Kulturwandel
So lief der Totalumbau der einstigen «Bauernbank» Raiffeisen

Raiffeisen will trotz Rekordergebnis hunderte Geschäftsstellen schliessen. Gleichzeitig in anderen Bereichen ausbauen. Der Hintergrund zum Kulturwandel.

Andreas Schaffner
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Nur kein Schicki-Micki – das war einst.

Nur kein Schicki-Micki – das war einst.

Keystone

Der Chef der Raiffeisen Gruppe, Patrik Gisel, ist Triathlet und fährt in der Freizeit gern schnelle Autos. Sein Vorgänger Pierin Vincenz, von dem Gisel im letzten Herbst das Zepter übernahm, war einer der beliebtesten und erfolgreichsten Banker der letzten Jahrzehnte. Er baute die Bank um von der «Bauernbank» zur starken Nummer drei in der Schweiz.

Gisel übernahm das Amt erst noch in Jahr eins nach der Aufhebung des Euro-Mindestkurses und der Einführung von Negativzinsen durch die Schweizerische Nationalbank (SNB).

Kein einfacher Start. Doch Gisel überraschte gestern bei seinem ersten grossen Auftritt nach seiner Amtsübernahme gleich doppelt. Er präsentierte mit einem Gewinn von 808 Millionen Franken, einer Bilanzsumme von 205 Milliarden und verwalteten Vermögen von über 207 Milliarden Franken nicht nur rekordhohe Zahlen.

Sondern er verkündete für die nächsten Jahre eine Wachstumsstrategie verbunden mit einem Umbau der Strukturen. Dazu gehört nicht nur ein neues Organigramm, es werden auch bis zu 250 Geschäftsstellen in den nächsten fünf bis zehn Jahren geschlossen.

Umbau wird beschleunigt

Wachsen und Abbauen? Was passiert wirklich hinter den Kulissen der Raiffeisen Gruppe, die ihren Hauptsitz in St. Gallen hat?

Zunächst der Abbau: Schon in den letzten fünf Jahren wurden über 100 Geschäftsstellen abgebaut, vor allem in ländlichen Gebieten. Letztes Jahr fielen 21 Filialen weg. Gisel verdoppelt jetzt aber faktisch das Tempo des Abbaus. Dies ohne dass es zu einem Stellenabbau kommen soll.

Das passiert laut Gisel in erster Linie, weil immer mehr Kunden den Gang an den Bankschalter meiden und stattdessen ihre Bankgeschäfte online machen. Der Betrieb der Kleinstfilialen wird unrentabel. Auch Kantonalbanken sehen entsprechende Schritte vor.

Es ist aber auch ein eigentlicher Kulturwechsel. Weg von der Bank in der Nähe.

Zuvor wurden schon Raiffeisen-Banken fusioniert. Heute besteht die Gruppe nur noch aus 292 rechtlich autonomen Genossenschaften. Einst waren es über Tausend.

Nordwestschweiz

2008 traf es sogar die älteste Raiffeisenbank der Schweiz: Die Raiffeisenbanken Eschlikon und Bichelsee-Turbenthal schlossen sich zusammen. Es wird auch weiter fusioniert, auch in der Nordwestschweiz. In Solothurn fusionieren in diesem Jahr die Raiffeisenbanken Solothurn, Wandfluh und Weissenstein. 2017 sollen sich im Aargau die Raiffeisenbanken Abtwil, am Lindenberg und Oberfreiamt zusammenschliessen.

Es wird aber nicht nur abgebaut. Gleichzeitig entstanden in den letzten Jahren in den Agglomerationen und Innenstädten auch schicke, neue und moderne Bankhäuser. Dieser Teil des Umbaus der Bankengruppe geht voran. Derzeit baut die Bank etwa auch in steuergünstigen Gemeinden um den Zürichsee Filialen. Das wäre noch vor wenigen Jahren völlig undenkbar gewesen.

Schicke Büros gibt es auch in den acht neuen Regionalzentren für KMU. Hier hat Gisel einen Angriff auf die Kantonalbanken vor. Die sind im Geschäft mit Firmen bis zu einer Grösse von 50 Mitarbeitern in vielen Gebieten heute noch die unumstrittenen Platzhirsche.

Glasfassade statt Riegelhaus

Ein erstes Fazit zeigt: Die Raiffeisenbank, das ist heute nicht mehr Riegelhaus und günstiger Weisswein im Ortsmuseum, sondern Sichtbeton, Glasfassade und ausgeklügelte Finanzprodukte.

Die Zeit, als der Gemeindepräsident auch noch der Raiffeisenchef war, sein Stück Land umzonen konnte, bebaute, verkaufte, und zugleich finanzierte, sind damit vorbei.

