Der starke Zulauf von Protestparteien in ganz Europa und der Aufstieg von Donald Trump in den USA beunruhigt die Topmanager der Schweizer Wirtschaft. Jörg Reinhardt – Präsident von Novartis, dem weltweit grössten Pharmakonzern – hat darum diese Woche in einer Rede vor der Handelskammer Deutschland Schweiz die Wirtschaft zur Selbstkritik aufgefordert, wie die „Schweiz am Sonntag“ berichtet.

Die Rede ging abseits des Swiss Economic Forums in den Medien unter. Dabei waren Reinhardts Forderungen brisant. «Die Wirtschaft darf sich nicht schmollend in eine Ecke zurückziehen oder sich hinter komplizierten Floskeln verschanzen», sagte Reinhardt. Gefordert sei ein Dialog, der «vernünftiger, offener und authentischer als bisher geführt werden muss, damit die Wirtschaft wieder ein höheres Mass an Glaubwürdigkeit erreicht.»

Reinhardt stellte eine «gewisse Entfremdung» zwischen Grossindustrie und Gesellschaft fest, die gefährlicher Natur sei. Er führte in seiner Rede gleich selber vor, wie er sich das vorstellt. «Viele Wähler sind die Litanei von Wachstum und Prosperität leid, wenn sie selbst nicht mehr fähig sind, an diesem Wachstum teilzuhaben.» So etwa, wenn Luxusimmobilien gebaut würden, die nur noch als Investitionsvehikel für Superreiche dienen, während bezahlbarer Wohnraum knapp werde.

Reinhardt sprach in seiner Rede zumeist über globale Trends. Machte indessen klar: «Die Schweiz kann sich diesen globalen wirtschaftspolitischen Tendenzen natürlich nicht entziehen.» In den vergangenen Jahren habe sie ganz ähnliche Entwicklungen durchgemacht.

Auch die zunehmende Ungleichheit sprach Reinhardt mit deutlichen Worten an. «Die Schere zwischen Arm und Reich öffnet sich immer weiter.» Viele arme Menschen hätten kaum mehr eine Chance, ihre Lebensumstände zu verbessern. «Für gering ausgebildete Arbeitskräfte lassen sich immer weniger Jobs finden.» Aber auch der Mittelstand leide. «Ein entscheidender Faktor» sei dabei die «wachsende Kluft bei der Entlohnung von hoch-, mittel- und unqualifizierten Arbeitskräften.» Gegen all diese negativen Trends müsse die Politik gemeinsam mit der Wirtschaft «Hand zu Lösungen bieten», fordert Reinhardt eindringlich.

Wirtschaftsführer wie Reinhardt begeben sich mit solchen Forderungen allerdings auf ein heikles Gebiet. Reinhardt selbst verdiente letztes Jahr rund 3,8 Millionen Franken Lohn für sein Amt.