Hotellerie
Star Wars: Hotelsterne kämpfen um ihre Berechtigung

Bewertungen auf Online-Buchungsportalen wie TripAdvisor oder Booking.com gewinnen stetig an Bedeutung – ist die Klassifizierung nach Sternen ein Auslaufmodell?

Thomas Schlittler
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«Intercontinental» in Davos: Eigentlich als 5-Sterne-Hotel klassifiziert, doch die Leitung lehnte die Auszeichnung ab.

«Intercontinental» in Davos: Eigentlich als 5-Sterne-Hotel klassifiziert, doch die Leitung lehnte die Auszeichnung ab.

Christian Dorer

Online-Buchungsportale wie TripAdvisor oder Booking.com sind nicht mehr wegzudenken. Vor allem Sparfüchse buchen ihre Hotelübernachtung vorzugsweise im Internet. Dabei ordnen sie die Angebote nach dem Preis – angefangen bei der günstigsten Offerte. Eine Prozentzahl gibt an, wie gut das Hotel von früheren Gästen bewertet wurde. Die meisten beurteilen dabei das Preis-Leistungs-Verhältnis. Wenn eine Nacht 500 Franken kostet, wird mehr erwartet, als wenn eine Übernachtung nur 100 Franken kostet. Wie viele Sterne ein Hotel offiziell hat, spielt für viele eine untergeordnete Rolle.

Christian Laesser, Professor für Tourismus und Dienstleistungsmanagement an der Universität St. Gallen, sieht den zunehmenden Einfluss der Buchungsportale als Gefahr für klassische Bewertungssysteme: «Gewinnt die Online-Bewertung weiter an Bedeutung, stellt sich die Frage, ob die klassische Sternebewertung noch eine Berechtigung hat.» Die Bewertung der Hotels mit Sternen sei nicht in Stein gemeisselt, sagt Laesser gegenüber der «Nordwestschweiz».

Der Tourismusexperte sieht bei der Klassifikation nach Hotelsternen einige Probleme. Er kritisiert, dass dadurch Innovationen behindert würden: «Die Hotels schauen einzig, was sie tun müssen, um so und so viele Sterne zu erhalten. Eigene, neue Ideen bleiben dabei auf der Strecke.» Weiter bemängelt Laesser, dass die Klassifizierungssysteme in ihrer Einteilung zu starr seien und zu wenig zwischen Infrastruktur und Service unterschieden werde. «Eine wunderschöne Wohnung mit einer bedienten Rezeption und einem Restaurant im selben Gebäude – aber ohne Zimmerservice – kommt in der Sternebewertung schlecht weg.»

Unabhängigkeit als Vorteil

Der Branchenverband Hotelleriesuisse weist die Kritik zurück. Geschäftsleitungsmitglied Thomas Allemann: «Der Service ist das Entscheidende in einem Hotel. Dadurch unterscheidet es sich von einer Ferienwohnung.» Für Betriebe, bei denen die Gäste auf sich selbst gestellt seien, gebe es die Kategorie Apparthotels. Allemann bestreitet auch, dass durch die Sternebewertung die Innovation gebremst werde: «Wir haben verschiedene Spezialisierungskategorien, mit denen sich die Hoteliers klar positionieren können.» Als Beispiel nennt er die Klassifizierung als historisches Hotel. «Wenn ein Hotel eine Anforderung an die Infrastruktur nicht erfüllen kann, weil das Gebäude unter Denkmalschutz steht, können wir eine Ausnahme machen, damit das Hotel nicht heruntergestuft wird.»

An einen Bedeutungsverlust der Sternebewertung glaubt Allemann nicht: «Viele grosse Buchungsplattformen stützen sich einzig auf die Selbstdeklaration der Hotels. Unsere Klassifikation hat den Vorteil, dass sie unabhängig ist.» Die Gäste wiederum würden nur bewerten, aber nicht einstufen.

Branche zerfleischt sich selbst

Für Gastrosuisse, den anderen Branchenverband, haben die Sterne ebenfalls weiterhin ihre Berechtigung: «Die Sterneklassifikation bietet dem Gast die Möglichkeit, sich bei der Wahl des Hotels an einem offiziellen Label zu orientieren», sagt Sprecherin Astrid Haida. Das Argument des «offiziellen Labels» hat die Branche 2011 aber gleich selbst zunichtegemacht. Damals hat Gastrosuisse vom Bundesgericht die Erlaubnis erhalten, neben Hotelleriesuisse ebenfalls Sterne zu vergeben. Seither gibt es in der Schweiz zwei Bewertungssysteme – mit teilweise unterschiedlichen Anforderungen.

Darüber ärgert sich Hotelleriesuisse: «Zwei sich konkurrenzierende Klassifikationssysteme, denen unterschiedliche Normen und Anforderungen zugrunde liegen, sind nicht sinnvoll.» Sie seien für den Gast verwirrend. Gastrosuisse hält dagegen: «Wir halten den Preis für eine Klassifikation tief, um auch kleinen Hotels die Möglichkeit zu geben, sich kostengünstig klassifizieren zu lassen.»

Von den 5100 Betrieben in der Schweiz sind 2500 klassifiziert. 2050 davon bei Hotelleriesuisse, 450 bei Gastrosuisse. 2600 haben offensichtlich kein Interesse an einer Klassifizierung. Die meisten davon sind Kleinbetriebe, die nebenbei noch ein paar Betten anbieten. Es gibt aber auch Luxushotels wie das Intercontinental in Davos, das ebenfalls auf eine Sternebewertung verzichtet. Das «Interconti» hat aber einen ganz anderen Grund: den sogenannten «Pharma-Kodex». Demnach dürfen Pharmafirmen Ärzte nicht mehr oder nur noch beschränkt einladen. Zudem müssen sie beweisen, dass es sich bei den Kongressen wirklich um Arbeit und nicht um ein Ferienlager handelt. Da passen 5-Sterne-Hotels nicht gut dazu.

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