Michaël Plaschy, eines der Ziele Ihres neu konstituierten Verbandes (siehe Infobox unten) ist, «die Akzeptanz der Kernenergie in der Bevölkerung zu stärken». Das liegt, ein halbes Jahr nach dem vom Stimmvolk beschlossenen Atom-Ausstieg, ziemlich quer in der Landschaft.

Michaël Plaschy*: Swissnuclear gibt es schon länger, wir mussten nach der Auflösung von Swisselectric eine neue Rechtsform finden. Das erwähnte Ziel ist alles andere als überholt. Die Bevölkerung hat sich für einen geordneten Atomausstieg ausgesprochen. Die bestehenden Werke laufen weiter, solange sie sicher sind. Unser Fokus gilt dem Langzeitbetrieb.

Was heisst das konkret? Wie lange sollen – abgesehen von Mühleberg, das 2019 vom Netz gehen wird – die AKW noch laufen?

Unsere Planungen gehen von einem Betrieb von 60 Jahren aus – für Leibstadt wäre das also bis 2044. Das rechtfertigt auch die dreistelligen Millionenbeträge, welche die Werke in den vergangenen Jahren in die Sicherheit investiert haben.

Jetzt sagen Sie: Nach 60 Jahren ist Schluss. Sind es in ein paar Jahren dann 70 oder 80 Jahre?

In den USA gibt es Werke, die in solchen Zeiträumen planen. Bei uns steht das derzeit nicht zur Diskussion. Wir haben gar nie berechnet, welche zusätzlichen Investitionen nötig wären.

Beznau I hat letzte Woche ein unrühmliches Jubiläum «gefeiert» – es steht seit 1000 Tagen still. Wird es je wieder laufen?

Das weiss ich nicht. Beznau gehört der Axpo, ich kenne nicht alle Details. Fakt ist: Auch in Beznau wurden Millionen Franken investiert, in Bezug auf die Systeme ist die Anlage extrem sicher. Die Materialuntersuchungen im Reaktordruckgefäss sind noch im Gange. Am Ende entscheidet alleine die Sicherheit – wir können und möchten dabei nicht der Arbeit der Atomaufsichtsbehörde (Ensi) vorgreifen. Wir wehren uns nur dagegen, dass auch politische Betrachtungen in den Entscheid des Ensi einfliessen.

Nicht immer waren die Betreiber so zufrieden mit dem Ensi.

Es ist in der Tat so, dass die Behörde uns das Leben manchmal schwer macht. Die Anforderungen an uns sind sehr hoch, und sie wurden nach dem Reaktorunfall von Fukushima noch verschärft. Das ändert nichts an der Tatsache, dass es diese unabhängige Instanz braucht, welche die Betriebsbewilligung eines Werks jederzeit sistieren darf. Ich ärgere mich, wenn man von «unbefristetem Betrieb» spricht.

Das Problem ist doch: Die Betreiber haben schon so viel Geld investiert, dass sie die Werke nun um jeden Preis lange laufen lassen müssen.

Die Fixkosten in einem KKW sind hoch, unabhängig davon, ob die Werke laufen oder nicht. Umso wichtiger ist es, die Verfügbarkeit und Jahresproduktion hoch zu halten. Oberste Prämisse ist die Sicherheit. Dafür investieren wir laufend beträchtliche Summen. Das dient wiederum dem Ziel des Langzeitbetriebs. Der Weiterbetrieb ist also nicht eine finanzielle Notwendigkeit, sondern ein erwünschtes Ziel.

Mehrere Elektrokonzerne sind in Finanznöten oder mussten gar Insolvenz anbieten. Hand aufs Herz: Die Nuklearbranche befindet sich auf einem sinkenden Schiff.

Wenn man eine weltweite Betrachtung macht, stimmt die Aussage nicht. Über 50 Kernkraftwerke sind weltweit im Bau, viele mehr projektiert. Nur im deutschsprachigen Raum ist die Kernenergie heute eine Übergangstechnologie. An Neubauprojekte in der Schweiz denkt aber auch in unserer Branche niemand mehr. Das macht unsere Arbeit jedoch noch lange nicht überflüssig. Der zuverlässige Betrieb der bestehenden Anlagen muss im Hinblick auf die Versorgungssicherheit gewährleistet werden. Und denken Sie nur an die Entsorgung der nuklearen Abfälle – sie wird uns noch Jahrzehnte nach der Stilllegung der Werke beschäftigen.

Apropos Stilllegung und Entsorgung: Die Betreiber legen dafür jedes Jahr Geld auf die Seite. Bis anhin kannten die periodisch durchgeführten Kostenschätzungen nur eine Richtung: Nach oben.

