Tessin
Neuer Höchststand an Grenzgängern an der Südgrenze: «Es handelt sich um eine Invasion»

Inzwischen pendeln knapp 75'000 Personen aus Italien täglich zur Arbeit ins Tessin. Das hat die Diskussion über den Schutz von Schweizer Arbeitnehmenden neu entfacht.

Gerhard Lob, Bellinzona
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Der übliche Stau am Morgen auf der italienischen Seite: Grenzgänger auf dem Weg in Richtung Schweizer Grenze.

Der übliche Stau am Morgen auf der italienischen Seite: Grenzgänger auf dem Weg in Richtung Schweizer Grenze.

Francesca Agosta / KEYSTONE/TI-PRESS

Das sichtbarste Zeichen der Grenzgängerpräsenz im Tessin sind die Staus. Jeden Morgen bilden sich lange Blechschlangen von Autos mit italienischen Nummernschildern an den Grenzübergängen in Chiasso, Stabio und Ponte Tresa in Richtung Tessin. Auf der Autobahn A2 zwischen Mendrisio und Lugano geht es nur im Stop-and-Go-Modus vorwärts. Der Verkehrsfunk wiederholt jeden Morgen die immer gleichen Passagen, an denen der Verkehr zähflüssig fliesst oder sich im Stillstand befindet. Eine Art Mantra, das am Abend mit umgekehrtem Vorzeichen gebetet wird. Dann geht es in die Gegenrichtung.

Das Tessin und seine Grenzgänger ist ein politisches und wirtschaftliches Dauerthema. Doch die jüngsten Zahlen aus dem Bundesamt für Statistik (BfS) haben wieder einmal aufhorchen lassen. Demnach hat die Zahl der im Tessin tätigen Personen aus Italien mit einem Ausweis G, also einer Grenzgängerbewilligung, im dritten Quartal 2021 genau 74'199 erreicht, ein neuer Höchststand. Fast jeder dritte Arbeitsplatz ist von einem Pendler aus Italien besetzt. Der Anstieg zwischen Juni und Ende September betrug 2613 Personen, das sind 1,3 Prozent mehr als im 2. Quartal und 3,9 Prozent mehr als im gleichen Vorjahresquartal. Eindrücklich ist die Gesamtzunahme in den letzten 10 Jahren: Ein Plus von 20'886 Grenzgängerinnen und Grenzgängern gilt es zu verzeichnen (+39,1 Prozent). Nicht berücksichtigt sind darin Selbstständigerwerbende aus Italien, die etwa als Handwerker tageweise im Tessin tätig sind.

Extreme Belastung der Strasseninfrastruktur

«Es handelt sich um eine Invasion», schimpft Lega-Nationalrat Lorenzo Quadri. Doch auch gemässigtere Politiker tun sich schwer mit der Entwicklung, denn die hohe Zahl der Grenzgänger führt unter anderem zu einer extremen Belastung der Strasseninfrastruktur. Fast alle Arbeitspendler benutzten – wie die einheimischen Tessiner – das eigene Auto, und dies, obwohl der öffentliche Verkehr im Tessin stark ausgebaut wurde.

«Der Anstieg der Grenzgänger ist vor allem im Tertiärsektor spürbar», sagt Mitte-Nationalrat Fabio Regazzi, der bis vor kurzem den kantonalen Industrieverband präsidierte. Ein Blick in die Statistik gibt ihm recht. Während im industriellen Sektor die Zahl der Grenzgänger seit Jahren bei rund 24'000 verharrt, ist sie im Dienstleistungsbereich auf über 48'000 gestiegen.

Vor allem im Tourismussektor ist das ausländische Personal gefragt

Heiss umstritten ist die Frage, ob die hohe Zahl der Grenzgänger zu einem Lohndumping und zu einem Verdrängungsmechanismus von Einheimischen auf dem Arbeitsmarkt geführt hat. Ein Vertreter der Lega wie Nationalrat Quadri oder auch SVP-Präsident Marco Chiesa sind davon überzeugt, dass die Entwicklung zu Lasten der im Kanton niedergelassenen Personen geht. Auf Arbeitgeberseite äussert man sich vorsichtiger. «Der starke Anstieg von Grenzgängern im dritten Quartal 2021 ist etwa auf die positive Entwicklung im Tourismusbereich zurückzuführen», kommentierte Michele Rossi von der kantonalen Industrie- und Handelskammer im «Corriere del Ticino». Die Daten zur Arbeitslosigkeit in Tessin zeigten auch keine Negativentwicklung auf.

Skeptischer ist die Ökonomin Amalia Mirante von der Fachhochschule der italienischen Schweiz (Supsi). Sie ist überzeugt, dass es einen direkten Zusammenhang zwischen der massiven Präsenz von Grenzgängern und dem tiefen Lohnniveau im Tessin gibt. Mit Folgen. «Die tiefen Löhne führen dazu, dass immer mehr Junge unseren Kanton verlassen, weil sie keine Perspektive sehen», so Mirante. Sie spricht vom Phänomen der Abwanderung von Talenten ennet des Gotthards.

Die Steuern von Grenzgängern steigen künftig stark an

Der Steuerexperte Samuele Vorpe ist überzeugt, dass der jüngste Anstieg der Grenzgängerzahlen auch mit dem neuen Grenzgängersteuer-Abkommen zu tun hat, das 2023 eingeführt werden soll. Die Steuern für die Grenzgängerinnen und Grenzgänger werden dann massiv ansteigen, weil die Einkommen dann teilweise in Italien zu italienischen Ansätzen veranlagt werden. Allerdings wird die Regel nur für neu angestellte Grenzgänger gelten. Für alle Personen, die vor dem Stichdatum den Grenzgängerstatus haben, wird das bisherige Steuerabkommen weitergeführt. «Das könnte dazu führen, dass es jetzt noch eine Art Run auf Grenzgänger gibt, um sie zu den bisherigen Bedingungen anzustellen», so Vorpe.

Allerdings ist das neue Grenzgänger-Steuerabkommen zwischen Italien und der Schweiz noch längst nicht unter Dach und Fach. Im letzten Dezember war es paraphiert worden. Marco Chiesa, Präsident der Schweizer Delegation für die Beziehungen zum italienischen Parlament, erklärte nach einem kürzlichen Arbeitsbesuch in Rom, dass dieses Abkommen bisher nicht in der Agenda des italienischen Parlaments auftauche. Die neue Schweizer Botschafterin in Italien, Monika Schmutz Kirgöz, äusserte sich zuversichtlicher: «Der Ratifizierungsprozess ist in beiden Ländern in Gang.»

Grenzgängerstatistik Schweiz: +13 Prozent in fünf Jahren

Die Anzahl der in der Schweiz tätigen ausländischen Grenzgänger mit Grenzgängerbewilligungen (Ausweis G) belief sich laut dem Bundesamt für Statistik (BfS) Ende September 2021 auf rund 353’000. Ihre Gesamtzahl stieg um 3,1 Prozent gegenüber dem 3. Quartal 2020. Etwas mehr als die Hälfte aller Grenzgängerinnen und Grenzgänger hatte ihren Wohnsitz in Frankreich (54,9%). Danach folgen anteilmässig Italien (24,2%) und Deutschland (17,9%). Über die letzten fünf Jahre hinweg stieg die Anzahl von 312’000 im 3. Quartal 2016 auf 353’000 im 3. Quartal 2021. Dies entspricht einem Wachstum von 13 Prozent. (gl)

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