Industrie
Wegen Mehrarbeit: Industriekonzern Georg Fischer spaltet die Gewerkschaften

Mehrarbeit trotz guter Zahlen — GF erntet Lob und Kritik für die Reaktion auf den Frankenschock. Aus einer 40-Stundenwoche wurde plötzlich eine 44-Stundenwoche.

Fabian Hock
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Ein Mitarbeiter der Georg Fischer kalibriert ein Motorenkabel. (Archiv)

Ein Mitarbeiter der Georg Fischer kalibriert ein Motorenkabel. (Archiv)

Keystone

Georg Fischer war einer der schnellsten. Der Industriekonzern reagierte bereits im Februar letzten Jahres auf den Frankenschock. Früher als viele Mitbewerber erhöhten die Winterthurer das Pensum der Mitarbeiter: Aus 40 Stunden pro Woche wurden 44.

Ein voller Erfolg, wie sich gestern herausstellte. Zumindest finanziell. In Zürich präsentierte Konzernchef Yves Serra das Jahresergebnis – und dieses fiel trotz der Frankenstärke sehr solide aus. Dabei hinterliess die Aufwertung der Währung durchaus Spuren: 245 Millionen Franken an Umsatz habe GF deswegen eingebüsst, was bei einem Gesamtumsatz von etwas mehr als 3,6 Milliarden durchaus ins Gewicht fällt. Beim EBIT, also dem Gewinn vor Zinsen und Steuern, schlug der starke Franken mit 28 Millionen zu Buche.

Dass trotz der Währungseinflüsse unter dem Strich ein Anstieg des Betriebsergebnisses um acht Prozent gegenüber dem Vorjahr steht und GF auch andere wichtige Kennzahlen verbessern konnte, führt Konzernchef Serra auch auf das Verhalten seiner Mitarbeitenden zurück. Alle hätten die Mehrarbeit freiwillig akzeptiert, lobte er. «Ein Zeichen für die gute Sozialpartnerschaft.»

Mehrarbeit verschaffte Zeit

Georg Fischer scheint den starken Franken gut verdaut zu haben. Am 1. Januar dieses Jahres reduzierte der Konzern die Arbeitszeit wieder auf die vorherigen 40 Stunden. Im November durften sich die Angestellten bereits über eine Sonderzahlung von 1000 Franken freuen, die, wie Serra betont, zusammen fast die Hälfte der Einsparungen ausmachte, die das Unternehmen durch die Mehrarbeit erzielte.

Das schnelle Heraufsetzen der Arbeitszeit verschaffte der Unternehmensleitung Zeit und Raum, um Massnahmen zur Effizienzsteigerung und zum Kostensparen zu treffen. Die Angestellten machten mit — und wurden zum Schluss gar dafür entschädigt. Es scheint, als hätte GF die ideale Lösung der Frankenkrise gefunden.

Das sieht man jedoch nicht überall so. Christian Gusset von der Gewerkschaft Unia hält von der Mehrarbeit bei Georg Fischer gar nichts. «Die Erhöhung der Arbeitszeit diente einzig und allein den Aktionären.» Der einzige Grund, warum die Geschäftsleitung sie im Februar 2015 eingeführt und fast ein Jahr lang aufrecht erhalten hat, sei die angestrebte Dividendenerhöhung, sagt der für die Maschinen-, Elektro- und Metall-(MEM-)Industrie zuständige Unia-Sekretär. Dass die Mehrarbeit Stellen in der Schweiz sichert, glaubt Gusset nicht: «Gratisarbeit hat keinen Einfluss auf strategische Standortentscheide.»

Damit widerspricht der Unia-Mann auch dem Angestelltenverband Angestellte Schweiz. Dessen Geschäftsführer Stefan Studer sieht viel Richtiges im Handeln von GF. Für ihn ist die Vereinbarung zwischen der Geschäftsleitung und der Personalkommission auf Basis des «Krisenartikels» 57 im Gesamtarbeitsvertrag der MEM-Branche eine Möglichkeit, um mit der Frankenstärke umzugehen. Er betont: «So schaffen wir es, die Arbeitsplätze in der Schweiz zu halten.» Für ihn haben GF und deren Angestellte bewiesen, dass der Gesamtarbeitsvertrag auch im Krisenfall funktioniert.

Den Krisenartikel 57, der die zeitlich befristete Mehrarbeit möglich macht, hält auch Unia-Sekretär Gusset grundsätzlich für gut. Er dürfe aber nur angewendet werden, wenn es wirklich sinnvoll sei. Im Falle GF sei dies nicht der Fall gewesen.

Mehrarbeit über einen Zeitrom von 15 Monaten

Neben dem Konzern aus Winterthur haben weitere Industriefirmen vom Instrument der Mehrarbeit als Reaktion auf den Frankenschock Gebrauch gemacht. Artikel 57 sieht vor, dass Mehrarbeit über einen Zeitraum von 15 Monaten Konzernintern beschlossen werden kann. Alles was darüber hinaus geht, muss in Absprache mit den zuständigen Verbänden erfolgen. Ab Mai/Juni werden die ersten Firmen, die das letzte Jahr schlechter verdaut haben als GF, verhandeln müssen, ob die Mehrarbeit ausgedehnt wird. Spannungen zwischen den Vertragspartnern sind hier bereits vorprogrammiert.

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