Wirtschaft

Warum müssen Campingplätze noch geschlossen bleiben, Jugendherbergen und SAC-Hütten aber nicht? Empörte Betreiber drängen auf eine sofortige Öffnung

Campingplätze wie dieser im Bad Zurzach AG dürfen noch keine touristischen Gäste aufnehmen. (Bild: Sandra Ardizzone, 5. Mai 2020)

Campingplätze wie dieser im Bad Zurzach AG dürfen noch keine touristischen Gäste aufnehmen. (Bild: Sandra Ardizzone, 5. Mai 2020)

Campingplätze wurden als einzige Beherbergungsbetriebe per Bundesdekret geschlossen. Jetzt verlangen die Betreiber gleiche Bedingungen wie ihre Mitstreiter.

Hotels, Jugendherbergen und Alphütten mussten per Bundesdekret gar nie schliessen. Viele taten dies während des Lockdowns aber freiwillig, die Gäste blieben in dieser Zeit ohnehin aus. Jetzt öffnen die meisten wieder ihre Türen. Die Ausnahme: Campingplätze, die als einzige Beherbergungsbetriebe weiterhin geschlossen bleiben müssen. Die Empörung der Branche ist gross - und ebenso die der Camper. Aktuell werden die Betreiber mit Fragen über die Öffnung überhäuft.

Doch nach wie vor gibt es für die rund 400 offiziell erfassten Campingplätze in der Schweiz keinen fixen Eröffnungstermin. Dies, obwohl Bundesrat Ueli Maurer in seiner flammenden Rede in der Sondersession an die Schweizer Bevölkerung appellierte, in der Schweiz Ferien zu machen und das Geld hier auszugeben. Janine Bunte, Vorsitzende des Dachverbands Parahotellerie, kritisierte den Bundesrat an einer Medienkonferenz am Mittwoch deshalb scharf: Sie wisse nicht, ob die Regierung die Campingplätze ganz einfach vergessen habe. Sie selbst habe sie am Tourismus-Gipfel vom 26. April darauf hingewiesen.

Campingplätze spielen im Schweizer Tourismus eine wichtige Rolle: Pro Jahr generieren sie über 3,5 Millionen Logiernächte oder rund 6,3 Prozent aller in der Schweiz registrierten Übernachtungen. Der Anteil inländischer Touristen ist dabei sehr hoch: Rund 80 Prozent sind Schweizer. Besonders bei Familien sind sie aufgrund der erschwinglichen Preise beliebt.

Platzverhältnisse in den Waschräumen seien problematisch

Lange zeigten die Betreiber und der Verband Swisscamps noch Verständnis für die Situation. «Wir nutzten die Zeit, um Schutzkonzepte auszuarbeiten», sagt etwa Oliver Grützner, Leiter Tourismus & Freizeit beim Campingplatzbetreiber TCS. Jetzt ist der Geduldsfaden aber gerissen: Die Branche fordert, sofort öffnen zu dürfen. Swisscamps und der TCS intervenierten und verschickten Briefe. An das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), an den Gesamtbundesrat, an Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga, an Wirtschaftsminister Guy Parmelin.

Bisher blieb die Reaktion aus. Auch auf eine Anfrage dieser Zeitung reagierte die Bundesverwaltung bis jetzt nicht. Einzig das Seco schickte laut Grützner eine Antwort. Als Grund für die Schliessung führte es die Platzverhältnisse in den sanitären Anlagen auf. Auch solle der Reise- und Ferienverkehr dadurch vermindert werden. «Das ist einfach nicht logisch und nicht fair», moniert Wolfgang Bosshardt. Er ist Zentralpräsident von Swisscamps und betreibt einen Campingplatz in Sur En im Unterengadin. «In die Berge reisen darf man, in Hotels und Alphütten soll man Ferien machen dürfen. Aber in Campingplätzen nicht? Wir haben ausserdem mehr Platz als SAC-Hütten mit ihren Schlägen.»

Grützner ergänzt: Die Frage der Platzverhältnisse in den Toiletten und Waschräumen stelle sich auch in jedem Restaurant und in jeder Berghütte. Dies lasse sich mit einem guten Schutzkonzept lösen. Er hofft nun doch noch auf ein rasches Einlenken des Bundesrates - mit Auffahrt und Pfingsten stehen im Mai noch umsatzstarke Tage an. «Ich hoffe, dass wir kommenden Montag öffnen dürfen. Vorbereitet sind wir.»

Touristen könnten wild campieren

Ob daraus etwas wird, ist unklar. Bekannt ist derzeit lediglich, dass die Campingplätze bis am 7. Juni geschlossen bleiben müssen. So steht es in der neusten Verordnung über die Corona-Schutzmassnahmen. Janine Bunte vom Dachverband Parahotellerie geht deshalb von einer Öffnung am 8. Juni. «Wir hoffen und setzen auf diesen Termin, auch wenn uns der Bundesrat darüber im Unklaren lässt.» Bunte kritisiert ausserdem, dass nicht sämtliche touristische Leistungsträger gleichzeitig öffnen konnten - so warten etwa auch Bergbahnen noch auf die Wiedereröffnung.

Derweil könnte es aufgrund der geschlossenen Campingplätze zu wildem Campieren kommen, ist Bosshardt von Swisscamps überzeugt. «Das Bedürfnis der Leute nach Ferien in der Natur ist da. Diejenigen, die ein Wohnmobil besitzen, werden auch so losfahren und es dann einfach irgendwo parkieren.» Den Campingplätzen entgehen so weitere Einnahmen. Laut Grützner hat der TCS durch die Schliessung seiner 24 Plätze Stand heute bereits 5 Millionen Franken verloren.

Ein kleiner Trost bleibt: Der Sommer sieht punkto Buchungen gut aus, meint Grützner. Auch Wolfgang Bosshardt schreibt sein Sommergeschäft noch nicht ab. In den Monaten Juli, August und September sei sein Camping am Ufer der Inn für gewöhnlich gut besetzt. «Mal abwarten», meint Bosshardt, «die Saison kann ja noch was werden.»

Autor

Gabriela Jordan

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