vor der Wahl

Nun muss eine neue Crew aufräumen. Am Samstag steht an der ausserordentlichen Delegiertenversammlung in Brugg die Wahl des neuen Präsidenten an, wobei Guy Lachappelle der einzige Kandidat ist. Am Ex-Chef der Basler Kantonalbank (BKB) ist ebenfalls Kritik laut geworden, weil die BKB als seine frühere Arbeitgeberin eine zweifelhafte Rolle spielt in der Aufarbeitung des Skandals um die Vermögensverwalterin ASE Investment. Diese hat 2500 Kunden mit einem Schneeballsystem um 170 Millionen Franken geprellt. Zahlreiche ASE-Kunden hatten Konten bei der BKB. Dieser wird vorgeworfen, ihre Meldepflicht bezüglich Geldwäscherei vernachlässigt zu haben. Das Verwaltungsstrafverfahren des Finanzdepartements in dieser Sache richtet sich allerdings nicht gegen Lachappelle selber.

Für Lachappelle geht es zunächst darum, an der Delegiertenversammlung möglichst viele Stimmen für ein robustes Mandat zu bekommen. Danach wird er einem rundum erneuerten Aufsichtsgremium vorstehen. Eine seiner ersten Aufgaben ist es, einen neuen Chef zu finden. In erster Linie werde extern nach einem neuen Chef gesucht, sagt ein Sprecher. Weiter will sich die Bank über das «laufende Auswahlverfahren» nicht äussern.