Saudi Arabien

Teuerste Firma weltweit: Saudischer Ölproduzent hängt amerikanische Techkonzerne ab

Die Ras-Tanura-Raffinerie von Aramco in Saudi-Arabien.

Die Ras-Tanura-Raffinerie von Aramco in Saudi-Arabien.

Der weltgrösste Ölproduzent Aramco feiert sein Börsendébut und überholt Apple, Facebook, Amazon und Co. bezüglich Firmenwert.

Vor über drei Jahren wurde der Börsengang von Aramco vom saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman ange­kündigt, zwischenzeitlich abgeblasen, dann wieder angesagt. Gestern war es so weit: Der saudische Ölproduzent ging an die Börse. Anbei die wichtigsten Fragen und Antworten.

Was ist Aramco für ein Unternehmen?

Das bislang zu 100 Prozent staatliche Unternehmen ist der grösste Ölproduzent der Welt. Aramco fördert rund zehn ­Prozent der globalen Rohölproduktion. 2018 hat das Unternehmen einen Jahresgewinn von 111,1 Milliarden Dollar erzielt. Damit ist Aramco die profitabelste Firma der Welt.

Wie verlief der Börsenstart?

Die Aktien der Staatsfirma starteten gestern Mittwoch mit 35,2 Riyal (9,24 Franken) an der Tadawul-Börse in Riad. Das ist ein Plus von zehn Prozent im Vergleich zum Ausgabepreis von 32 Riyal. Der Chef des Unternehmens, Amin Nasser, sprach von einem «grossen Erfolg». Die Saudis hätten noch viel mehr Aktien verkaufen oder einen höheren Preis verlangen können: Nach Angaben Riads war die Emission 4,7-fach überzeichnet, das heisst, es gab mehr Nachfrage, als Aktien zum Verkauf standen. Das lässt erwarten, dass der Kurs der Aktie weiter steigen wird.

Wie ist der Börsengang einzuordnen?

Es ist der grösste Börsengang der Geschichte: Aramco hat beim Börsengang Aktien im Wert von 29,4 Milliarden Dollar verkauft. Bisheriger Spitzenreiter war der chinesische Onlinehändler Alibaba, der 2014 Papiere im Volumen von 25 Milliarden Dollar unter die Anleger brachte. Der Marktwert von Aramco klettert mit dem gestrigen Börsengang auf knapp 1,9 Billionen Dollar. Damit überholt Aramco, gewissermassen als Teil der «alten Wirtschaft», die Techkonzerne in Kalifornien und löst Apple als wertvollstes Unternehmen ab.

© CH Media

Wie ist der Börsengang ein­zuordnen?

Im Gegensatz zu den Tech-Unternehmen, die der Ölgigant überholt, wird kaum eine seiner Aktien gehandelt. Aramco hat bloss 1,5 Prozent seiner Anteile verkauft, während der Rest in den Händen des saudischen Staates bleibt. Dieser Streubesitz gehört weltweit zu den niedrigsten. Viele der grössten Unternehmen sind mit mehr als 80 Prozent ihres Kapitals im Besitz unabhängiger Aktionäre. Laut Bloomberg haben unter den 1000 grössten an der Börse kotierten Unternehmen nur zwei einen geringeren Streubesitz als Aramco. Einer davon ist der Automobilhersteller Audi, der einen Streubesitz von 0,36 Prozent hat, während der Rest im Besitz von VW ist. Der andere ist der staatlich kontrollierte deutsche Energieversorger Energie Baden-Württemberg, der 0,37 Prozent seiner Aktien in öffentlichen Händen hat.

Wie kommt der Kleinanleger zu Aramco-Aktien?

Gar nicht. Westliche Kleinanleger waren von vornherein ausgeschlossen. Institutionelle Investoren aus dem Westen, also Versicherungen oder Pensionskassen, konnten nur dann Aktien zeichnen, wenn sie eine spezielle Zulassung für die Börse in Riad haben; davon gibt es rund 1500. Gemässe Medienberichten haben nur wenige ausländische Investoren davon ­Gebrauch gemacht. Umgekehrt saudische Investoren: Sie haben sich um die Aramco-Papiere gerissen. Kenner sagen allerdings, dass das Interesse vor allem ­daran lag, beim saudischen ­Königshaus nicht in Ungnade zu fallen.

Gab es Probleme beim Börsengang?

Dass der Börsengang ein Erfolg wird, war nicht unbedingt zu erwarten. Das Interesse von internationalen Investoren an den Aktien war gering. Skepsis herrschte vor allem wegen der Debatte um den Klimawandel, der politischen Unwägbarkeiten am Golf und des Mangels an Transparenz bei Aramco. Banken, die den Börsengang begleiteten – unter anderem die Credit Suisse –, mussten Werbeveranstaltungen mit Investoren absagen. Sie hatten sich mehrere 100 Millionen Franken Gebühren erhofft. Daraus wurde aber nichts: Die westlichen Banken wurden an die Seitenlinie gestellt.

Warum kommt Aramco überhaupt an die Börse?

Der Kronprinz Mohammed bin Salman will mit dem Geld, das eingenommen wird, sein Fortschrittsprojekt «Vision 2030» vorantreiben. Dieses soll Saudi-Arabien unabhängig von den Einnahmen aus Ölverkäufen machen und grundlegend modernisieren. Dafür benötigt er viel Geld. Geplant ist etwa die Retortenstadt Neom am Roten Meer mit ausschliesslich nachhaltigen Energiequellen. Stolze 500 Milliarden Dollar dürfte allein dieses Prestigeprojekt kosten. Der Börsengang soll dem Kronprinzen ein Jahr nach dem Mord am Journalisten Jamal Khashoggi wieder zu einem besseren Image verhelfen.

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