Interview

Warnung an den Bundesrat vom obersten Gastwirt: «So wie es jetzt ist, kann unsere Branche nicht funktionieren»

Tief in der Coronakrise: Die Gastronomie zählt zu den am schwersten betroffenen Branchen

Tief in der Coronakrise: Die Gastronomie zählt zu den am schwersten betroffenen Branchen

Nach dem Lockdown sprach der Bundesrat von einer «neuen Normalität», auf die man sich freuen könne. Nun widerspricht der oberste Schweizer Gastwirt: Die Wirtschaft werde an die Wand gefahren.

Herr Platzer, das Gastgewerbe darf seit Mitte Mai wieder Gäste empfangen, wobei viele Einschränkungen gelten. Bundespräsidentin Sommaruga sprach von einer «neuen Normalität». Wie fällt die bisherige Bilanz aus?

Casimir Platzer: Viele Restaurants und Hotels haben im Sommer erfreulich gut gearbeitet, vor allem in den Bergen und auf dem Land. Die Schweizer sind in der Schweiz geblieben und das Wetter hat geholfen. Doch das ist nur die eine Seite der Medaille. Wenn die jetzige Situation mit den Einschränkungen und der grossen Unsicherheit wirklich die neue Normalität bedeutet, werden das sehr viele Betriebe nicht überleben.

Wie kommen Sie zu dieser Einschätzung?

Diesen Sommer gab es vielerorts enorme Umsatzrückgänge. Viele Betriebe haben ihre Reserven mittlerweile aufgebraucht. Dabei beginnt die Rezession erst. Die täglichen Berichterstattungen verunsichern. Viele Leute, aber auch Unternehmen, ändern ihr Verhalten beim Konsum, Ausgehen und Reisen.

Wie meinen Sie das?

Veranstaltungen oder Bankette finden nicht statt, Seminare oder Vereinsanlässe auch nicht. Ausländische Touristen fehlen fast komplett. Es drohen wöchentlich neue Massnahmen in irgendeinem Kanton. Das Gewirr an Regeln wird immer undurchsichtiger.

Immerhin hebt der Bundesrat das Verbot von Grossanlässen auf ab dem Herbst.

Einerseits begrüssen wir das sehr, denn es ist wichtig, dass auch Veranstalter wieder eine Perspektive haben. Andererseits, wenn es im Herbst kälter wird, fallen die Sitze und Tische in der herkömmlichen Gastronomie draussen weg. Drinnen gelten Mindestabstände. Kleinere Lokale bleiben dann lieber gleich zu. Und bald stellt sich die nächste Frage: Kann man Wintersport betreiben? Wenn ja, wie viele Leute dürfen in den Skigebieten sein?

Rechnen Sie mit der Schliessung von Skigebieten?

Ich habe grossen Respekt vor der kommenden Wintersaison und hoffe wirklich sehr, dass es nicht zu grösseren Lockdowns kommt. Die wirtschaftlichen Folgen wären katastrophal. Es wäre wichtig, dass die Branche Planungssicherheit hat und das einheitliche Richtlinien und Verhaltensregeln beschlossen werden. Das werden wir dem Bundesrat so mitteilen, wenn wir ihn Ende Monat zum dritten Tourismusgipfel treffen.

Was konkret fordern Sie also vom Bundesrat?

Klarheit darüber, was stattfinden kann und was nicht. Zudem ist es ganz grundsätzlich wichtig, darüber zu diskutieren, wie wir zukünftig mit Virus-Pandemien umgehen.

Was ist schlecht an den aktuellen Massnahmen?

Viele Bereiche der Wirtschaft sind bereits stark geschwächt. Machen wir so weiter, fahren wir die Wirtschaft komplett an die Wand. Es ist dringend eine Standortbestimmung nötig.

Ihre Branche hatte im Sommer doch teils Rekordzahlen.

Einen guten Sommer gab es in jenen Regionen, die auch sonst einen hohen Anteil an Schweizer Gästen haben. Graubünden, im Tessin etwa Ascona oder Locarno und auch in vielen ländlichen Gebieten. Anderswo war die Belegung aber weit unterdurchschnittlich. Vor allem in den Städten und dort, wohin sonst mehrheitlich ausländische Gäste kommen. Ihr Ausbleiben kann nicht kompensiert werden. Insgesamt haben wir grosse Verluste zu verkraften.

Was schwebt Ihnen vor? Die Schweiz gehört in Europa bereits zu jenen Ländern, die am meisten gelockert haben.

Den Umgang mit der Pandemie müssen wir gemeinsam finden. Was ich aber mit Bestimmtheit sagen kann: So wie es jetzt ist, können das Gastgewerbe und die Tourismusbranche nicht funktionieren. Die gesellschaftliche und wirtschaftliche Relevanz der Branche ist nicht zu unterschätzen. Wir sind der grösste private Arbeitgeber in der Schweiz. Wir sind eine Querschnittsbranche, die mit vielen anderen vernetzt ist: zum Beispiel mit der Landwirtschaft, dem Gewerbe oder auch dem Baugewerbe. Das heisst: Geht es Gastgewerbe und Tourismus schlecht, wirkt sich das rasch auf das Gewerbe und die gesamte Wirtschaft aus.

Sie machen keine eigenen Lösungsvorschläge?

Das Gastgewerbe kann die Corona-Probleme nicht alleine lösen. Vermutlich wird das auch die Schweiz nicht im Alleingang können. Sondern es braucht den Austausch und eine Diskussion. Persönlich wünsche ich mir weniger Angstmacherei und mehr gesunden Menschenverstand.

Was verstehen Sie darunter?

Es ist ja nicht so, dass das die erste Pandemie wäre. Grosse Virusinfektionen mit sehr hohen Ansteckungsraten kommen leider alle fünf bis zehn Jahre vor, kleinere Epidemien fast jedes Jahr. Es ist zu befürchten, dass es auch in Zukunft so ist.

Sie meinen Grippewellen?

Ich bin weder Arzt, noch Virologe oder Epidemiologe und behaupte nicht, dass das Covid-19-Virus ein Grippevirus ist. Ich spreche von weltweiten Virusinfektionen mit ähnlich vielen Erkrankungen. In Deutschland etwa erkrankten 2004 und 2005 in einer grossen Infektionswelle rund 6 Millionen Menschen, 20'000 Menschen starben. Vor 3 Jahren gab es eine ähnlich bedeutende Pandemie. Es gibt zig solcher Beispiele.

Was zeigt Ihnen das?

Wir müssen einen gangbaren Weg finden für einen gemeinsamen Umgang mit Pandemien. Was ist das für ein Leben, das wir sonst unseren Kindern hinterlassen? Wir alle hoffen ja auf einen Impfstoff. Aber das nächste Virus kommt bestimmt und der Impfstoff zeigt dafür dann vielleicht keine Wirkung mehr. Nur warten und Hoffen kann nicht die Lösung sein.

Sollte der Bundesrat mehr auf seine Taskforce hören?

Nach meiner Einschätzung ist die Taskforce des Bundes sehr einseitig besetzt. Wichtige Aspekte werden in der Beurteilung nicht berücksichtigt. Epidemiologen sind in erster Linie Statistiker und vermelden zum Beispiel 300 Ansteckungen an einem Tag. Das klingt erschreckend. Doch wie krank waren die Infizierten? Mediziner, mit denen ich rede, verstehen teils nicht, wie wir mit dem Virus umgehen, warum wir uns nicht darauf konzentrieren stark gefährdete Menschen zu schützen.

Meistgesehen

Artboard 1