Je näher wir terminlich an den ersten Aktivitäten sind, desto genauer werden die Schätzungen. Wir können dabei auch von Erfahrungen unserer Nachbarländer, insbesondere Deutschland, profitieren. Die fünfjährlichen Kostenstudien werden von mehreren unabhängigen Kostenprüfern untersucht. Bei Bedarf werden die Betreiberbeiträge angepasst. Damit funktioniert das System mit dem Stilllegungs- und Entsorgungsfonds insgesamt gut. Die Fonds sind auf Kurs.

Schliessen Sie aus, dass letztlich der Bund Geld einschiessen muss? Um diese Gefahr zu verringern, hat er den Betreibern erst kürzlich einen Zuschlag von 30 Prozent auf die Gesamtkosten aufgebrummt.

Der Zuschlag wurde als temporär definiert, solange die Kostenstudie Prognoseungenauigkeiten und Risiken noch nicht erweitert erfasste und detailliert auswies. Gemäss den behördlichen Vorgaben wurde dies nun in der Kostenstudie 2016 korrekt umgesetzt. Damit erübrigt sich dieser Zuschlag.

Wie ist es moralisch zu rechtfertigen, dass wir heute Abfälle produzieren, mit denen sich unsere Nachkommen in Tausenden Jahren noch herumschlagen müssen?

Die Entscheide, in der Schweiz auch auf Kernenergie zu setzen, sind demokratisch legitimiert. Die Abfallproblematik ist vorhanden, und dass sie mit einem geologischen Tiefenlager technisch sicher lösbar ist, wurde schon vor rund zehn Jahren vom Bundesrat bestätigt. Das Volumen der nuklearen Abfälle ist überschaubar: Es entspricht ungefähr der Halle des Hauptbahnhofs Zürich. Für eine Technologie, die während 60 Jahren rund 40 Prozent unseres Strombedarfs gedeckt hat, finde ich das auch moralisch gerechtfertigt. Unabhängig davon muss man auch die Vorteile der Kernenergie berücksichtigen – etwa die CO2-freie Produktion.

Schaffen wir den Umbau unserer Energieversorgung hin zu mehr erneuerbarer Energie?

Der Fahrplan ist ambitioniert. Wenn man die Betriebszeit unserer Kernkraftwerke nicht beschränkt, sollte die Zeit reichen, um neue Technologien zu entwickeln. Derzeit ist Kernenergie aber noch ein absolut zentraler Faktor unserer Versorgungssicherheit.

Die Produzenten von Wasserkraft klagen, dass sie ihre Werke kaum mehr rentabel betreiben können. Wie steht es finanziell um die AKW?

Der Preis der Kernenergie ist weiterhin kompetitiv, gerade im Vergleich zur Wasserkraft. Im Durchschnitt kostet eine Kilowattstunde Strom aus dem KKW rund 5 Rappen, was sogar weniger ist als früher. Davon ist die Wasserkraft weit entfernt. Aber auch wir kämpfen mit den Verzerrungen des Marktes. Die europäischen Strompreise liegen unter unseren Gestehungskosten.

Wäre es, rein ökonomisch betrachtet, also nicht lukrativer, die AKW ruhen zu lassen, bis die Strompreise wieder steigen?

Nein. Unsere Fixkosten sind so hoch, dass sich’s so oder so lohnt, zu produzieren – auch bei tiefen Strompreisen.

Sie werten es als Erfolg, dass in einer von Ihnen in Auftrag gegebenen Umfrage 66 Prozent der Befragten die AKW als «sicher bis sehr sicher» erachten (siehe Infobox). Fakt ist aber: Vor nur einem Jahr waren es noch fast 4 Prozent mehr.

Die Umfrage wurde kurz nach der emotional geführten Energiegesetz-Abstimmung durchgeführt. Hinzu kommt, dass die temporären Ausserbetriebnahmen von Beznau I und Leibstadt von der Bevölkerung manchmal falsch interpretiert wird. Da wird viel vermischt.

Stand jetzt, ist der Neubau eines AKW in der Schweiz kein Thema. Ist das Kapitel Atomenergie für alle Fälle geschlossen?

Die Nuklearforschung geht zum Glück auch hierzulande weiter, und wenn eine neue, bessere Technologie marktreif sein sollte, muss die Frage neu erörtert werden. In den nächsten zehn bis fünfzehn Jahren sehe ich eine solche Entwicklung aber nicht.

*Michaël Plaschy ist Präsident von Swissnuclear und Geschäftsleiter der Kernkraftwerk Gösgen-Däniken AG.