Ägypten
Tourismus-Professor Wagenseil: «Wir sind abgestumpft»

Instabiles Ägypten und Notstand auf den Malediven: Wieso wir trotzdem dorthin reisen, weiss Tourismusexperte Urs Wagenseil.

Annika Bangerter
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Prof. Urs Wagenseil: Der 51-Jährige ist Leiter Institut für Tourismuswirtschaft der Fachhochschule Luzern. Er ist Spezialist für Tourismusstrategien.

Prof. Urs Wagenseil: Der 51-Jährige ist Leiter Institut für Tourismuswirtschaft der Fachhochschule Luzern. Er ist Spezialist für Tourismusstrategien.

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Herr Wagenseil, was würden Sie tun, wenn Sie in den nächsten Wochen Ferien in Ägypten gebucht hätten: Stornieren oder trotzdem hinfliegen?
Urs Wagenseil: Vorerst würde ich ein paar Tage abwarten. Ich möchte die Hintergründe des Unglücks kennen, um mich für oder gegen die Destination zu entscheiden. War es ein technischer Defekt, der die Maschine abstürzen liess? Dann würde ich meine Ferien in Ägypten nicht absagen. Stellt sich heraus, dass es ein Attentat war, würde ich wohl umbuchen. In meinen Ferien möchte ich kein unnötiges Sicherheitsrisiko eingehen.

Im Sinai gibt es schon länger kriegerische Auseinandersetzungen. Wieso blieb Ägypten das Ziel vieler Touristen?
In den letzten 20 Jahren kam es in Ägypten immer wieder zu Tragödien. Mit Attentaten und innenpolitischen Krisen kämpften aber auch Tunesien oder Indonesien – weitere beliebte Feriendestinationen. Unsere Langzeitforschung zeigt, dass der Tourismus nach einem solchen Anschlag etwa ein Jahr lang merklich einbricht. Bleibt die Lage in dieser Zeit konfliktfrei, kehrt die Gästezahl in der Regel rasch wieder auf das Niveau vor der Tragödie zurück. Wie schnell sich die Tourismusbranche erholt, hängt neben der Stabilität auch von der Opferzahl und ihrer Nationalitäten ab.

Was hat die Herkunft damit zu tun?
Die grösste Betroffenheit herrscht immer in den Ländern, die Opfer zu beklagen haben. Bei dem Flugzeugabsturz letzte Woche starben vorwiegend Russen. Entsprechend gross ist die Betroffenheit in der russischen Bevölkerung. Als direkte Folge dürfte nun in Ägypten der russische Tourismusmarkt wegbrechen. Im europäischen Markt fallen die Konsequenzen weniger drastisch aus. Die Opfer sind hierzulande anonym, wir kennen keine Angehörigen und fühlen uns mit ihnen etwas weniger verbunden. Die Sachlage würde hierzulande anders aussehen, wenn statt einer russischen Maschine ein Flugzeug der Swiss oder Lufthansa abgestürzt wäre.

Gibt es für die ägyptische Tourismusbranche also noch Hoffnung?
Entscheidend ist, was die Resultate der Untersuchungen hervorbringen und was in den nächsten sechs Monaten passiert. Konnten Terroristen tatsächlich eine Bombe an Bord schmuggeln, dann bricht der Tourismus in Ägypten für Monate bis zu 30 Prozent ein. Das Brutale für eine Badedestination ist, dass es zahlreiche Alternativen gibt wie beispielsweise Thailand, Bali, Seychellen oder die Malediven.

Sind die Malediven noch eine Option? Die Regierung hat diese Woche den Notstand ausgerufen.
Auf den Malediven gibt es kaum Kontakte zwischen der lokalen Bevölkerung und den Touristen. Die Regierung ist darauf bedacht, der Tourismusbranche trotz Unruhen nicht zu schaden. Die Einnahmen sind zu wichtig für das Land. Umgekehrt gilt: Solange keinem Touristen etwas zustösst, gehen wir mit den lokalen Geschehnissen ziemlich unsensibel um.

Sind wir so abgestumpft?
Ja, ein Blick auf die Weltkarte zeigt, dass in vielen Feriendestinationen Sicherheitsrisiken bestehen. Durch die Attentate in New York, London oder Paris weiss inzwischen jeder, dass ihm als Tourist überall etwas zustossen könnte.

Bleiben wir nun wieder vermehrt zu Hause?
Das glaube ich nicht. Wer diesen Winter in Ägypten Badeferien geplant hat, sucht sich nach seinem Budget und zeitlichen Rahmen eine Alternative. Auf den hiesigen Schneesport werden Touristen mit den Reisemotiven Strand und Meer hingegen nicht oder kaum umschwenken.

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