Eigeninitiative
So bauen Schweizer Firmen im Ausland ihre eigene Berufslehre auf

Das duale Berufsbildungssystem der Schweiz kann nie 1:1 kopiert werden, sondern muss in jedem Land den lokalen Gegebenheiten angepasst werden.

Thomas Schlittler
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Feintool-Angestellte bei der Arbeit. (Archiv)

Feintool-Angestellte bei der Arbeit. (Archiv)

Keystone

Die duale Berufsbildung als Exportschlager ist einmal mehr in aller Munde. Was in der Diskussion oft vergessen geht: Schweizer Firmen bilden an ihren Auslandstandorten nicht erst seit gestern eigene Lehrlinge aus. Ganz im Gegenteil: Zum Beispiel war der Berner Technologiekonzern Feintool, der auf Feinschneid- und Umformtechnologien spezialisiert ist, die erste Firma überhaupt, die in den USA Werkzeugmacher ausbildete.

Das Unternehmen mit Hauptsitz in Lyss BE hat bereits 1987 einen gestandenen Werkzeugmacher in die USA geschickt, um eine eigene Lehrwerkstätte nach Schweizer Vorbild aufzubauen – inklusive Lehr- und Einsatzplänen für die Lernenden, Handbüchern sowie der Zusammenarbeit mit einem Technical College, wo die Lernenden ihr theoretisches Rüstzeug erhalten. «Mittlerweile ist die vierjährige Ausbildung zum ‹Toolmaker› vom US-Bundesstaat Ohio offiziell anerkannt», sagt Feintool-Personalchef Dominik Lütolf der «Nordwestschweiz». Seit 1987 hat Feintool in den USA mehr als 250 Lernende ausgebildet.

Ein Vorzeigeunternehmen in Sachen Lehrlingsausbildung ist auch die Bühler AG mit Sitz in Uzwil SG, die in über 140 Ländern tätig ist. Der Industriebetrieb mit 12 000 Angestellten bildet weltweit 600 Lehrlinge aus, die Hälfte davon ausserhalb der Schweiz. «Dabei gibt es keine einheitliche Lösung», sagt Personalchef Christof Oswald. Man müsse sich in jedem Land den lokalen Gegebenheiten anpassen. Nur etwas sei immer gleich: «Die Leute vor Ort müssen davon überzeugt werden, dass sie von der Lehrlingsausbildung langfristig profitieren.»

Selbst innerhalb der USA sind die dualen Berufsbildungssysteme, welche die Schweizer Firmen mitaufgebaut haben, sehr unterschiedlich. Oswald: «Wir haben an unseren drei Standorten in den USA drei verschiedene Programme.»

Teils nahe am Schweizer Vorbild

Ein sehr fortschrittliches Projekt hat sich unter dem Namen «Apprenticeship 2000» in Charlotte etabliert, der mit fast 800 000 Einwohnern grössten Stadt des US-Bundesstaates North Carolina. Dort gehen die Lernenden verschiedener Industriebetriebe in die gleiche Schule. Dieses System kommt der Lehrlingsausbildung in der Schweiz recht nahe, hat im Ausland aber noch Seltenheitswert.

Massgeblich dazu beigetragen hat die MDC Max Daetwyler AG. Der Industriebetrieb mit Hauptsitz in Bleienbach BE beschäftigt weltweit rund 650 Mitarbeiter, 100 davon in den USA. «Wir haben in den USA bereits 1996 die ersten Lehrlinge ausgebildet», sagt Walter Siegenthaler, Vizepräsident der US-Tochter. Der Aufbau sei nicht einfach gewesen. Um neben der praktischen Ausbildung im Betrieb auch die schulische Ausbildung zu gewährleisten, mussten Partnerbetriebe gefunden werden. Siegenthaler: «Wir haben in den USA nur ein bis zwei Lehrlinge pro Jahr. Das reicht nicht für eine Klasse.»

Daetwyler spannte mit den US-Ablegern von deutschen und österreichischen Firmen zusammen. Auch einige amerikanische Firmen konnten vom Projekt überzeugt werden. «Gemeinsam haben wir Jahr für Jahr genügend Lernende, damit wir am Community College eine Klasse bilden können», so Siegenthaler. Die Kosten für die Schulausbildung übernehmen die Firmen.

Weil die duale Berufsbildung in den USA aber nach wie vor kaum bekannt ist, ist die Rekrutierung potenzieller Arbeitskräfte aufwendiger als in der Schweiz. «In den USA müssen wir auf die jungen Leute zugehen – nicht umgekehrt», sagt Siegenthaler. Vertreter von «Apprenticeship 2000» gehen deshalb in Schulen und organisieren im Betrieb Informationstage für Schüler und Eltern sowie sechswöchige Projektwochen. «Aus denen, die bis zum Ende durchhalten, lesen wir dann unsere Lehrlinge aus.»

Ein Massenphänomen ist die Berufslehre nach Schweizer Vorbild in den USA also noch lange nicht. Viele US-Firmen wollen von der Idee nichts wissen. Siegenthaler: «Sie bilden ihre Leute nur für eine ganz spezifische Tätigkeit in ihrem Betrieb aus. Sie haben Angst, dass die von ihnen ausgebildeten Jugendlichen sonst nach der Ausbildung zur Konkurrenz abwandern.» Diese Angst ist laut Siegenthaler unbegründet: «Unsere Erfahrung zeigt, dass die Ausgebildeten sehr loyal sind – vorausgesetzt, sie werden gut behandelt.»

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