Auch hier hat Pierin Vincenz vorgespurt: So gehört zur Bankengruppe inzwischen auch die Firma Vescore, ein europaweit führender Fondsanbieter im Bereich von quantitativen Investitionen.

Aus dem Spezialisten wird derzeit der zentrale Fondsanbieter der Gruppe gezimmert. Ausserdem gehört zur neuen Raiffeisen-Welt die Beteiligung an Leonteq – ein börsenkotierter Spezialist für strukturierte Produkte in Zürich. An beiden will Gisel festhalten.

Zudem ist Raiffeisen auch eine noble Privatbank und verwaltet in diesem Bereich 22 Milliarden Franken.

Starkes Wachstum in allen Bereichen

Die Raiffeisen-Bankengruppe hat 2015 einen Rekordgewinn erzielt und ist kräftig gewachsen. Unter dem Strich blieben 808 Millionen Franken. Das Zinsengeschäft als wichtigstes Standbein der Gruppe legte um 41,5 Millionen Franken zu, das ist ein Plus von 1,9 Prozent. Zum Ertragswachstum trugen aber auch das Kommissions- und Dienstleistungsgeschäft mit plus 34 Millionen und der Erfolg aus dem Handelsgeschäft mit plus 52 Millionen Franken bei. Markant gewachsen sind die Kundeneinlagen, die um 8,7 Milliarden Franken oder 6,2 Prozent zunahmen. Raiffeisen verwaltete Ende 2015 total 207 Milliarden Franken. Auch bei den Hypotheken wuchs Raiffeisen um 5,2 Prozent. Raiffeisen hält einen Marktanteil von knapp 17 Prozent im Schweizer Hypothekarmarkt. Die Integration der 2015 erworbenen Basler Bank La Roche in die Bank Notenstein stärke die Marktstellung. Die verwalteten Vermögen im Privatkundengeschäft wurden auf 22 Milliarden Franken gesteigert und das Kosten-Ertrags-Verhältnis verbessert. (SDA)

Das kam so: Anfang 2012 geriet die älteste Privatbank der Schweiz, die Wegelin & Co., im Rahmen des Steuerstreits zwischen den USA und den Schweizer Banken in das Visier der US-Justiz. Die Teilhaber transferierten das Geschäft ohne US-Kunden an die Notenstein Privatbank und verkauften diese an die Raiffeisen. Ende 2015 haben sich zudem die Notenstein Privatbank und die älteste Basler Bank La Roche zu Notenstein La Roche zusammengeschlossen.

Auch hier sieht Gisel keinen Grund für einen Strategiewechsel. Im Gegenteil: Er fordert vom Notenstein-Chef Adrian Künzi ein aggressiveres Vorgehen.

Und zu guter Letzt ist Raiffeisen seit letztem Jahr auch am Zürcher Softwarehaus Avaloq beteiligt. Dieser Schritt soll dafür sorgen, dass gruppenweit eine neue IT-Plattform aufgebaut werden kann, sodass man den Bedürfnissen der heutigen Bankkunden gerecht werden kann.

«Unsere Gruppe ist von einer Retailbank zu einem sehr diversifizierten Finanzdienstleister gewachsen. Nun müssen wir die Organisation und die Prozesse entsprechend umbauen,» sagt Gisel zu dieser Transformation im Interview.

Das Ziel ist es, dass die Bankengruppe künftig weniger vom Zinsgeschäft abhängig ist – also dem Geschäft mit den Hypothekarkunden.

Zentralisierung in der Kritik

Die Geschichte der genossenschaftlichen Banken begann 1862 in Deutschland. 1899 trug Pfarrer Johann Traber aus Bichelsee TG die Idee in die Schweiz. 1902 gründeten zehn Institute den Schweizerischen Raiffeisenverband. Diese Zentrale wird heute zum eigentlichen Treiber des Umbaus. Von St. Gallen aus wird nicht nur das Wachstum, sondern auch der Kapitaleinsatz gesteuert, der heute zentral ist.

Diese zunehmende Zentralisierung wurde jahrelang kritisiert. Pierin Vincenz musste deshalb noch Woche für Woche seine Tour durch die Schweiz machen, um die Leitung der regionalen Genossenschaften von seinen Projekten zu überzeugen. Patrik Gisel hat es hier bedeutend einfacher. Das liegt nicht an seinen schnellen Boliden. Heute setzt sich auch in den hintersten Tälern der Schweiz die Erkenntnis durch, dass die Impulse aus der Zentrale Sinn machen.

Kommt hinzu, dass die Banken vom Regulator gezwungen wurden, mehr Kapital aufzunehmen.

Nach wie vor gehören die Raiffeisen Banken jedoch den 1,8 Millionen Genossenschaftern. Dieses «Kundenbindungsprogramm», das in der Finanzkrise die Schweizer in Scharen zu Raiffeisenkunden werden liess, hat an Attraktivität nichts verloren.

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