Spitzensport und Hochfinanz
Das Gebot liegt bei 6 Milliarden: Die neuen Spielmacher auf dem Fussballplatz

Investmentgesellschaften haben den Sport für sich entdeckt. Centricus bietet der Uefa 6 Milliarden für eine neue Champions League – doch woher stammt das Geld und wie soll es in Umlauf gebracht werden?

Christian Mensch
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Chelseas Thiago Silva (rechts) in Aktion gegen Karim Benzema von Real Madrid im Champions League Halbfinal am 5. Mai.

Chelseas Thiago Silva (rechts) in Aktion gegen Karim Benzema von Real Madrid im Champions League Halbfinal am 5. Mai.

Keystone

Die britische Investmentgesellschaft Centricus schweigt sich aus. Dies ist Prinzip. Eine Ausnahme von der Regel machte Partner und Mitbegründer Dalinc Aribundu einzig, als er in dieser Zeitung in einem schriftlich geführten Interview erläuterte, weshalb Centricus beim FC Basel 20 Millionen Franken investieren wolle. Kommentarlos blieb jedoch ein weit grösseres Investment, das die Nachrichtenagentur Bloomberg kurz darauf publik machte: Centricus werde 6 Milliarden Euro für die Weiterentwicklung der Champions League bereitstellen.

Kein Mucks ist seither zu vernehmen. Die wohl durch die Uefa selbst geleakte Information, Centricus werde ihr zur Seite stehen, hat den Zweck allerdings vollumfänglich erreicht: Der Vorstoss von zwölf europäischen Spitzenklubs, zusammen mit der US-Investmentbank JP Morgan die bestehende Champions League zu sprengen, brach zwei Tage nach der Lancierung in sich zusammen.

Der europäische Fussball im Griff von US- und von arabischem Kapital

Riccardo Cacelli, ein italienischer Berater mit Sitz in London und Kenner des englischen wie des italienischen Fussballs, meint: «Das ist der Fussball von heute.» Beim Angriff von JP Morgan und dem Konter von Centricus gehe es einzig um die Finanzen. Mehr noch: um eine Bietergefecht zwischen Kapital aus den USA und Kapital aus einigen Ländern der arabischen Golfregion.

Für Cacelli steht JP Morgan für US-Investmentgesellschaften wie dem Elliot-Fonds (AC Mailand), Kroenke Sports (Arsenal), Fenway Sports (FC Liverpool) oder der Glazer-Familie (Manchester United). Centricus wiederum sei stellvertretend für saudiarabisches Kapital, aber auch für die Qatar Investment Authority (Paris Saint Germain) oder für Scheich Manour bin Zayed Al Nahyan (Manchester City). Das Ziel von JP Morgan und Centricus ist allerdings identisch: Mit viel Geld noch mehr Geld zu verdienen.

Streaming-Dienste versprechen höhere Einnahmen

Seit vergangenem Herbst macht die «Financial Times» auf einen grundlegenden Wandel im Weltsport aufmerksam. Während zwanzig Jahren waren es Tycoons, Oligarchen oder Scheichs, die sich einen Fussballclub leisteten. Nun sei eine neue Ära angebrochen mit dem Zufluss von institutionellem Kapital durch Privat-Equity-Firmen. Diese entwerfen alle die gleiche Geschichte: Sport sei auch in den kommenden Jahren ein Wachstumstreiber und konjunkturresistentes Zukunftsgeschäft. Auch wenn sich die Erlöse durch den Verkauf von TV-Rechten kaum mehr steigern liessen, so könne bei den Konsumenten durch Streaming-Dienste doch noch sehr viel mehr Geld lockergemacht werden.

Die Kassen der Firmen sind prallvoll wie jene der Klubs und Verbände leer sind. Viele der Top-Vereine sind faktisch überschuldet und stehen coronabedingt vor der Illiquidität. Noch nie waren sie und die damit unter Druck stehenden Verbände derart bereit, sich dem neuen Kapital zu öffnen, das jedoch Bedingungen stellt: Eine Bereinigung der Vereins- und Verbandsstatuten für eine effektivere Vermarktung des Produkts Sport. Oder wie es die Revisionsgesellschaft BDO jüngst einem Report beschönigend beschreibt: «Die Trennung von Regulatorien und kommerziellen Aspekten.»

Was beim Fussball anrollt, ist bei anderen Sportarten bereits Realität

Die neuen Geldgeber wollen nicht mehr primär in einzelne Klubs investieren, sondern in eine Reihe von Vereinen – oder noch lieber in den Wettbewerb selbst. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um Fussball, Basketball, American Football, Rugby oder auch um eine Kampfsportart handelt. Wichtig ist allein die Vermarktbarkeit.

Dass sie sich dabei in die Quere kommen, zeigt gerade das Beispiel Champions League. JP Morgan ist eher noch im alten Bankengeschäft verhaftet und sichert mit dem Investitions- und Kreditversprechen nicht zuletzt eigene Kredite ab, mit denen etwa der Bau neuer Stadien finanziert wurden. Demgegenüber lancierte Centricus mit eigenem und wohl auch mit fremdem Geld vor allem eine strategische Investition: die Champions League ist der lukrativste aller Sport-Wettbewerbe.

Die Private-Equity-Firmen kommen sich in die Quere

Die Bildung einer neuen europäischen Klubmeisterschaft hätte auch massive Auswirkungen auf die Vermarktung der nationalen Ligen, an denen Private-Equity-Firmen ebenfalls interessiert sind. Direkt betroffen wäre etwa die Investmentgesellschaft CVC, mit der Formel 1 ein Pionier des Sportinvestments. CVC hat als Teil eines Konsortiums für 1,6 Milliarden Euro die Vermarktung der ersten italienischen Liga gekauft. Fehlten in diesem Wettbewerb die drei Topvereine, die sich einer Super League anschliessen wollten, wäre der Einsatz nicht mehr zu refinanzieren.

Das italienische Beispiel zeigt, wie das Investorengeld in den Fussballkreislauf eingebracht wird: Die Private-Equity-Firmen kaufen sich Sportrechte, ermöglichen damit den Verbänden gesicherte Einnahmen, mit denen die verschuldeten Vereine am Leben gehalten werden. Im Idealfall verhelfen die kurzfristigen Mittel zu einer mittelfristigen Entschuldung, realistischer ist allerdings eine noch höhere Verschuldung: Private-Equity-Firmen bringen vorweg das Geld für die Vermarktung von Spielen, die erst in Zukunft stattfinden werden.

Die Fifa ist mit schlechtem Beispiel vorangegangen

Wie solches geht, hat die Fifa bereits vor zwanzig Jahren vorgemacht, als sie nach dem Konkurs ihrer Vermarktungsagentur in schwere Finanznot geraten war. Die Fifa verpfändete die Marketingrechte der folgenden zwei Weltmeisterschaften im Wert von 888 Millionen Franken an die Credit Suisse, wofür diese bilanzwirksam 740 Millionen Franken an den Weltfussballverband überwies. Die Marge der Bank: 140 Millionen Franken.

Die Fifa hat das Vabanque-Spiel überlebt, da der Wert des Fussballs weiter gestiegen ist. Die Kurve müsste auch die kommenden Jahre stetig nach oben gehen, sollte die Wette der Finanzinvestoren aufgehen. Denn neben den unberechenbaren Fans, die gegen die neuen Spielmacher protestieren, gilt dies als eines der grössten Risiken: Dass sich in einigen Jahren, wenn die Private-Equity-Firmen einem neuen Spielfeld zuwenden, niemand mehr findet, der die überteuerten und ausgebluteten Sportvereine und -verbände übernimmt.

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