Energiekonzerne
Vertrauliches Papier erklärt Wasserkraft zum Milliardengrab: So teuer wird es

«Signifikat grössere Defizite»: In einem vertraulichen Papier schlägt Alpiq Alarm – und fährt dem Stromregulator an den Karren.

Beat Schmid
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Vertrauliches Papier zeigt, was die Wasserkraft Energiekonzerne wirklich kostet.

Vertrauliches Papier zeigt, was die Wasserkraft Energiekonzerne wirklich kostet.

HR Aeschbacher

Der Streit um die Finanzierung der Wasserkraft spitzt sich zu. Nachdem der Stromregulator Elcom die potenziellen Verluste für die Stromfirmen in einem Bericht darlegte, kontert nun der Stromkonzern Alpiq. In einem vertraulichen Dokument, das sich an die höchsten Energiepolitiker der Schweiz richtet, teilt Chefin Jasmin Staiblin gegen den Regulator aus: Die Lage für die Schweizer Wasserkraft seit «weitaus schlechter» als von der Elcom dargestellt. Sie wirft der Elcom vor, die Problematik der Wasserkraft «nicht korrekt» und «irreführend» darzustellen.

Der Schlagabtausch zwischen Alpiq und der Elcom bildet den vorläufigen Höhepunkt in der aufgeheizten Diskussion über die Finanzierung der Wasserkraft in der Schweiz. Die Debatte dreht sich im Kern um die Frage: Sollen Stauseen und Pumpspeicherwerke, die nicht mehr rentierenden, mit Steuergeldern gestützt werden? Oder soll man die Kraftwerksbetreiber ihrem Schicksal überlassen und sie schlimmstenfalls in Konkurs gehen lassen?

Es ist zwar nur eine Handvoll Stromproduzenten, die betroffen sind, aber diese generieren 40 Prozent der gesamten Wasserkraft in der Schweiz. Neben Alpiq sind dies Axpo, FMV, Repower, Azienda Elettrica Ticinese. Diese Firmen verkaufen ihren Strom im freien Markt. Weil die Strompreise in den letzten Jahren aber stark gefallen sind, tun sie dies derzeit unter Gestehungskosten, also mit Verlust. Diesen Stromkonzernen stehen rund 700 integrierte Energieversorgungsunternehmen gegenüber, die rund 60 Prozent der Wasserkraft erzeugen. Diese Werke verkaufen den Strom zum grossen Teil direkt ihren gebundenen Kunden (meist Privathaushalte) zu Monopolpreisen, die weit über den Markt liegen. Damit betreiben sie ein einträgliches Geschäft. Für die Stromkonzerne dagegen, die sich im freien Markt bewegen, ist die Situation eine ganz andere. Alpiq wie Axpo schreiben riesige Verluste, die an der Substanz nagen. Jetzt zeigen Recherchen erstmals, mit welchen Verlusten der Stromkonzern Alpiq über die nächsten vier Jahre rechnet.

Gemäss dem Schreiben von Staiblin, das an die nationalrätliche Energiekommission (Urek) gerichtet ist, belaufen sich die ungedeckten Verluste bei Alpiq im Jahr 2018 auf 134,3 Millionen Franken (siehe Ausriss).

Kumuliert bis 2021, sind dies 711 Millionen Franken. Rechnet man die Verluste der anderen Stromkonzerne dazu, steigen die ungedeckten Kosten auf 2,2 Milliarden Franken über die nächsten vier Jahre. Selbst wenn die Wasserkraftwerke ab 2018 die zugesagte Marktprämie von 120 Millionen Franken pro Jahr erhalten werden, verändert sich die finanzielle Lage nicht grundlegend. Die Stromkonzerne verlieren dann immer noch 1,7 Milliarden Franken.

Staiblin lässt an den Berechnungen der Elcom kein gutes Haar

Die Elcom geht dagegen von einem anderen Szenario aus, wie sie in einem Bericht zuhanden des Urek im Juni schrieb. Darin rechnet sie mit ungedeckten Kosten von lediglich 300 Millionen Franken. Abzüglich der Marktprämie wären es dann nur noch 180 Millionen Franken. Das wäre für die Konzerne wohl verkraftbar. Doch die Elcom setzt bei ihren Berechnungen auf Annahmen, an der Alpiq kein gutes Haar lässt. So sei zum Beispiel der Absatzpreis mit 4,8 Rappen pro Kilowatt deutlich zu hoch angesetzt. Alpiq dagegen rechnet mit Erlösen von lediglich 4,27 Rappen/kWh für 2018 beziehungsweise 3,92 Rappen/kWh für 2019.

Alpiq wirft der Elcom vor, sich bei ihren Berechnungen auf eine «Vergangenheitsbetrachtung» beschränkt zu haben. Bei seinen eigenen Berechnungen setzt das Unternehmen auf eine «Zukunftsbetrachtung», die auf sogenannten Forwardpreisen basiert. Die meisten Energiekonzerne verkaufen ihren Strom auf Termin über die nächsten drei Jahre. Daher wissen sie schon heute, wie viel Geld in den nächsten Jahren in ihre Kassen fliessen wird.

Alpiq-Chefin Jasmin Staiblin schreibt im Bericht, dass die «Defizite der Wasserkraft signifikant grösser sind, als von der Elcom postuliert». Sie rechnet zwar mit einer «leichten Erholung» der Marktpreise und des Euro-Franken-Kurses, dennoch betrage das «Missing Money» kumuliert über die nächsten 4 Jahre über 2 Milliarden Franken. Laut Staiblin sei dies eine direkte Folge der «verzerrten Marktbedingungen am europäischen Strommarkt», die durch die «unvollständige Marktöffnung in der Schweiz akzentuiert» werden.

Alpiq erneuert Forderung nach einer Grundversorgungsprämie

Kosteneinsparung und Rückstellungen von Unterhaltsarbeiten und Investitionen würden bereits jetzt an der Substanz der Schweizer Wasserkraft «zehren» und damit die Investitionen in den Substanzerhalt «gefährden», schreibt die Energiemanagerin weiter.

Die Marktprämie von 120 Millionen Franken pro Jahr genüge laut Staiblin nicht, um das Problem zu entschärfen. Staiblin fordert daher Sofortmassnahmen: Für die reinen Stromproduzenten könne mit «Stützungsmassnahmen nicht bis zur Einführung eines neuen Marktmodells zugewartet werden», schreibt sie. Dieses kommt frühesten im Jahr 2023. Staiblin erneuert ihre Forderung nach der Einführung einer «Grundversorgungsprämie». Diese sieht vor, dass «effizienzgeprüfte Kraftwerke», deren Gestehungskosten nicht gedeckt sind, bei einer zentralen Einheit einen Ausgleich zwischen Gestehungskosten und Marktpreisen beantragen könnten.

Die Alpiq schreibt auf Anfrage: «Die Stellungnahme ist vertraulich. Deshalb können wir sie nicht kommentieren.» Alpiq begleite die energiepolitische Branchendiskussion «faktenorientiert, konstruktiv und transparent», um der Politik eine bessere Gesamtsicht auf die wirtschaftliche Situation der Wasserkraft zu ermöglichen.

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