Tabak
Raucher lassen sich nicht «bodigen»

Wegen steigender Zigarettenpreise und neuer Rauchverbote wird Tabak viel mehr geschnupft oder gekaut: Nicht ganz freiwillig verzichten immer mehr Leute auf das «gute, alte Lungenbrötchen» und geniessen Tabak stattdessen in Mund oder Nase: Schnupf- und Kautabak boomen.

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Schweiz am Sonntag

Von Patrick Furrer

Raucher werden immer mehr aus der properen Normalgesellschaft hinausmanövriert, weil der Qualm ungesund ist, stinkt und Nichtraucher vor dem blauen Dunst geschützt bleiben sollen. Ein richtiger Nikotinjunkie lässt sich dadurch aber nicht beirren, wie die Verkaufszahlen von Kiosken, Tabakläden und Online-Shops zeigen.

«Die Umsatzsteigerung ist bombastisch», bringt es Fabio Lundgren vom
Tabakkeller in Solothurn auf den Punkt. Aus dem geschäftseigenen Online-Shop weiss er, dass der Trend schon in der ersten Hälfte dieses Jahres auffällig ist. Gegenüber dem Vorjahr hat er rund 8 Prozent mehr Schnupftabak und ganze 14 Prozent mehr Kautabak verkauft.

Ähnliches weiss der Geschäftsführer der Online-Plattform snuffstuff.ch zu berichten. «Was zu meines Grossvaters Zeiten im tiefen Emmental noch als Schnupftabakdose auf der Bank im Stall lag, findet in urbanen Zentren wieder Anklang», sagt der Berner, der lieber ungenannt bleiben will. Er verrät jedoch, dass er bereits erste Anfragen von Wirten habe, die ihren Kunden Alternativen anbieten möchten. So beliefert er bald auch die Grauholz-Raststätte neu mit Schnupftabak.

Schliesslich belegen die schweizweiten Importzahlen die Zunahme: Gegenüber 2007 hat sich die Einfuhrmenge von Kau-, Rollen- und Schnupftabak bis 2008 von rund 16 Tonnen auf 36 Tonnen mehr als verdoppelt. Insgesamt steigt der Verkauf von rauchfreiem Tabak bereits seit mehreren Jahren an.

«Ich rauche immer noch, aber nur noch privat. Während der Arbeit nehme ich jetzt einfach Kautabak», sagt ein Büroangestellter, der im Solothurner Tabakkeller regelmässig einkauft. «Man wird heute von den nichtrauchenden Arbeitskollegen schief angeschaut und unter Druck gesetzt», da greife man halt zu Alternativen.

Lundgren selbst beobachtet nicht nur Leute, die sich so «das Nikotinpflaster sparen wollen», sondern auch eine generelle zunehmende Beliebtheit, gerade bei jungen Leuten. «Die Jungen wollen etwas Neues ausprobieren, auch neue Schnupftabaksorten.» Deshalb seien die meisten Schnupfer in seinem Laden zwischen 16 und 20 Jahre alt, während der Kautabak vor allem bei 20- bis 30-Jährigen beliebt ist. Die neuen, kantonalen Rauchergesetze betrachtet Lundgren trotz dem Vorteil für das Geschäft kritisch. «Heute hat bald keiner mehr Verständnis für die Raucher», moniert er.

Interessant: Inzwischen kommen viele Berner Jugendliche in den Kanton Solothurn, weil sie im Solothurnischen schon ab 16 Jahren Tabak kaufen können. Der Kanton Bern ist strenger: Dort ist die Abgabe an Minderjährige wegen des Gewerbe- und Handelsgesetzes nicht erlaubt.

Verschiedene Händler gehen letztlich davon aus, dass es sich gerade beim Schnupftabak um mehr als eine «Mode» handelt. Stellvertretend meint der Geschäftsführer von snuffstuff.ch: «Mit den zunehmenden Rauchverboten wird auch der Trend weiter zunehmen.»

Wie krank der «Schnupf» macht, ist noch unklar

Während sicher ist, dass das Rauchen und Kauen von Tabak das Risiko von Krebserkrankungen erhöhen, gibt es laut der Schweizerischen Fachstelle für Alkohol- und andere Drogenprobleme nur wenige Untersuchungen zu Schnupftabak.

Man müsse aber davon ausgehen, dass dieses Risiko wahrscheinlich besteht. Studien zeigten aber, dass das Rauchen von Tabak schädlicher ist als das Schnupfen. Beim Schnupfen gelangt Nikotin über die Nasenschleimhäute in den Körper. Mögliche Folgen: Abhängigkeit, chronische Schleimhautentzündungen, Tropfnase und Einschränkungen des Geruchssinns.

Selbst die Betreiber des Online-Shops snuffer.ch, die über 250 Schnupftabak-Sorten im Sortiment haben, bestätigen: «Schnupftabak wird als harmlose Zigarettenalternative gesehen. Der Schnupftabak birgt aber beachtliche Risiken.»
Mehr Informationen zu gesundheitlichen Risiken und ein Merkblatt gibt es unter: www.sfa-ispa.ch (fup)

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