Ungleichheit

Thomas Pikettys Mittel gegen Ungleichheit sind realitätsfremd

Thoms Piketty Französischer Ökonom.

Thoms Piketty Französischer Ökonom.

In seinem neuen Buch präsentiert der französische Ökonom Lösungen gegen Ungleichheit. Ihre Umsetzbarkeit interessiert ihn nicht.

Der «Rockstar der Ökonomen», wie ihn die «Financial Times» einmal nannte, bricht zu seiner neuen Tournee durch die Redaktionen, Hörsäle und Wirtschaftsforen auf.

Die Musik bleibt gleich: Nach seinem 2,5 millionen mal verkauften Wälzer «Das Kapital im 21. Jahrhundert» (2013) legt er eine Art Konkretisierung seiner Ideen vor. «Kapital und Ideologie» erscheint vorerst auf Französisch, im kommenden März auch auf Deutsch.

Wie der Titel andeutet, sucht Piketty die «Mär» zu entlarven, die liberale Wirtschaftsordnung beruhe nicht auf einer Theorie, sondern sei «natürlich» entstanden. Der Anhänger eines «partizipativen Sozialismus» will belegen, «dass sich das System stets organisiert hat, um die Existenz der Reichen, der Armen und ihren Abstand zu rechtfertigen».

Piketty zeichnet auf 1200 Buchseiten nach, wie die Besitzenden seit dem Feudalsystem ihre Herrschaft legitimiert hätten. Jetzt stehe das System vor der «Selbstzerstörung». Abhilfe bieten laut dem unauffälligen Akademiker, der derzeit reihenweise Journalisten an seiner «Pariser Schule für Wirtschaft» empfängt, nur noch radikale Massnahmen.

Es sei wie mit dem Klima: Wenn nicht bald eine wirkliche Umkehr stattfinde, fahre die Menschheit in die Mauer. Und die Umkehr, das ist für Piketty die Abkehr vom Eigentum. Der Robespierre der revolutionären Ökonomie will den Besitz nicht abschaffen, sondern «überwinden», wie er sagt.

Ein «soziales und temporäres» Eigentum soll das heute gültige ersetzen. «Sozial» bedeutet für Piketty eine extreme Steuerprogression: Für kleine Vermögen sollen nur noch 0,1 Prozent Steuern anfallen, was in Frankreich eine Senkung darstellen würde; ab zwei Milliarden betrüge sie hingegen 90 Prozent.

Piketty hält das nicht für konfiskatorisch: Mit 200 Millionen Euro, also zehn Prozent, lasse sich immer noch gut leben. In einem Interview schätzte er, die Milliardären würden damit «faktisch verschwinden». Und was heisst «temporär»? «Man kann nicht endlos Besitz anhäufen, dessen Nullen sich mehren, bis eine einzige Person mehrere hundert Milliarden Euros besitzt», sagt Piketty.

Erbmassen will er so besteuern, dass daraus «eine Art Erbschaft für alle» wird: Frankreichs Jugendliche sollen bei Erreichen des 25. Altersjahres je 120 000 Euro erhalten. Weitere Ideen sind die Beschränkung des Aktienstimmrechts auf zehn Prozent, eine betriebliche Mitbestimmung von 50 Prozent wie in Deutschland oder eine persönliche CO2-Karte, die den Ausstoss jedes einzelnen begrenzt und ab einer gewissen Punktzahl besteuert.

Schon kurz nach Erscheinen des Buches fliegen die Einwände Piketty zu wie die Blumen dem Bühnenstar. Man rette die Welt nicht, indem man die Wirtschaft zerstöre, lautet der meistgehörte: Wenn das Aktienstimmrecht auf zehn Prozent beschränkt werde, würde niemand mehr darüber hinaus investieren; und ein Geldgeschenk über 120 000 Euro würde die Bildungs- und Arbeitsmoral der Jugendlichen beeinträchtigen.

Einmal mehr übersehe Piketty das Problem der Kapitalflucht durch die grössten Vermögen und Erbschaften, meint Jean-Pierre Feldmann, Professor an der Pariser Hochschule Sciences Po. Der Angesprochene kennt den Einwand. Als Antwort schlägt er die Bildung eines «internationalen Finanzkatasters» vor, «damit die Steuerbehörden überall wissen, wer was besitzt».

Pikettys Mitstreiter müssen aber einräumen: Selbst wenn eine solche Auflistung der Besitztümer realisierbar wäre, könnte sie höchstens Steuerdelikte bekämpfen, nicht aber den Steuerwettbewerb und damit den Kapitalabfluss. Laut einem Bericht des Internationalen Währungsfonds sind 2017 38 Billionen Dollar in Steueroasen abgeflossen.

Dazu gehören nicht nur Karibikinseln, sondern auch EU-Staaten wie Irland und Niederlande. Pikettys Wirtschaftsschule empfiehlt als Gegenmittel die europäische Steuerharmonisierung und globale Steuerabkommen.

Über die Realisierungschancen äussert sie sich nicht. Dabei liegt dort das Problem: Umsetzbar wären nur nationale Lösungen für die zunehmend globalen Ursachen der Ungleichheit. So entsteht ein kurioser Eindruck: Je konkreter Piketty über die Jahre wird, desto realitätsfremder klingt er.

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