Rückblick
Der epische Niedergang von General Electric ist um ein Kapitel reicher – wie der einstige Industrie-Gigant zerfällt

«General Electric ist in der Vergangenheit stecken geblieben – und nun ist Schluss, es ist vorbei», sagt ein Analyst über die neu angekündigte Aufspaltung. Das Ende der Industrie-Ikone nahm seinen Anfang mit einem Triumph. Ein Rückblick auf turbulente Jahre.

Niklaus Vontobel
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Erlebt die Folgen des Niedergangs von General Electric: Standort in Baden.

Erlebt die Folgen des Niedergangs von General Electric: Standort in Baden.

Sandra Ardizzone

General Electric spaltet sich auf in drei eigenständige Unternehmen. Hinter diesen News steht der Wandel in der Energieproduktion, das Scheitern eines überholten Gigantismus – und der tiefe Fall von General Electric, einer Ikone des amerikanischen Kapitalismus.

Das Ende – GE als Industriekonglomerat ist nicht mehr

General Electric will sich künftig allein auf das Luftfahrtgeschäft beschränken. Das Gesundheitsgeschäft soll nächstes Jahr an die Börse gebracht werden. Rund 20 Prozent der Aktien will GE noch behalten, der Rest wird verkauft. Ebenfalls abgestossen wird das gesamte Energiegeschäft. Dazu zählen Einheiten um erneuerbare Energien herum, um Digitalisierung und um Gaskraft. Im Geschäft mit der Gaskraft werden in der Schweiz noch um die 2000 Mitarbeitende beschäftigt. Im Jahr 2024 soll dieses neue Unternehmen ebenfalls an die Börse kommen.

Diese Aufspaltung gab GE am Dienstag bekannt. Larry Culp, Konzernlenker mit Doppelmandat, sprach von einem «entscheidenden Moment» in der Geschichte des Industriekonzerns. In dieser Geschichte eines Niedergangs leiden einige mehr. Andere werden vom Verwaltungsrat von GE behütet.

Frühling 2021: Rettung eines 230-Millionen-Bonus

Noch steht aus, ob er den 230-Millionen-Jackpot knackt: GE-Chef Larry Culp.

Noch steht aus, ob er den 230-Millionen-Jackpot knackt: GE-Chef Larry Culp.

Boston Globe

Larry Culp wurde im Frühling 2021 die Aussicht auf einen Megabonus gerettet: 232 Millionen Dollar. Die GE-Aktie war in der Coronakrise weiter abgestürzt. Das frühere Kurs-Ziel, über das Culp die GE-Aktie treiben muss, war in weite Ferne gerückt. Doch bald durfte Culp wieder hoffen. Der Verwaltungsrat halbierte das Kursziel kurzerhand. Es gab zwar Widerstand. 58 Prozent der Aktionäre stimmten an einer Generalversammlung gegen das riesige Bonuspaket. Doch die Abstimmung war nicht bindend, es blieb beim möglichen Zahltag von 232 Millionen.

Ein Analyst an der Wall Street ätzte damals: GE habe neu definiert, was «gewinnen» bedeute. Es klingt wie eine Anspielung auf einen Managementklassiker, den der berühmteste GE-CEO Jack Welch einst geschrieben hat. Der Titel ist ein einziges Wort: «Winning».

Einst «Manager des Jahrhunderts»: Der langjährige GE-Chef Jack Welch.

Einst «Manager des Jahrhunderts»: Der langjährige GE-Chef Jack Welch.

Richard Drew / AP NY

Welch verstarb im März 2020, auf seinem Karriere-Höhepunkt ist er für die US-Wirtschaftspresse «Manager des Jahrhunderts». Einige der chaotischen Schauplätze, auf denen seinen Nachfolger aufräumen müssen, gehen direkt auf Deals dieses einstigen Über-CEO zurück.

