Konjunktur

«Wachstum allein wird den Populismus nicht verdrängen»

Karsten Junius, Chefökonom der Bank J. Safra Sarasin, spricht im Interview über den Aufschwung, Populisten und gesellschaftliche Trends.

Herr Junius, für 2018 wird ein kräftiges Anziehen der globalen Wirtschaftskonjunktur erwartet. Ist damit die Finanzkrise ausgestanden?

Karsten Junius: Das wird sich zeigen. Was wir wissen ist: Die Weltwirtschaft boomt; viele Indikatoren zeigen, dass die Konsumenten und Unternehmen sehr zuversichtlich sind. In Euroland stieg das Wachstum im dritten Quartal gegenüber dem Vorjahr auf rund 2,5 Prozent – das höchste Niveau seit 2011. Im Gesamtjahr könnte sich das stärkste Wachstum seit 2007 ergeben. Die Arbeitslosenquote ist auf dem niedrigsten Stand seit Januar 2009.

In vielen Industriestaaten bekamen Populisten grossen Zulauf. Wird es für sie schwieriger, wenn die Wirtschaft wieder kräftiger wächst?

Davon gehe ich nicht aus. Starkes Wachstum allein dürfte leider nicht ausreichen, um den Populismus zu verdrängen. Denn zunächst einmal müsste das Wachstum auch bei den Leuten ankommen. Verschiedene Studien deuten darauf hin, dass dies in vielen Ländern in den letzten Jahrzehnten nicht gelungen ist.

  
Was zeigen diese Studien konkret?

Dass sich das Wohlergehen grosser Bevölkerungsteile nicht unbedingt parallel verbessert mit günstigeren Wirtschaftsstatistiken. So kann die Verteilung von Einkommen und Vermögen noch ungleicher werden, auch wenn die Wirtschaft wächst. Für die USA zum Beispiel hat kürzlich ein Arbeitspapier des Internationalen Währungsfonds (IWF) festgestellt, dass die Einkommen auseinanderdriften. Es gibt anteilsmässig weniger Haushalte mit einem mittleren Einkommen als 1970 und mehr Haushalte mit tiefem Einkommen. 

  
Worauf ist dieses Auseinanderdriften zurückzuführen?

Gemäss Studie zur Hälfte auf technologischen Wandel und den internationalen Handel. Beides trägt eigentlich dazu bei, dass der Wohlstand wächst. Aber beides hat eben auch Nebenwirkungen, und dieses Auseinanderdriften ist eine davon. Einige Ökonomen empfehlen deshalb, diese Nebenwirkungen zu mildern. Etwa über höhere Steuern auf die oberen Einkommen.

   
Sind die USA nicht ein Sonderfall?

Nein. Das zeigt etwa der OECD-Bericht «How’s life?» (Wie ist das Leben?), der für alle Industriestaaten zahlreiche Statistiken zum Wohlbefinden der Bevölkerung auswertet. In mindestens einem Viertel der OECD-Länder hat sich die Lebenszufriedenheit nicht verbessert. Das Vertrauen in die nationalen Regierungen ist gesunken. Die Wahlbeteiligung fällt.

Zu ähnlichen Schlüssen kommen auch monatliche Umfragen des Marktforschungsinstitutes Ipsos, «Was der Welt Sorgen macht». In vielen Ländern glaubt die Mehrheit der Befragten zum Beispiel, ihr Land entwickle sich in die falsche Richtung. Auf diese Einschätzung scheint es keinen Einfluss zu haben, ob gerade Hochkonjunktur oder Rezession ist.

  
Vielleicht ist die Angst vor Jobverlust wichtiger als das Wirtschaftswachstum?

Die Arbeitslosigkeit zählt tatsächlich in vielen Ländern zu den wichtigsten Sorgen. Aber die Reaktionen auf Arbeitslosigkeit sind unterschiedlich. In Mexiko oder Korea wird sie zur Hauptsorge bei einer Arbeitslosenquote von 4 Prozent. In Deutschland hingegen wird eine Quote von 4 Prozent nicht als besorgniserregend wahrgenommen. In anderen Ländern sank die Arbeitslosigkeit stark, dennoch erhielten Populisten mehr Zulauf. Die Reaktionen scheinen nicht immer rational zu sein.

  
Woran kann das liegen?

Schwierig zu sagen. Eine Theorie dazu hat der amerikanische Rechtsexperte Cass Sunstein aufgestellt in seinem Buch «Zweigeteilte Demokratie im Zeitalter sozialer Medien». Durch die weite Verbreitung sozialer Medien würden sich Echokammern bilden. Dort hören wir nur jenen zu, die unsere bereits vorhandenen Ansichten bestätigen. Für Populisten werde es dadurch einfacher, unsere Gesellschaften in einzelne Gruppen zu zerlegen und gegeneinander aufzubringen. Hingegen wird es schwieriger, politische Kompromisse zu finden und das Funktionieren unserer Demokratie zu gewährleisten.

  
Facebook wäre ein Beispiel?

Ja, auch über Facebook tauschen wir Meinungen und Nachrichten hauptsächlich mit ähnlich Denkenden aus. Ein anderes Beispiel ist die Wahl des Nachrichtenkanals. Es ist bekannt, dass Zuschauer des US-Fernsehsender Fox News kaum mehr den Argumenten und Nachrichten ausgesetzt sind, die sich in den anderen Medien finden, wie etwa CNN oder Washington Post. Umgekehrt gilt das auch.

  
Warum interessieren sich Chefökonomen von Banken für solche gesellschaftlichen Trends?

Wenn Finanzmarktakteure gut beraten werden sollen, dürfen sich Banken-Ökonomen nicht in Echokammern bewegen. Sonst steigt das Risiko von Fehlinvestitionen. So haben etwa die meisten Finanzmarktteilnehmer die Wahrscheinlichkeit unterschätzt, dass die Wähler sich für Brexit und Trump entscheiden. Das passiert leicht, wenn die Gesellschaft in Gruppen zerfällt, die nicht miteinander reden.

Nach den Wahlen glaubten viele, in Grossbritannien werde es eine Rezession geben, in den USA die Börse einbrechen. Das war alles falsch. Daraus gilt es zu lernen. Die Finanzmärkte müssen sich darauf einstellen, dass die Wähler politisch risikofreudiger bleiben werden. Obschon die Wirtschaft stark wächst und die Arbeitslosenraten fallen, oder vielleicht sogar deshalb.

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