Zinserhöhung

USA vor historischer Zinswende

Janet Yellen, die Chefin der US-Notenbank, steht vor einer Weichenstellung für die Weltwirtschaft.Joshua Roberts/Reuters

Janet Yellen, die Chefin der US-Notenbank, steht vor einer Weichenstellung für die Weltwirtschaft.Joshua Roberts/Reuters

Ein kleiner Schritt für Janet Yellen, ein wichtiges Signal für die Märkte auf der ganzen Welt

Die Zinswende wurde schon oft ausgerufen in den letzten Jahren. Und jedes Mal war es ein Fehlalarm. Die Rendite setzte nach jedem kleinen Schluckauf ihre Talfahrt fort.

Das gilt nicht nur für die letzten Jahre. Erweitert man die Optik, waren Zinserhöhungszyklen stets nur Episoden innerhalb eines einzigen grossen Abwärtstrends, der über 30 Jahre gedauert hat. Da der Wert bereits herausgegebener Obligationen steigt, wenn die Renditen am Markt fallen, war es lange leicht, am Anleihenmarkt Geld zu verdienen. Vielleicht zu lange: Eine ganze Händler-Generation von New York über London und Zürich bis nach Tokyo ist sich seit der Zeit vor dem Fall der Berliner Mauer gewohnt, dass die Preise steigen. Schon das allein sorgt für Unsicherheit an den Märkten in der Einschätzung, wie die Reaktionen wirklich ausfallen könnten.

Heute Mittwoch dürfte es aber so weit sein, dafür sprechen die jüngsten Wirtschaftsdaten fast ohne Ausnahme, sie lassen auf eine robuste Erholung der US-Wirtschaft schliessen. Reihum erwarten die Analysten daher, dass
Janet Yellen, die Chefin der US-Notenbank, den historischen Minischritt wagt: die Anhebung des Leitzinses um 0,25 Prozent. Genau sieben Jahre hätte dann die Nullzinspolitik der wichtigsten Notenbank der Welt gedauert.

Gut für die Schweiz

Für Europa und die Schweiz wären das gute Neuigkeiten. Die Europäische Zentralbank (EZB) hat vor zwei Wochen die Euro-Geldschleusen weniger weit als erwartet geöffnet. Das stärkte die Gemeinschaftswährung etwas, auch gegenüber dem Franken. Letzteres wiederum erlaubte es der Schweizerischen Nationalbank (SNB) vergangene Woche, nicht noch negativere Zinsen einzuführen, um die Attraktivität des Frankens weiter zu senken. Mit –0,75 Prozent hat die SNB bereits die höchsten Strafzinsen für Banken, die das Geld bei der Notenbank parken. Die EZB hat sie «nur» von –0,2 auf –0,3 Prozent gesenkt. Die SNB ist damit am weitesten in unbekannte Gewässer vorgedrungen. Experten monieren, dass die Auswirkungen einer Verschärfung dieser Politik am Geldmarkt nicht abzuschätzen seien. Die Anomalien sind längst spürbar: Wer der Eidgenossenschaft für drei Monate Geld leiht, erhält keine Zinsen mehr, sondern muss selbst für diese als sicher geltende «Anlage» fast 1 Prozent Zins zahlen. Auch für ihre zehnjährigen Schulden berappt die Schweiz am Markt keine Zinsen.

Ausserdem würde eine US-Zinserhöhung den Franken auch gegenüber dem Dollar schwächen, denn höhere Zinsen machen den Dollar attraktiver, er würde von Investoren stärker nachgefragt. Obwohl sowohl Euroland als auch – im Schlepptau der EZB – die Schweiz noch weit entfernt sind von einer eigenen Zinserhöhung, könnte das Ende der Fahnenstange endlich erreicht sein. Die Zinsen dürften hierzulande auch im nächsten Jahr zwar auf dem gegenwärtigen Niveau verharren. Aber die Talsohle würde durchschritten. So gesehen bedeutet die Zinswende in den USA auch eine Umkehr der Tendenz auf dem alten Kontinent, wenn auch mit Verzögerung.

Schwellenländer betroffen

Heikel ist eine US-Zinserhöhung für die Schwellenländer. Sind die Renditen in Amerika tief, fliessen Hunderte von Milliarden jener Dollars, welche die Notenbank in die Wirtschaft pumpt, auf der Jagd nach Renditen ins Ausland, gerade auch in die Schwellenländer. Denn in diesen aufstrebenden Volkswirtschaften locken die höchsten Gewinne. Zwar haben sie den Test eines Zinsanstiegs 2013 im Vergleich zur Asienkrise der 90er-Jahre relativ gut überstanden. Niemand weiss aber, wie viel schnelles Geld wieder in den sicheren Hafen des Dollars zurückfliesst, sobald der US-Währungsraum wieder mehr Zins abwirft. Schlimmstenfalls droht eine Zahlungsbilanzkrise. Zwar haben die meisten Schwellenländer viel höhere Devisenreserven als früher. Diese könnten den Abfluss kompensieren und die Importe finanzieren. Auch die Defizite der meisten Staaten sind kleiner. Doch sind bei weitem nicht alle Länder gleich robust. Sogar in China, der mittlerweile zweitgrössten Volkswirtschaft der Erde, könnte der Zinsschritt für Turbulenzen sorgen.

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