3300 Arbeitsplätze gingen verloren

In der Schweiz hat der Fall von General Electric etwa 3300 von einst 5300 Arbeitsplätzen gekostet haben. Gemäss den letzten Auskünften von GE arbeiten aktuell in der Schweiz noch etwa 2000 Mitarbeitende für GE. In den USA leiden die Investoren, traditionell viele Kleinaktionäre: die Aktie war einmal über 230 Dollar wert. Auf dem Tiefpunkt noch 50 Dollar. Nach einer gewissen Erholung kostet sie wieder über 110 Dollar. GE flog aus dem prestigeträchtigen Börsenindex «Dow Jones» raus, dem es seit dem Jahr 1896 angehört hat.

Exorbitante Goodies werden bekannt. Jeffrey Immelt, nach Welch 16 Jahre lang GE-Chef, liess auf seinen Reisen mit dem firmeneigenen Jet einen Reservejet hinterher fliegen. Man weiss ja nie.

War 16 Jahre lang der Chef von GE: Jeffrey Immelt.

War 16 Jahre lang der Chef von GE: Jeffrey Immelt.

Chip Somodevilla / Pool / EPA

Herbst 2015: Anfang des Niedergangs

Im Herbst 2015 ist GE noch das, was es nach eigenem Verständnis zu sein hat: ein Gewinner auf der Weltbühne. Der amerikanische Industriegigant hat den deutschen Konkurrenten Siemens ausgestochen.

GE übernimmt von einem weiteren Industriegiganten, der französischen Alstom, dessen Gasturbinengeschäft – für 10 Milliarden Dollar. Im Rückblick wird der Deal zur Fallstudie für falsches Timing: GE investiert Milliarden in einen Markt, der bald darauf einbricht.

Das ahnt bei GE damals niemand. «Hochgradig strategisch», sei der Deal, meint der spätere GE-Chef John Flannery, er habe «exzellente Wachstumsaussichten.» Wenige Monate später wird die Nachfrage nach Gasturbinen kollabieren. Die Finanzmedien spotten: «Es gibt schlechte Deals, und dann gibt es den Kauf von Alstom Power.» Und Flannery wird vom Hof gejagt.

Eine Ikone des US-Kapitalismus kommt in die Schweiz

In der Schweiz wird mit GE damals eine Ikone des amerikanischen Kapitalismus zu einem wichtigen Arbeitgeber. In den Annalen von GE finden sich als bestimmende Figuren solch illustre Namen wie Thomas Edison, Erfinder der Glühbirne, oder auch J.P. Morgan, einst jahrzehntelang ungekrönter König der Wall Street. Die jüngere Geschichte hat Welch geprägt, der die Aktie in zwei Jahrzehnten um 4000 Prozent in die Höhe treibt. Als Welch abtritt, hinterlässt er das wertvollste Unternehmen der Welt.

Mit dem Gasturbinengeschäft schreibt GE schweizerische Industriegeschichte fort. Es gehörte hierzulande lange zum industriellen Kern von ABB, noch ein Industriegigant. An den verschiedenen Schweizer Standorten wird das über 100 Jahre alte Erbe der Industriepioniere Charles Brown und Walter Boveri fortgeführt.

In die erste Massenentlassung mischt sich viel Hoffnung

Als im Januar 2016 die erste Massenentlassung angekündigt wird, mischt sich in die Entrüstung noch viel Hoffnung. Zwar geht GE so kompromisslos vor, wie zu Zeiten des als «Neutron Jack» bekannten Welch. Dessen Leitsatz war: «Fix it, sell it or close it.» Was er nicht in zwei Jahren flicken kann, wird verkauft oder geschlossen.

Seine Nachfolger wollen auf einen Schlag 1300 von damals 5300 Jobs wegsparen. Doch die Geschäfte gingen schon zuvor schlecht. Und der Schweiz-Chef charmiert im Herbst 2016: «GE soll hierzulande eine grosse Zukunft haben.»

Die Vorzeichen häufen sich

Im Sommer 2017 stirbt die Hoffnung zuletzt: es werden nicht die angekündigten 1300, sondern vielleicht «nur» 900 Jobs verschwinden. Weitgehend unbemerkt bleibt, dass sich in den USA die nächste Massenentlassung ankündigt. Flannery schimpft bei seinem Amtsantritt über «schreckliche» Zahlen, die ihm sein Vorgänger hinterlassen habe. «Radikale Veränderungen» werde es geben und «keine heiligen Kühe».

