Wirtschaft

Nicht nur Gold ist in der Krise gefragt: Warum manche plötzlich ihren Silberschmuck verkaufen

Am Expertentag des Auktionshauses Rapp im Hotel Schweizerhof in Luzern konnte man seinen Schmuck schätzen lassen.

Am Expertentag des Auktionshauses Rapp im Hotel Schweizerhof in Luzern konnte man seinen Schmuck schätzen lassen.

Silber ist gefragt wie seit Jahren nicht mehr – nicht nur bei Anlegern. Der Preis hat in diesem Jahr gar stärker zugelegt als beim Gold. Die Treiber sind jedoch andere.

In wirtschaftlich stürmischen Zeiten ändern selbst die risikofreudigsten Anleger in der Regel ihren gewohnten Kurs und steuern vermehrt sichere Häfen an. Als solche vermeintlich krisenresistente Anlegeplätze gelten nebst Immobilien und Staatsanleihen vor allem Edelmetalle wie Gold. Wenig überraschend hat die Coronakrise dem Goldpreis in den letzten Wochen zu einem veritablen Höhenflug verholfen. Im August war dieser zwischenzeitlich auf ein Rekordhoch von 2063 US-Dollar pro Feinunze (31,1 Gramm) geklettert. Somit kostete ein Kilogramm Gold zu diesem Zeitpunkt 66'300 Dollar.

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Aktuell liegt der Preis für eine Unze Gold bei rund 1955 Dollar. Seit Jahresbeginn verteuerte sich das Edelmetall damit um über 28 Prozent. Die erhöhte Nachfrage erklärt sich unter anderem mit der ultraexpansiven Geldpolitik der Notenbanken, die mit dem Ausbruch der Coronapandemie noch extremer geworden ist. Die wachsenden Inflationsängste an den Märkten lassen Anleger in Sachwerte flüchten, die als weniger volatil gelten als gewisse Währungen oder Aktien.

sagt Rohstoffanalyst Giovanni Staunovo von der UBS. Gerade die aggressiven Zinssenkungen der US-Notenbank, die zu einer Abschwächung des Dollars geführt haben, hätten die Anleger dazu bewogen, ihre Gelder in sicherere Alternativen umzulenken. Viele sehen im Gold einen guten Schutz gegen eine hohe Inflation.

Wette auf die Wirkung der Corona-Hilfspakete

Im Schatten der zu erwartenden Goldpreisentwicklung hat sich in den Turbulenzen der letzten Monate aber noch ein weiterer Höhenflug ereignet, den nicht alle auf dem Radar hatten. So hat der Preis für Silber seit Anfang Jahr noch stärker zugelegt als derjenige für Gold. Nach einem kurzzeitigen, aber heftigen Coronaschock, als der Silberpreis Mitte März auf 12 Dollar pro Unze fiel, hat dieser eine bemerkenswerte Zunahme erfahren und liegt aktuell bei rund 27 Dollar pro Unze, dem höchsten Stand seit sieben Jahren.

Seit Jahresbeginn entspricht das einem satten Plus von 51 Prozent. Zwar braucht man für den Erwerb einer Unze Gold noch immer etwas mehr als 72 Unzen Silber, doch hat sich die Preisschere zwischen den beiden Edelmetallen zuletzt etwas geschlossen – das Silber holt auf. «Gerade zu Beginn des Lockdowns im März war Silber massiv unterbewertet», sagt Staunovo. Nun finde eine Gegenreaktion dazu statt.

Nicht nur Gold, sondern auch Silber erfährt derzeit ein erhöhtes Interesse.

Nicht nur Gold, sondern auch Silber erfährt derzeit ein erhöhtes Interesse.

Die Treiber beim Silberpreis sind jedoch andere als auf dem Goldmarkt. So wird Silber viel stärker als Industriemetall eingesetzt als Gold. Während gemeinhin zwischen 50 und 60 Prozent des verkauften Silbers von der Industrie verwendet werden, etwa bei der Produktion von Solarpanels oder medizinischen und elektronischen Anwendungen, sind es beim Gold lediglich 10 Prozent. Folglich ist der Preis für Silber auch viel stärker von der Konjunkturentwicklung abhängig.

Geht es der Wirtschaft gut, steigt auch die Nachfrage nach dem «Gold des armen Mannes», so die Faustregel. Dies zeigte sich beispielsweise daran, dass Silber deutlich stärker als Gold profitierte, als im Mai die Coronamassnahmen gelockert wurden und die Wirtschaft wieder Fahrt aufnahm.

Wer also im letzten Halbjahr in Silber investiert hat, wettete darauf, dass die milliardenschweren Hilfspakete der Regierungen und Zentralbanken bald ihre Wirkung entfalten, und sich die globale Wirtschaft schnellstmöglich wieder erholt. Dabei schwang stets die Erwartung mit, dass die Nachfrage nach Edelmetallen auch in den kommenden Monaten nicht abreissen werde.

Viele wollen vom aktuell guten Umfeld profitieren

Diese Erwartungen spüren derzeit nicht nur globale Rohstoffhaie, sondern auch vergleichsweise kleinere Fische, die ihr Geld mit Schmuck, Uhren oder Münzen verdienen. Eines dieser Unternehmen ist das Wiler Auktionshaus Rapp, das diese Woche einen ausserordentlichen Expertentag im Hotel Schweizerhof in Luzern durchgeführt hat. Dort konnten Kunden ihre Stücke von Fachleuten begutachten und punkto Verkaufsmöglichkeiten beurteilen lassen.

sagt Geschäftsführerin Marianne Rapp Ohmann. «Die Zeichen, dass die Edelmetallpreise hochbleiben, sind da. Deshalb wollen viele vom aktuell guten Umfeld profitieren.»

Marianne Rapp Ohmann, Geschäftsführerin Auktionshaus Rapp

Marianne Rapp Ohmann, Geschäftsführerin Auktionshaus Rapp

Das Auktionshaus Rapp, das neben Schmuck, Uhren und Münzen auch Briefmarken versteigert, hatte seine Auktionswoche, die traditionsgemäss im Mai stattfindet, coronabedingt verschieben müssen. Nun soll diese im November stattfinden. «Es ist eine paradoxe Situation: Wir haben eigentlich genug Kunden, die ihre Stücke verkaufen möchten und mehr als genug Bieter, die diese haben wollen. Das Problem ist momentan nur, wie man diese zusammenbringt», sagt Rapp Ohmann. Sie sei aber zuversichtlich, dass im November gute Verkäufe möglich sind, nicht zuletzt wegen des hohen Gold- und Silberpreises. «Das stützt den inneren Wert von Edelmetalluhren, Schmuckstücken und Goldmünzen.»

Gerade bei Gold und Silber spricht für Anleger vieles dafür, diese direkt in Form von Münzen oder Barren zu halten – um ganz sicherzugehen, dass man die Metalle auch wirklich physisch besitzt. Während einige Marktbeobachter beim Silberpreis eine baldige Anpassung erwarten, sieht Rohstoffspezialist Staunovo durchaus noch «Luft nach oben». Zwar habe sich die Industrienachfrage in den letzten Jahren nicht grundlegend verändert, doch gebe es Hoffnungen am Markt, dass die Einführung der 5G-Technologie die Nachfrage stimulieren könnte. Komme hinzu, dass Gold und Silber historisch eine hohe Korrelation aufwiesen. «Sollte der Goldpreis also erneut die 2000-Dollar-Marke überschreiten – und davon gehen die meisten Analysten derzeit aus –, wird auch der Silberpreis einen Schub erhalten.»

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