Für Siemens-Chef Joe Kaeser haben industrielle Konglomerate keine Zukunft mehr in einer digitalisierten Welt. Also formt Kaeser den deutschen Industriekonzern um zu einer «Flotte von Schiffen». An ähnlichen Modellen orientieren sich auch Konkurrenten, wie der US-Industriegigant General Electric (GE) und der schweizerisch-schwedische Grosskonzern ABB.

Kaeser trennt alles, was mit Energie zu tun hat aus Siemens heraus, packt es in ein eigenes Unternehmen und bringt dieses an die Börse. Im neuen Unternehmen wird auch das kriselnde Geschäft mit Kohle- und Gaskraftwerken untergebracht. Die Abspaltung begründete Kaeser mit einem Seitenhieb auf GE, so die «Financial Times». Einige Konkurrenten hätten «erfahren, was passiere, wenn einem die Optionen ausgingen.» Siemens müsse ein solches Schicksal vermeiden.

General Electric hatte vom französischen Konzern Alstom dessen Sparte mit Gaskraftwerken für 10 Milliarden Dollar übernommen. Dieses Geschäft brach jedoch mit dem Trend zu erneuerbaren Energien mit. GE strich weltweit Tausende von Arbeitsplätzen. Allein in der Schweiz gingen von 5300 Stellen rund 2400 verloren. Später musste GE den Wert der übernommenen Sparte komplett aus der Bilanz abschreiben. Allerdings überstand auch Siemens den Einbruch im Gaskraftwerke-Geschäft nicht schadlos. Der Konzern strich weltweit 6000 Jobs.

Siemens ist derart gross – selbst das abgespaltene Unternehmen ist noch ein veritabler Gigant. 80 000 Mitarbeiter wird es haben und einen Umsatz von 30 Milliarden Euro generieren. Siemens bringt neben dem Geschäft mit Kohle- und Gaskraftwerken auch die Mehrheitsbeteiligung am Windturbinenhersteller Gamesa ein. Mit dieser Massnahme soll das Gesamtunternehmen attraktiver gemacht werden für Investoren.

ABB mit ähnlichem Ansatz

Der Börsengang der neuen Firma wird nicht unbedingt auf Begeisterung stossen. Nicht nur kriselt das Geschäft mit Kohle- und Gaskraftwerken. Auch Gamesa kämpft mit Preisdruck für Windturbinen. Kaeser rührt deshalb bereits die Werbetrommel: Die Chancen seien gewaltig, denn die Welt brauche auf Dauer viel mehr Strom, etwa für Elektroautos.

Die verbleibenden Sparten von Siemens – mit noch rund 300 000 Mitarbeitenden – sollen wie eine «Flotte von Schiffen» funktionieren, nicht wie ein schwerer Tanker. In diesem Modell eingeschlossen ist, dass ein einzelnes Schiff sich jederzeit von der Flotte lösen kann. So hat Kaeser bereits die Gesundheitssparte Healthineers an die Börse gebracht. Auch die Bahnsparte wollte er abtrennen und mit der französischen Alstom fusionieren. Die europäische Wettbewerbsbehörde machte ihm aber einen Strich durch die Rechnung.

Mit einem ähnlich fluiden Modell wird künftig auch der Konzern ABB unterwegs sein. Von wichtigen Aktionären ist bekannt, dass sie den Ansatz von Siemens-Chef Kaeser als vorbildlich erachten. Jedoch dürfte das Unternehmen in den nächsten Jahren noch voll mit der Abspaltung der Stromnetz-Sparte beschäftigt sein.