Zwei Monate danach folgt das erste öffentliche Eingeständnis, dass sich GE mit dem Alstom-Deal kolossal verrechnet hat. Flannery gibt erstmals zu: «Alstom hat die Erwartungen nicht erfüllt.» Der Energiemarkt habe sich hin zu erneuerbaren Energien verschoben. Nun bleibe nur eins: «We will work the hell out of this.» Was er damit meint, weiss noch niemand.

Tiefer Fall: eine Ikone wird zum Gespött der Wall Street

Ein grosser Vermögensverwalter ätzt, die Management-Methoden von GE hätten lange Zeit als führend gegolten. «Manches bleibt in der Erinnerung viel länger bestehen, als in der Realität.»

Ein Analyst urteilt, GE werde von einer schlechten News nach der anderen durchgeschüttelt. Es sei zu einem beliebten Ratespiel geworden, was die nächste Enttäuschung sein könnte.

Konkurrent Siemens erklärt das Debakel bei GE

Diese nächste Enttäuschung nimmt Siemens vorweg. Der deutsche Industriegigant streicht in seinem Energiegeschäft von 16'000 Arbeitsplätzen rund 6900 weg, was Chef Joe Kaeser mit «dramatischen Überkapazitäten» erklärt.

Der Markt habe sich von konventionellen Energieträgern zu erneuerbaren verschoben, von zentraler Produktion hin zu dezentraler. Die Folge: der Markt für grosse Gasturbinen habe sich in weniger als zehn Jahren halbiert.

Chef schwingt den Sparhammer – und muss später selber gehen

Bei GE fällt der Sparhammer kurz vor Weihnachten. Im Dezember 2017 wird der Abbau von weltweit 12'000 Arbeitsplätzen bekannt. In der Schweiz soll es 1400 Stellen treffen. Der charmante Schweiz-Chef, der eine grosse Zukunft versprochen hat, ist von der Bildfläche verschwunden. Die GE-Aktie wird nicht mehr mit 30 Dollar bewertet, sondern mit 17 Dollar.

Im Oktober 2018 darauf erwischt es Flannery selbst. Er wird abgesetzt, nach 14 Monaten im Amt. Dem Verwaltungsrat ist er einen einzigen Satz wert, seine Leistungen aus drei Jahrzehnten bleiben unerwähnt.

Flannery wird entlassen «mit sofortiger Wirkung», notabene von einem Verwaltungsrat, der den Alstom-Deal mitgetragen hatte. Ein Banker kommentiert: «Blinde Chefs, ein Verwaltungsrat voller Cheerleader – und ein Haufen Berater, die um jeden Preis den nächsten Deal machen wollten.»

Ein 230-Millionen-Bonus und bilanztechnische Kunststücke

Flannerys Nachfolger Larry Culp muss mit dem Versprechen auf einen Jackpot angeworben werden: 230 Millionen Dollar, wenn er den Aktienkurs in eine bestimmte Höhe treibt. In die Ankündigung eines neuen Chefs wird noch eine Meldung gepackt: das endgültige Eingeständnis, dass der Alstom-Deal zum Debakel geworden ist. Die Investition von über 10 Milliarden Dollar wird vollständig abgeschrieben, auf einen Wert von 0 Dollar.

Damit wird auch das GE-Energiegeschäft in der Schweiz neu in den Büchern mit einem negativen Netto-Buchwert geführt. Über 2000 Angestellte arbeiten damals noch in der Schweiz, doch in den GE-Büchern ist das ein Nonvaleur. Zugleich präsentiert GE ein bilanztechnisches Kunststück. Das Unternehmen will auf einen Schlag rund 23 Milliarden Dollar an Goodwill abschreiben in seiner Energiesparte. Das meiste davon betrifft jedoch den Alstom-Deal über 10 Milliarden. Die Finanzwelt fragte sich verwundert, wie das geht: Eine Abschreibung machen, die grösser ist als der Kaufpreis?

