Risiko nimmt zu
Trotz Corona vermehrten Pensionskassen und die AHV das Geld der Versicherten – kleine Kassen schnitten schlechter ab

Die finanzielle Lage der Vorsorgeeinrichtungen hat sich im vergangenen Jahr verbessert. Die Grossbank UBS spricht von einer erstaunlichen Erholung. Doch die Risiken werden immer grösser.

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Renten ohne Risiko sind ein Versprechen, das niemand wirklich einlösen kann. Immerhin sind die Deckungsgrade der Pensionskassen2020 auf komfortabel hohe Werte gestiegen.

Renten ohne Risiko sind ein Versprechen, das niemand wirklich einlösen kann. Immerhin sind die Deckungsgrade der Pensionskassen2020 auf komfortabel hohe Werte gestiegen.

Walter Bieri / KEYSTONE

Es ist eine gute Nachricht für alle Arbeitnehmer in der Schweiz. Positive Finanzmarktrenditen haben im vergangenen Jahr das Vermögen von Pensionskassen und AHV um gegen 40 Milliarden Franken gemehrt. Die Pensionskassen, deren aggregierte Bilanzsumme 2019 erstmals auf über eine Billion Franken (1005 Milliarden Franken) angestiegen ist, erwirtschafteten mit ihren Kapitalanlagen 2020 Renditen von durchschnittlich um die 3,8 Prozent.

Dies zeigen aktuelle Berechnungen der UBS, die auf einem einigermassen repräsentativen Muster von ungefähr 70 Kassen unterschiedlicher Grössen beruhen, auf deren Daten die Bank direkten Zugriff hat.

Die für die Langzeit-Performance-Studie verantwortlich UBS-Ökonomin Jackie Bauer spricht von einer «erstaunlichen Erholung» nach dem scharfen Börseneinbruch im März. In jenem Monat ergab sich insbesondere als Folge des Kurseinbruchs an den Aktienmärkten eine durchschnittliche Negativrendite von 5,8 Prozent.

Auch im Februar und im Oktober waren die durchschnittlichen Monatsrenditen gemäss den UBS-Berechnungen in den roten Bereich gefallen. Ins Auge fällt, dass grosse Kassen mit Vermögen von über einer Milliarde Franken deutlich besser abgeschnitten haben (4,4 Prozent) als kleine Kassen mit weniger als 300 Millionen Franken Vermögen (3,3 Prozent).

«Erstaunliche Erholung»

Alles in allem war das Jahr 2020 aber für das ganze Schweizer Vorsorgewesen erfreulich. In dem von der UBS dargestellten 15-Jahreszeitraum war es das achtbeste Jahr, also exakt der Mittelwert. Erstaunlich ist dieser positive Ausgang auch vor dem Hintergrund, dass die Schweiz und die gesamt Welt 2020 pandemiebedingt in eine schwere Rezession gefallen sind.

Statistisch erleben wir gerade den schwersten Wirtschaftseinbruch seit dem zweiten Weltkrieg. Trotzdem waren die Märkte in der Finanzkrise 2008 viel tiefer gefallen als im Pandemiejahr. Gemäss UBS-Erhebung belief sich die stark negative Durchschnittsrendite der Pensionskassen in jenem Jahr auf nahezu Minus 13 Prozent.

CH Media

Bauer erklärt die aktuell robuste Verfassung der Finanzmärkte mit den enormen Liquiditätszuschüssen der Notenbanken und der Regierungen, die nicht nur zu einem weiteren Rückgang des globalen Zinsniveaus sondern auch zu einem verstärkten Run der Investoren auf Aktien und andere Risikoanlagen geführt haben.

«Wer in diesem Umfeld noch Rendite erwirtschaften will, muss zwangsläufig höhere Risiken in Kauf nehmen», erklärt Bauer. Die sehr langfristig angelegte Anlagepolitik der Pensionskassen sei dafür gut geeignet, weil sie es den Kassen erlaube, auch schlechte Marktphasen auszusitzen.

Mit einem gemäss UBS durchschnittlichen Aktienanteil von 28,5 Prozent bewegen sich viele Kassen aber schon an der Grenze der gesetzlich zulässigen Limite für Risikoanlagen. Vor diesem Hintergrund fordern manche Vertreter der Finanzindustrie und der Pensionskassenlobby seit einiger Zeit auch auf politischem Weg eine Lockerung der Anlagevorschriften.

Auftrieb erhalten diese Stimmen auch vor dem Hintergrund, dass die meisten privatrechtlichen Pensionskassen 2020 ihre Deckungsgrade (Differenz zwischen dem Vermögen und allen künftigen Leistungsverpflichtungen) in die Komfortzone von deutlich über 110 Prozent zu steigern wussten.

Die AHV musste keine Aktien verschleudern

Gut gefahren ist 2020 auch die AHV, die bereits im Dezember erste Zahlen zum vergangen Anlagejahr publik gemacht hatte. So soll das Vermögen im AHV-Ausgleichsfonds von 37 Milliarden Franken per Ende September 2020 dank dem Schub der Finanzmärkte um rund drei Prozent oder eine Milliarde Franken gewachsen sein, wie der Präsident des Fonds, Manuel Leuthold, im Dezember der «Handelszeitung» verraten hatte.

Zugute kam der AHV insbesondere auch die vom Parlament im Rahmen der grossen Unternehmenssteuerreform (STAF) beschlossene Zusatzfinanzierung von zwei Milliarden Franken pro Jahr. Ohne diesen Zustupf musste die AHV bis 2019 monatlich Anlagen im Wert von rund 125 Millionen Franken veräussern, um die Lücke zwischen Beitragsleistungen und dem aus demographischen Gründen stetig wachsenden finanziellen Mehrbedarf für Rentenleistungen zu decken.

Im Herbst 2019 konnte die AHV diese Verkäufe für eine Frist von voraussichtlich vier Jahren stoppen, so dass der Fonds im März 2020 nicht gezwungen war, Aktien zu Tiefstkursen zu verschleudern.