Lebensversicherung
Swiss-Life Chef Ivo Furrer: «Der Bundesrat setzt richtige Signale»

Der Schweiz-Chef von Swiss Life, Ivo Furrer, spricht im Interview mit der «Nordwestschweiz» über die Zukunft der Vorsorge.

Andreas Schaffner
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Ivo Furrer, Schweiz-Chef des Lebensversicherers Swiss Life.

Ivo Furrer, Schweiz-Chef des Lebensversicherers Swiss Life.

Alex Spichale

Waren Sie an der Street Parade in Zürich letzten Samstag? Immerhin tanzten eine Million Menschen vor ihrem Hauptsitz in Zürich?

Ivo Furrer: Nein, ehrlich gesagt nicht. Meine Tochter wollte hingehen. Mir wäre das ein bisschen zu viel.

Ich frage deshalb, weil sich auch dort immer mehr auch ältere Menschen vergnügen . . .

. . . Sie sprechen die demografische Entwicklung an. Tatsächlich ist das eine Entwicklung, die uns beschäftigt. Hier sehen wir für Swiss Life erhebliche Chancen, indem wir unsere Kunden dabei unterstützen, ihr immer längeres Leben selbstbestimmt und vorausschauend planen zu können.

Der Bundesrat findet die zunehmende Alterung der Gesellschaft als wichtiges Thema. Das Mammutprojekt «Altersvorsorge 2020» wird bald im Ständerat behandelt.

Ivo Furrer

Seit September 2008 ist Ivo Furrer Mitglied der Konzernleitung und Chief Executive Officer Schweiz (CEO Schweiz) der Swiss Life-Gruppe. Er war seine berufliche Karriere lang Lebensversicherer, zunächst bei der Winterthur, ab 2002 für die Zurich Financial Services (ZFS). Unter seiner Führung kappte die Swiss Life das Abenteuer mit dem Finanzberater AWD in der Schweiz. Die Marke AWD verschwand, die AWD-Berater verkaufen ihre Finanzprodukte neu unter der Bezeichnung Swiss Life Select . Die Swiss-Life-Gruppe, die ehemalige Rentenanstalt, steigerte im ersten Halbjahr das Prämienvolumen in lokaler Währung um 7 Prozent auf 11 Milliarden Franken. Der wesentliche Treiber war der Heimmarkt Schweiz. Hier konnte das das Prämienvolumen um 7 Prozent auf 7 Milliarden Franken gesteigert werden. Trotz negativem Währungseffekt steigerte die Gruppe den Reingewinn um 1 Prozent auf 493 Millionen Franken.

Während Jahren wurden Lebensversicherer, wie Swiss Life, kritisiert. Von linker Seite wurde Ihnen «Rentenklau» vorgeworfen. Nun ist es an dieser Front leise geworden.

Die anhaltend hohe Nachfrage der rund 150 000 Schweizer KMU mit über eine Million Mitarbeitenden, die ihr BVG uns Lebensversicherern anvertrauen, spricht für sich. Unser Angebot ist volkswirtschaftlich von zentraler Bedeutung. Wir bieten den Patrons und deren Angestellten als einzige umfassende Sicherheit mit Garantien in der 2. Säule.

Die Kommission für die berufliche Vorsorge schlägt für 2016 einen BVG-Mindestzinssatz von 1,25 Prozent vor. Nun wird der Bundesrat darüber befinden. Was meinen Sie?

Der Mindestzinssatz sollte sich an den realen Erträgen sicherer Anlagen orientieren. Diese sinken seit Jahren und liegen auf historischen Tiefstständen. Der von der BVG- Kommission empfohlene Mindestzinssatz von 1,25 Prozent scheint uns zu hoch.

Swiss Life ist bei der Kollektiv-Lebensversicherung – also die Pensionskassen für die KMU – wieder Marktführerin in der Schweiz. Auch das Geschäft mit der 3. Säule läuft.

Das ist richtig. Es war bisher alles andere als ein einfaches Jahr. Wir mussten relativ schnell, nach dem Währungsentscheid der Nationalbank im Januar, unsere Konditionen auf den Produkten anpassen. Und trotzdem haben wir mehr Einzellebensprodukte verkauft. Es ist bezeichnend, wie schnell sich die Kunden heute an die neuen Zins- und Marktverhältnisse gewöhnen. Sie sehen wohl, dass es auch auf der Bank kaum mehr Zinsen gibt. Da erscheint vielen das Versicherungssparen als gute Alternative.

Wird die Swiss Life im Zug der neuen Strategie zu einer Bank?

Nein, wir bleiben eine Versicherung, wir werden kaum je Zahlungsverkehr anbieten. Was stimmt, ist, dass wir uns heute als umfassenden Vorsorge- und Finanzdienstleister verstehen, der das ganze Vermögen der Kunden anschaut. Ein Beispiel: Wir haben mit Immopulse auch einen Bereich aufgebaut, der Kauf, Verkauf und Renovation von Immobilien anbietet. Man darf nicht vergessen, dass immer mehr Schweizer Immobilienbesitzer werden. Ausserdem ist das bei den meisten ein grosser Teil des Vermögens, das sie bei der Pensionierung haben.

Unter Ihrer Leitung wurde in der Schweiz der Name AWD, lange im deutschen Raum ein Synonym für gierige Finanzberater, aufgegeben und in Swiss Life Select umbenannt. Sie haben die Organisation gestrafft und stärker an den Konzern herangeführt.

Das ist richtig, auch dank der starken neuen Marke ist Swiss Life Select heute erfolgreicher. Wir konnten seit 2012 über 200 neue Finanzberater anstellen. Die Qualität der Beratung war in der Schweiz jedoch schon immer sehr gut – das zeigen auch Testeinkäufe, bei denen die Berater von Swiss Life Select regelmässig mit Bestnoten abschneiden.

Macht es Sinn, neben eigenen Beratern auch noch eine zweite Linie von Beratern zu haben?

Sehr wohl. Man sieht das auch an den Zahlen, beide Vertriebskanäle verzeichnen ein gutes Wachstum und ergänzen sich optimal. Die Berater von Swiss Life Select sind tendenziell in urbanen Gegenden erfolgreich, der Aussendienst ist eher in ländlichen Regionen besonders stark.

Braucht es den Berater in Zeiten der Digitalisierung noch?

Die Digitalisierung ist für uns ein zentrales Thema. Wir haben zwei Portale, eines für Unternehmenskunden, das andere für Private, aufgebaut. Und haben hier noch einiges vor. Ausserdem haben wir mit Students.ch-Gründer Adrian Bührer und Doodle-Erfinder Myke Näf zwei Cracks angestellt, die uns mit dem «Swiss Life Lab» ganz neue Wege aufzeigen sollen, wie Vorsorge in Zukunft aussehen könnte. Das heisst aber nicht, dass es die persönliche Beratung von Vorsorgespezialisten nicht mehr braucht. Denn Vorsorge ist immer sehr individuell. Es braucht also unterschiedliche Lösungen für jeden Kunden.

Ein heikler Punkt ist der Datenschutz. Sie wollen via Firmenkunden an die Daten von Mitarbeitern.

In der Tat ist das ein Ziel. Stellen Sie sich vor, wenn eine Person künftig die Stelle wechselt. Und die neue Firma hat ihre Pensionskasse bei einem Konkurrenten von uns. Dann besteht immerhin die Möglichkeit, dass der genannte Arbeitnehmer bei Fragen zur privaten Vorsorge trotzdem an uns denkt, weil er bereits auf unserem Portal Simulationen berechnet hat.