Die Antwort findet sich in einer Notiz, im hinteren Teil eines Jahresberichts. Demnach weiss GE erst Monate nach dem Deal, was es da eigentlich gekauft hat für 10 Milliarden: ein Finanzloch von 7 Milliarden. Alstom war überschuldet. Unter anderem, weil es unerfüllte Verpflichtungen gegenüber Kunden hatte. Wie nun diesen Schlamassel bilanzieren? GE buchte einen Goodwill von 17 Milliarden und rechtfertigt es mit «GE-spezifischen Synergien». So entstehen an die 17 Milliarden an Goodwill, die GE später auf einen Schlag abschreiben wird.

Ein altgedienter Analyst staunt: «Das ist der ungewöhnlichste Deal, den ich je gesehen habe.»

Der Standort Oberentfelden wird zum Trauerspiel

Ein Trauerspiel für sich ist die Schliessung des Standorts im aargauischen Oberentfelden. Als Flannery 2017 seine radikalen Veränderungen ankündigt, da steht Oberentfelden in den globalen Planspielen auf der Kippe. Eine Schweizer Delegation führt dann in den USA direkte Gespräche mit GE-Vertretern, angeführt wird sie von Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann. Als GE im Dezember 2017 die zweite Massenentlassung ankündigt, wird die Rettung von Oberentfelden als Erfolgsstory verkauft.

Ein GE-Vertreter lobt: die Nicht-Schliessung habe viel zu tun mit den Gesprächen mit Bund und Kanton. «Nähe zu Hochschulen, Kurzarbeit - das kannte man in den USA überhaupt nicht.» Die Erfolgsstory hält sich knapp 7 Monate. Im Juni 2018 vollzieht GE eine Wende, Oberentfelden wird doch geschlossen. Als nächste Erfolgsstory wird verkauft, die Jobs würden nicht gestrichen, sondern nach Birr gezügelt. Somit entstehe dort einer der weltweit drei grössten Standorte der GE-Energiesparte.

Im September 2020 gilt auch dies nicht mehr. Die Jobs werden nicht nach Birr verlagert, sondern ins Ausland.

Die nächste grosse Enttäuschung

Das vorläufig letzte Kapitel wird in der Coronakrise geschrieben. In den Monaten davor fällt GE erneut mit unglücklichem Timing auf, dieses Mal unverschuldet. Chef Culp signalisiert: das Schlimmste könnte nun vorbei sein. In der Schweiz schöpft man Hoffnung, auch wenn im Sommer 2019 nochmals 450 Jobs wegfallen. Die Aktie wird deutlich über 10 Dollar gehandelt. Mit der Coronakrise zerschlägt sich das jüngste Versprechen auf bessere Zeiten.

Im Sommer 2020 sind in der Energiesparte die Bestellung 40 Prozent tiefer als im Vorjahr, die Einnahmen um die 10 Prozent. In der Schweiz folgt, was mittlerweile zum traurigen Ritual geworden ist: der nächste Stellenabbau, dieses Mal über 500 Stellen. Und das Schlimmste scheint nicht enden zu wollen. Gemäss Einschätzung von GE kann die Branche noch immer mehr Gasturbinen herstellen, als es sie derzeit eigentlich braucht.

Nach dem tiefen Fall die neue Bescheidenheit

Und nun, gerade einmal sechs Jahre nach dem vermeintlichen Triumph, will sich GE von seinem Geschäft mit den Gasturbinen wieder trennen. Anscheinend kriselt es nach wie vor. Die «exzellenten langfristigen Wachstumsaussichten», von denen bei der Übernahme geschwärmt wurde, bleiben in weiter Ferne. Auf die Frage eines Analysten, wie der Umbau der Energiesparte vorankomme, antwortete eine GE-Managerin gestern ausweichend: «Ich würde sagen, wir sind auf dem richtigen Weg. Aber wir sind noch mittendrin. Es wird noch bis 2023 dauern.» General Electric als grosses Industriekonglomerat existiert nicht mehr. Neu ist GE bescheiden. Es begnügt sich mit einem einzigen Geschäft.

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