«Grüne Mauer»
Von Dakar bis Djibouti: Für 13 Milliarden Franken will Afrika auf 8000 Kilometern eine grüne Mauer aus Bäumen bauen

Eine «grüne Mauer» aus Bäumen und Büschen quer durch Afrika soll die Ausbreitung der Sahara Richtung Sahelgebiet stoppen. Kritiker halten den Ansatz für falsch.

Stefan Brändle aus Paris
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CH Media

Sie schlängelt sich nicht wie die «Grosse Mauer» durch China, sondern durchquert den ganzen afrikanischen Kontinent im Süden der Sahara. Sie besteht auch nicht aus Steinen, sondern aus Bäumen, Büschen und Kulturpflanzen. «La Grande Muraille verte» (die grosse grüne Mauer), wie sie der französische Präsident Emmanuel Macron diese Woche bei einem Umweltgipfel in Paris genannt hat, ist aber ebenfalls ein Monsterprojekt: Das fast 8000 Kilometer lange Bollwerk soll verhindern, dass sich die Wüste und mit ihr Trockenheit und Hitze über Afrika ausbreiten.

Neu ist das Projekt mitnichten: Die erste Idee ist zwanzig Jahre alt, und vor einem Jahrzehnt gründeten elf Anrainerstaaten zwischen Dakar und Djibouti die «panafrikanische Agentur für die grosse grüne Mauer». Ein wenig überall sprossen lokale Initiativen. Eritrea fördert Terrassenkulturen, Tschad pflanzt Akazien, Burkina Faso entwickelt ein einfach zu handhabendes Bewässerungssystems der Dogon, «Zaï» genannt. Senegal pflanzt Zehntausende von Bäumen; Äthiopien bildet 60'000 Agronomen aus.

Jetzt greift Deutschland ein

2015 zog die Weltgemeinschaft auf Betrieben Frankreichs mit: Der Pariser Klimagipfel COP21 versprach vier Milliarden Dollar an Hilfsgeldern. Im letztem Herbst zog ein Uno-Bericht allerdings eine ernüchternde Bilanz. Umgesetzt sind erst vier Prozent des Plansolls: Statt 100 Millionen Hektaren sind vier Millionen Hektaren Grünfläche entstanden. Als Gründe für den Rückstand nannte Amina Mohammed, die Vize-Generalsekretärin der Uno, Mangel an Geld und an Arbeitskräften, aber auch unklare Zuständigkeiten, Rivalitäten sowie die grassierende Unsicherheit im Sahelgebiet durch Terror-Milizen.

2020 ist das Projekt wegen Corona zusätzlich ins Stocken geraten. Am Montag haben die Teilnehmer des «One Planet Summits» in Paris unter anderem versucht, der grünen Mauer neue Impulse zu vermitteln. Macron und die deutsche Kanzlerin Angela Merkel – sie durch Video zugeschaltet – gaben bekannt, dass 50 Länder sich der Initiative angeschlossen hätten und bis 2025 insgesamt 14,4 Milliarden Dollar (knapp 13 Milliarden Franken) aufbringen wollten. Das wären fast drei Milliarden pro Jahr.

Anwohner sind skeptisch

Die eindrückliche Zahl ist allerdings zu relativieren. Von den vier Milliarden, die der COP21-Gipfel für das Projekt eines grünen Gürtels versprochen hatte, sind laut Weltbank nur 870 Millionen Dollar wirklich in die grüne Mauer geflossen. Die Agentur der Grossen Mauer hat sogar nach eigener Darstellung nur 200 Millionen erhalten. Das wirft die unangenehme Frage auf, wohin die übrigen Gelder versickert sind.

Das ist aber nicht die einzige Kritik an dem Grossprojekt. Ortskenner haben grundsätzliche Einwände. Patrice Burger von «Cari», einem Netzwerk für den Kampf gegen die Wüstenbildung, berichtete in der Zeitung Le Monde, die meist sehr arme Landbevölkerung sei «nicht überzeugt, dass ihnen das Projekt eine bessere Zukunft verspricht». Sie bevorzugten ihre bisherigen Anpflanzungen, auch wenn diese nur spärliche, aber immerhin sichere Früchte abwärfen. Den Instruktionen von oben über die Anbauweisen trauten sie nicht.

Was bringt die Mauer gegen den Klimawandel?

Dagegen könnte man einwenden, dass es immer noch besser sei, neue Biokulturen zu pflanzen als im Wüstensand unterzugehen. Der Agronom Pierre Hiernaux glaubt aber, dass die Wüste im Bereich der «grünen Mauer» gar nicht mehr vordringe. Seit den Trockenperioden der achtziger Jahre nähmen die Regenmenge und damit die Begrünung des Sahelgebietes wieder eher zu. Auch der Weltklimarat IPCC habe festgehalten, dass sich das Sahelgebiet wieder leicht begrüne. Problematisch sei, so Hiernaux, das ungebremste Bevölkerungswachstum in diesen Ländern. Es fördere durch die Übernutzung der Böden die Bodenerosion und Wüstenbildung.

Die Befürworter der grünen Mauer streichen heute auch eher die demographischen als klimatischen Vorteile heraus. Zehn Millionen Arbeitsplätze könnten dadurch geschaffen werden, sagen sie; das wäre ein wertvoller Beitrag gegen Armut und Migrationsströme.

In einem Punkt sind sich die Wissenschaftler einig: Auch die künstliche Begrünung durch die «Muraille Verte» hat einen positiven Effekt auf die weltweite CO2-Bilanz. Insofern kann sie auch mithelfen, den Klimawandel zu bremsen.