Sabina Sturzenegger

In der vordersten Reihe eines Meeres von Stühlen oben im Mondaine-Haus in Biberist sitzt ein älterer Herr mit Schnauz. Auf seinen schwarzen Schuhen hat sich etwas Staub angesammelt, wahrscheinlich standen sie längere Zeit unbenutzt herum. Der Mann ist Ernst Thomke, «Doyen» der Schweizer Uhrenindustrie, Pilot, Hochseesegler und Besitzer einer Bergbahn in Adelboden.

Während sich die geladenen Gäste beim Apéro noch um die Häppchen scharen, nähert sich Thomke eine junge Dame und bittet ihn, mitzukommen zum Schminken. Dieser lacht auf, lässt sich dann aber ins Nebenzimmer führen und das Mäntelchen umlegen.

Etwas spätersteht Ernst Thomke am Rednerpult, seine Lesebrille sitzt schief auf der Nasenspitze, seine blauen Augen funkeln. «Ich möchte ihnen einen Überblick geben über den Zustand der Uhrenindustrie in den Siebziger- und Achtzigerjahren», beginnt er. Mit etwas wackeligen Kurven – grün für die Schweiz, rot für Japan – zeichnet er auf, wie sich die Export-, Stück- und Umsatzzahlen entwickelten.

Damals kam er, Dr. Ernst Thomke, in die Uhrenbranche. Der Mediziner, der bislang in der Pharmaindustrie tätig gewesen war, war Generaldirektor der ETA-Uhrwerksfabrik in Grenchen geworden, «und da fing das Drama an». Das «Drama», das waren die schlechten Zahlen und der Druck, unter den die teuren Schweizer Uhren und mit ihnen Ernst Thomke geraten waren. Die Schweizer Uhrenmacher brauchten eine Strategie, um den Japanern, die mit Billiguhren den Markt überspülten, entgegenzutreten.

Es begann die Suche nach der dünnsten Billiguhr der Welt. So begegnete Thomke dem Vater der heutigen Mondaine-Besitzer, Erwin Bernheim, «einem Zürcher», den er zu Beginn als «Preisdrücker» fürchtete. Was dann geschah, ist bekannt: Thomke und seine Entourage erfanden bei der ETA die Swatch. Doch noch bevor die berühmteste Plastikuhr lanciert war, kam Bernheim mit der Migros-Uhr, der M-Watch, auf den Markt. «Ich war ein bisschen sauer eine Zeit lang», sagt Thomke rückblickend. Vor allem eins scheint ihn noch immer zu belasten – und zu beeindrucken: dass Bernheim die M-Watch in nur einem Monat entwickelte. «Da Herr Bernheim aber wenigstens ein sehr fairer Geschäftspartner war, hat er die Uhrwerke bei uns gekauft», gibt sich Thomke versöhnlich.

Das schlechte Gefühl von einst, als Ernst Thomke ins Business mit den Uhren einstieg, beschleicht ihn, wie er sagt, auch heute wieder. Er, der Schweizer Traditionsunternehmen wie Bally, Saurer und den Pilatus-Werken wieder auf die Beine half, muss zurzeit beobachten, wie
in der Uhrenindustrie «die Mengen bedenklich tief» sind. «Das kann nicht der richtige Weg sein», fürchtet er.

Die Schuhe des «animal économique» Ernst Thomke mögen etwas Staub angesetzt haben – bei ihm selber ist davon nichts zu spüren.