«Verteidigung»
Mit «Agent Orange» zerstörten die USA in Vietnam Tausende Leben – jetzt spricht ein Gericht Hersteller wie Monsanto frei

Ein französisches Gericht hat eine Klage gegen Chemiekonzerne abgewiesen, die das Entlaubungsmittel Agent Orange geliefert hatten. Noch immer werden Tausende Säuglinge mit Missbildungen geboren.

Stefan Brändle aus Paris
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Der Einsatz des Entlaubungsmittels fordert auch heute noch Opfer – wie hier Tran Duc Ngia (33) mit Tante Le Thi Chanch. Aufnahme von 2013.

Der Einsatz des Entlaubungsmittels fordert auch heute noch Opfer – wie hier Tran Duc Ngia (33) mit Tante Le Thi Chanch. Aufnahme von 2013.

Keystone

Die Klage richtete sich gegen 14 vorwiegend amerikanische Pestizidhersteller wie Monsanto – heute zur deutschen Bayer gehörig – oder Dow Chemical. Sie hatten der US-Armee im Vietnamkrieg zwischen 1961 und 1971 das mit dem Gift Dioxin durchsetzte Entlaubungsmittel Agent Orange geliefert.

Das Gericht in Evry bezeichnete sich als nicht zuständig. Es gab dem Anwalt von Bayer recht, der erklärt hatte, die Klage müsste sich wenn schon gegen die Vereinigten Staaten richten, die das Herbizid eingesetzt hätten. Im Urteil heisst es, Frankreich könne nicht das Verhalten eines Staates beurteilen, das im Rahmen der «nationalen Verteidigung» gehandelt hätte.

USA versprühten 80 Millionen Liter

Das Gericht in Evry (südlich von Paris) war von einem dort wohnhaften Opfer angerufen worden. Die 79-jährige Franko-Vietnamesin Tran To Nga war in ihrem Land in den sechziger Jahren mehrfach mit Agent Orange in Verbindung geraten. Heute leidet sie an Brustkrebs, Diabetes Typ 2, hohem Blutdruck, Alpha-Thalassämie, der Hautkrankheit Chlorakne sowie Herzproblemen. Vor vier Jahren stellte ihr ein Arzt noch fünf Jahre Lebenserwartung in Aussicht.

Die ehemalige Lehrerin und Kriegsberichterstatterin kämpft seit den neunziger Jahren für ihr Recht. Laut ihren Recherchen versprühte die US-Armee in Vietnam 80 Millionen Liter Herbizide, um ganze Wälder zu entlauben und dadurch Vietcong-Soldaten aufzuspüren. 46 Millionen Liter enthielten Agent Orange.

Die Tochter verstarb

Tran To Nga beschrieb in einem in Paris erschienenen Buch namens «Mein vergiftetes Land», wie sie Ende 1966 in Cu Chi (nördlich von Saigon) in eine von einem Flugzeug abgeworfene Wolke mit einem klebrigen Pulver geraten sei. Es habe eine orange Färbung gehabt und einen beissenden Geruch verströmt. Die 24-jährige Frau wusch sich, aber nur kurz, denn es eilte damals, auf dem gefährlichen Ho Chi Minh-Pfad.

Die ersten Körpersymptome traten erst später auf. 1969 brachte Tran To Nga ihre erste Tochter zur Welt. Sie starb siebzehn Monate später an Atembeschwerden, nachdem sich ihre Haut in Fetzen vom Körper gelöst hatte. «Ich konnte sie nicht einmal in meine Arme nehmen», schrieb Frau Tran in ihrem Buch, das sie in Vietnam zu einer bekannten Persönlichkeit gemacht hat.

Hunderttausende Opfer in Vietnam

Während des Krieges, aber auch noch in den Jahren danach wussten die Vietnamesinnen nicht, dass sich die Leiden auf ihre Kindern übertrugen. Agent Orange greift über den Wirkstoff Dioxin direkt das Erbgut an und hat in Vietnam Hunderttausende von Todesopfern und Millionen von Kranken verursacht. Noch heute, in der vierten Generation, kommen in Vietnam jährlich rund 6000 Säuglinge mit Missbildungen und schweren Krankheiten auf die Welt. Arme fehlen, Kinder erblinden, andere entwickeln Geschwüre. Erwachsene können sich nicht mehr aufrecht halten, zittern ständig.

Frau Tran hatte in den neunziger Jahren zuerst versucht, vor einem US-Gericht Schadenersatz zu erhalten – nicht für sich selbst, wie sie sagte, sondern für ihre und alle betroffenen Kinder. In New York blitzte sie ab. Die Amerikaner hatten zwar 1984 an die 180 Millionen Dollar an Entschädigungen bezahlt – aber nur an amerikanische Vietnamkriegveteranen, die mit Agent Orange in Kontakt gekommen waren. Vietnamesen sind dafür nie noch entschädigt worden.

Bayer ist erleichtert

Im Jahr 2004 erhielt Frau Tran, deren Eltern schon gegen die französischen Kolonialherren gekämpft hatten, auch wenn sie nie Mitglied der lokalen KP waren, vom damaligen französischen Präsidenten Jacques Chirac die Ehrenlegion zugesprochen. Dadurch ermutigt, reichte sie an ihrem heutigen Wohnort Evry Gerichtsklage gegen die betroffenen Chemiekonzerne ein.

Die Abweisung der Klage ist vor allem für Bayer eine Erleichterung, nachdem der deutsche Konzern mit Agent Orange schon die dritte Monsanto-Affäre nach dem Glyphosat- und dem PCB-Skandal geerbt hatte.

Geht Tran To Nga in Berufung?

Ob die drei ehrenamtlichen Anwälte, die Tran To Nga vertreten, in Berufung gehen werden, war am Montag vorerst noch offen. In zweiter Instanz könnte die Beschwerdeführerin einen neuen Tatbestand vorbringen. Die Nationalversammlung in Paris hat nämlich anfangs Mai das Delikt des «Ökozids »– eines Verbrechens an der Natur – in ihr neues Klimagesetz aufgenommen.

Der Einsatz eines Entlaubungsmittels in Kriegszeiten böte sich als erste praktische Illustration an. Mehr als ein halbes Jahrhundert nach den Sprühflügen wachsen in Vietnam ortsweise wie in Science-Filmen «seltsame Riesenpflanzen», wie Tran To Nga erzählte. In Vietnam nenne man sie die «amerikanischen Gewächse».

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