Die neue Frankenschwäche verleiht der Schweizer Wirtschaft zusätzlichen Schwung. Dies belegen sowohl die gestern veröffentlichten Arbeitsmarktdaten zum Monat April wie auch der aktuelle Geschäftslageindikator der Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich (KOF). Doch die ungewöhnlich stark ansteigende Zunahme der Nachfrage nach Temporärarbeit zeigt ebenso: Die Unternehmer wollen dem Glück noch nicht richtig trauen.

Gestern meldete das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) den Rückgang der Arbeitslosenquote im April auf 2,7 Prozent. Das ist der tiefste Stand seit sechs Jahren. Noch sind auf den Regionalen Arbeitsvermittlungszentren fast 120 000 Menschen arbeitslos gemeldet. Doch allein im April ist diese Zahl um über 10 000 Personen kleiner geworden.

Nicht nur saisonale Gründe

Saisonale Effekte wie die Rückkehr der Bauwirtschaft vom winterlichen Sparbetrieb zur Maximalproduktion lassen die Statistik in dieser Jahreszeit zwar immer etwas besser aussehen, doch der saisonal unbeeinflusste Vergleich zwischen April 2018 und April 2017 macht deutlich, dass hier auch starke konjunkturelle Kräfte am Werk sind.

In diesem Vorjahresvergleich hat die Zahl der gemeldeten Arbeitslosen um mehr als 26 000 Personen beziehungsweise 18 Prozent abgenommen. Besonders erfreulich: Von den rund 26 000 Personen, die im April 2017 noch als langzeitarbeitslos gemeldet waren (mehr als ein Jahr ohne Stelle), haben in den vergangenen zwölf Monaten über 5500 (23 Prozent) den Weg zurück in den Arbeitsmarkt gefunden. Besonders viele fanden im vergangenen Monat einen Job.

Wirtschaft braucht frische Kräfte

Dass die Wirtschaft frische Arbeitskräfte braucht, zeigt der Geschäftslageindikator der KOF. Die monatliche Befragung von 4500 Unternehmen aus allen Bereichen der Privatwirtschaft ergibt derzeit ein Stimmungsbild, das so positiv ist wie unmittelbar vor dem Frankenschock im Januar 2015.

In der Industrie planen Exportfirmen, ihre Produktionstätigkeit in naher Zukunft auszuweiten, und es werden zusätzliche Arbeitskräfte gesucht, beschreibt die KOF das gestern veröffentlichte Umfrageergebnis. Zusätzlich zu der positiven Wirtschaftsentwicklung im Ausland hilft auch der Wechselkurs. Im ersten Quartal des Jahres kostete ein Euro noch durchschnittlich Fr. 1.17, ein Jahr davor waren es Fr. 1.07 gewesen. Inzwischen bewegt sich der Euro sogar bei über Fr. 1.19 Franken. Insbesondere auf den EU-Märkten habe sich die Wettbewerbsposition der Schweizer Industriefirmen verbessert, stellt die KOF fest.

Zeitarbeitsverträge nehmen zu

Doch dem Wechselkursglück wollen die Unternehmer noch nicht ganz trauen. Das zeigt sich unter anderem an der Tatsache, dass im Moment besonders viele Arbeitsverträge auf Zeit abgeschlossen werden. Swissstaffing, der Verband der Schweizer Personalvermittler, registriert für das erste Quartal eine Zunahme der geleisteten Einsatzstunden von Temporärangestellten um über 15 Prozent gegenüber der gleichen Zeit des Vorjahres. Das ist die stärkste Zunahme in den sechs Jahren, seit es den «Swiss Staffingindex» gibt.

Verknappung zeichnet sich ab

Unter der Annahme einer unverändert guten Konjunkturentwicklung könnten sich in gewissen Sektoren und Berufsgruppen schon im laufenden Jahr, spätestens aber im nächsten Jahr Zeichen der Verknappung manifestieren, glaubt Swissstaffing-Ökonom Marius Osterfeld.

Die Schweizer Industrie wird kaum umhinkommen, auch in der Schweiz wieder mehr zu investieren. KOF-Ökonom Yngve Abrahamsen erwartet zunächst vor allem mehr Rationalisierungsinvestitionen, von denen es in den vergangenen Jahren erstaunlich wenige gegeben habe. In absehbarer Zukunft könnten aber auch Erweiterungsinvestitionen folgen.

Bereits im Januar waren über 90 Prozent der Kapazitäten in der Industrie ausgelastet. Die gesamte Kapazitätsauslastung der Schweizer Wirtschaft betrug im April gemäss KOF 83 Prozent. Die Zurückhaltung der Unternehmer ist auch vor dem Hintergrund dieser Zahlen nicht unverständlich. So sorgte die verworrene politische Lage in Italien gestern für einen unerwartet starken Dämpfer auf den Euro-Kurs. Auch Donald Trumps Sicherheits- und Handelspolitik erhöht die wirtschaftliche Unsicherheit.Kommentar rechts