Wirtschaft

«Wir legen jetzt wieder voll los»: Weshalb Ostschweizer Firmen trotz Corona und verschobener Schnupperlehren Lehrstellen erhalten wollen

Im Frühling schnuppern viele Jugendliche auf der Suche nach einer Lehrstelle im nächsten Jahr. Der Lockdown hat viele Schnupperlehren verschoben.

Im Frühling schnuppern viele Jugendliche auf der Suche nach einer Lehrstelle im nächsten Jahr. Der Lockdown hat viele Schnupperlehren verschoben.

Der Lockdown verschiebt manche Schnupperlehre. Eine Lehrstellenlücke tut sich in der Region aber noch nicht auf. Die meisten Unternehmen wollen weiterhin gleich viele Lehrstellen anbieten wie bisher.

Noch steht die Säntisbahn still, die Gästezimmer im Hotel Schwägalp sind leer. Keine lehrreiche Zeit für Oberstufenschüler, die eine Laufbahn im Tourismus anstreben. Einige Schnuppertermine wurden verschoben, sagt Personalverantwortliche Elsbeth Frischknecht. «Jetzt müssen wir erst abwarten, ob auch Gäste kommen, wenn wir nächste Woche öffnen.»

Aber sie ist zuversichtlich, dass die jungen Leute bald Hotelluft schnuppern können - mit leichten Anpassungen an die Situation. Für die Hotelfachleute seien Abstände einfacher einzuhalten als im Restaurant. «Aber es ist ja nicht verboten eine Gesichtsmaske anzuziehen.» Trotz Corona seien die Lehrstellen für den Sommer besetzt. Und für das kommende Jahr suchen Hotel und Bergbahnen gleich viele Lehrlinge wie sonst auch. «Wir legen jetzt wieder voll los.»

Auch nach der Coronakrise sind die Schweizer Unternehmen auf qualifizierten Berufsnachwuchs angewiesen. Deshalb ruft der Schweizerische Gewerbeverband die Firmen dazu auf, auch weiterhin auszubilden und Schnupperlehren durchzuführen, trotz der ausserordentlichen Situation. Diese legt auch der Berufslehre Steine in den Weg. So wurden in Wattwil und Wil Lehrstellenforen verschoben. Und an der Uni Bern prognostizierten Forscher kürzlich, dass als Folge der Krise Tausende Lehrstellen fehlen könnten.

Alle im gleichen Boot

Von dieser Lücke ist in der Ostschweiz aber noch wenig zu sehen. «Wir reduzieren die Zahl der Lehrstellen nicht», sagt Claudia Nef, Sprecherin des Gebäudetechnikunternehmens Hälg Group. Die Schnupperlehren für die Lernenden, die 2021 beginnen, wurden im März und April zwar ausgesetzt. Aber bereits für den Mai seien wieder Schnupperlehren geplant.

Die Jugendlichen, deren Schnupperzeit verschoben wurden, hätten Verständnis für die Situation. «Wir sitzen alle im gleichen Boot», sagt Nef. Tatsächlich will Hälg sogar mehr tun, um Lehrlinge zu gewinnen: Mit mehr Veranstaltungen an Schulen, verstärkter Onlinepräsenz, aber auch über persönliche Kontakte. Denn schweizweit schreibt Hälg im Jahr gegen 30 Lehrstellen aus. Und wie viele Firmen, die handwerkliche Berufe ausbilden, habe Hälg oft Mühe, die Stellen zu besetzen.

Schnupperlehrlinge sollen anpacken

Auch der Kreuzlinger Maschinen- und Anlagenbauer Neuweiler AG will die Zahl der Lehrstellen nicht reduzieren. Diesen Sommer würden gar mehr Lernende anfangen als üblich, sagt der Personalverantwortliche Daniel Steinemann: Vier statt wie sonst zwei bis drei.

© Donato Caspari

Nach einem Unterbruch der Schnupperlehren würden diese ab Ende Monat wieder aufgenommen. «Dabei müssen wir noch schauen, wie wir die Sicherheitsvorschriften einhalten können», sagt er. Denn die Schnupperstifte müssten schon vor Ort sein. Über Video oder Telefon sehe man zu wenig vom Handwerk.

Bewerben per Video

Claude Stadler, Sprecher SFS Group.

Claude Stadler, Sprecher SFS Group.

Andere Unternehmen setzen durchaus Videokonferenzen ein. So führte die SFS Group für die wenigen noch offenen Lehrstellen im Sommer auf diesem Weg Bewerbungsgespräche durch. Nun würden im eingeschränkten Ausmass wieder Schnupperlehren möglich, sagt SFS-Sprecher Claude Stadler. Allerdings seien während des Lockdowns wenige Anfragen dafür eingegangen.

Der Rheintaler Konzern will nächstes Jahr gleich viele Lehrstellen anbieten wie üblich.

Das gilt auch bei der Thurgauer Kantonalbank. Dort hat die Coronakrise den Prozess kaum beeinträchtigt. Wie üblich fanden die Schnupperlehren bereits im Februar und März statt, also noch vor dem Lockdown. Wenn die angehenden Banklehrlinge im Spätsommer zu Bewerbungsgesprächen kommen sollen, sei dies hoffentlich wieder möglich, sagt TKB-Sprecherin Sabrina Dünnenberger. Ungewohnt war dieses Jahr nur der Informationsanlass für Schüler und Eltern. Der wurde über Videokonferenz durchgeführt. «Das Interesse war etwa gleich gross wie in den Vorjahren.»

© Reto Martin

Vertragsabschlüsse im üblichen Rahmen

Bruno Müller, Leiter des Amtes für Berufsbildung des Kantons St.Gallen.

Bruno Müller, Leiter des Amtes für Berufsbildung des Kantons St.Gallen.

Eine Lehrstellenlücke kann auch Bruno Müller, Leiter des Amts für Berufsbildung des Kantons St.Gallen, noch nicht erkennen. «Die Zahl der unterschriebenen Lehrverträge ist nur ganz leicht unter dem Vorjahr, aber im üblichen Rahmen.» Er hofft, dass das auch so bleibt. Problematisch wäre es, wenn es in den nächsten Monaten zu vielen Konkursen kämen - dann wären auch Lernende betroffen. «Aber wir hoffen, dass man für diese jeweils eine Lösung findet. Das hat schon in anderen Fällen gut funktioniert.»

Das tut es bereits. «Wir haben in den letzten zwei Monaten zwei Lernende übernommen, die ihre alte Lehrstelle verloren haben», sagt Hälg-Sprecherin Nef. Zumindest eines dieser Lehrverhältnisse sei wegen Corona aufgelöst worden, sagt sie. Bei Hälg sei man demgegenüber offen. «Wir haben für den Sommer noch offene Lehrstellen.»

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