Es ist der 2. Oktober 2015. Zwei Männer fahren im Zug von Bern nach Zürich. Ihr Gespräch dreht sich um Filme. In der ersten Klasse bleiben sie unerkannt. Der Mann links ist Tidjane Thiam, ist 53 Jahre alt, ivorisch-französischer Doppelbürger, bis vor kurzem Versicherungschef. In seiner Karriere war er auch schon Minister der Elfenbeinküste. In den Medien wird er als «Schicksals-Chef» oder «Hoffnungsträger» bezeichnet. Er wird nächste Woche die neue Strategie der Credit Suisse (CS) bekannt geben.

Der Mann rechts hat die neue Strategie bei der zweitgrössten Schweizer Bank zu verantworten: Urs Rohner, 55 Jahre alt. Auch er hat eine wechselvolle Karriere hinter sich: Der Wirtschaftsjurist war von 2000 bis 2004 Chef des deutschen Medienhauses ProsiebenSat1. Danach wurde er Chefjurist der CS, wechselte 2009 in den Verwaltungsrat und amtet seit 2011 als Präsident. Bekannt ist auch, dass Rohner mit Ex-Model und Unternehmerin Nadja Schildknecht liiert ist. Sie haben zusammen einen Sohn. Aus erster Ehe hat Rohner drei weitere Kinder.

Laut «Bilanz» trat Urs Rohner als Fünfjähriger in Fernsehspots für Fischstäbchen und Mayonnaise auf und sang bei den Zürcher Sängerknaben. Später wurde Rohner Schweizer Meister über 110 Meter Hürden. «Ich habe oft Leute noch an der zehnten Hürde stürzen sehen», gab er zu Protokoll. Was er meinte: Das Rennen ist erst im Ziel zu Ende.

Nun ist Rohner am Ziel. Der Mann, zu dessen Hobbys das Lesen von Drehbüchern gehört, hat jahrelang darauf hingearbeitet. Es wird damit gerechnet, dass die CS nicht nur eine Kapitalerhöhung ankündigt, sondern auch beim Investmentbanking Abstriche macht. Die CS läutet damit auch einen Kulturwandel ein. Denn im Gegensatz zur Konkurrentin UBS war dies seit der Gründung unter dem Namen Kreditanstalt ein zentraler Geschäftszweig. Die Bank half unter anderem bei der Gründung der ABB und bei Nestlé mit. Ja, sogar eine der UBS-Vorgängerbanken wurde mithilfe der Kreditanstalt finanziert.

Der Beginn des Umbaus

Der erste Akt von Rohners Umbauplänen begann 2012. Rohner umgab sich mit einer neuen Generation von Verwaltungsräten. Darunter die Schweizer Verhaltensökonomin Iris Bohnet sowie auch die schweizerisch-australische Investmentbankerin und Versicherungs-Chefin Seraina Maag. Er holte auch Sebastian Thrun, den ehemaligen Professor für künstliche Intelligenz an der US-Eliteuniversität Stanford und Vizepräsident des Technologiegiganten Google, ins Gremium. Alles Menschen, die wissen, wie schnell sich die Welt dreht und die die Bank aktiv umgestalten wollen. Und die Rohners Vision folgen.

Der zweite Akt war die Ablösung des Amerikaners Brady Dougan als Konzernchef. Ein heikles Unterfangen: Lange galt Dougan, der die Bank ohne Staatshilfe durch die Finanzkrise gelenkt hatte, als unantastbar. Daran änderte die Empörung über die 90,1 Millionen Franken, die Dougan fürs Jahr 2009 kassierte, nichts. Dougan soll trotz Aufforderungen anderer Manager darauf bestanden haben, den vollen Betrag zu erhalten.

Doch Rohner liess nicht locker. Als Jurist wusste er nur zu gut, dass die Kapitalanforderungen an die Banken nach der Finanzkrise höher wurden und dass dies Folgen für die Strategie hat. Dass es etwa immer teurer wurde, Kredite zu vergeben und ein Investmentbanking zu betreiben, wie es Dougan gerne hätte. Noch stärkten Dougan jedoch die Grossaktionäre der CS von der Arabischen Halbinsel den Rücken und im Verwaltungsrat sassen Schwergewichte, welche die Integration der Investmentbank mitverantwortet hatten.

Dougans Ende

Der Wind kehrte erst mit der öffentlichen Kritik der Schweizerischen Nationalbank an der Kapitalausstattung der CS 2012. Die Zweifel führten dazu, dass sich der Verwaltungsrat und die Grossaktionäre umstimmen liessen.

Dougan schadete schliesslich, dass die Bank 2014 in den USA 2,6 Milliarden Dollar (2,3 Milliarden Franken) Busse zahlen musste sowie ein Schuldgeständnis ablegte. Das war mehr als die UBS, die in den USA viel mehr Kunden betreute. Diesen Sommer musste Brady Dougan den Hut nehmen. Tidjane Thiam zog ein. Am nächsten Dienstag hat er seinen grossen Auftritt.