Aktionärsdemokratie

Neue Dokumente zeigen, wie US-Investorenberater in Schweizer Firmen Einfluss ausüben

Viel Aktionärs-Opposition trotz Hilfe von US-Stimmrechtsberatern: CS-Verwaltungsratspräsident Urs Rohner.

Viel Aktionärs-Opposition trotz Hilfe von US-Stimmrechtsberatern: CS-Verwaltungsratspräsident Urs Rohner.

Die Credit Suisse liess sich bei ihren Boni-Plänen vom US-Investorenberater ISS helfen. Nun zeigen neue Dokumente, wie die Amerikaner vorgehen.

Reihenweise bekamen Verwaltungsräte in den letzten Wochen deftige Denkzettel verpasst. Doch mit gelebter Schweizer Aktionärsdemokratie hatte manche «Nein»-Stimme nichts zu tun. US-Stimmrechtsberater waren am Werk, die ihr Geschäftsmodell durchsetzten. «Sie beraten die Aktionäre, so wird quasi das Feuer gezündet», sagt ein Kenner. «Dann geht es zu den Verwaltungsräten, dort werden dann Feuerlöscher angeboten.»

Feuerlöscher hatte vor ihrer Generalversammlung die Credit Suisse gekauft. Verwaltungsrats-Präsident Urs Rohner liess sich helfen von einer Tochter des US-Stimmrechtsberaters ISS, ISS Corporate Solutions (ICS). Das brachte Rohner wenig, ISS machte dennoch Opposition gegen ihn. Peter Voser dagegen lehnt es als ABB-Präsident ab, solche Dienste zu kaufen. «Ich habe keine Verpflichtung gegenüber Stimmrechtsberatern», stellte Voser kürzlich in dieser Zeitung klar.

Diese Dienste, die ein Rohner kauft, ein Voser ablehnt, werden von ICS in Verkaufsbroschüren detailliert beschrieben: «Bauen Sie massgeschneiderte CEO-Salär-Analysen. Damit können Sie erkennen, wo Ihre Aktionäre möglicherweise Bedenken haben könnten.» Ein Ampelsystem soll geringe, mittlere oder grosse Bedenken der Aktionäre anzeigen. Ein analytischer Ansatz werde aufdecken, wenn Entlöhnung und Leistung möglicherweise in einem Missverhältnis stünden.

Absurdität auf die Spitze treiben

Rohners Bonipläne erhielten trotz ICS-Beratung aus allen politischen Lagern öffentliche Schelte, selbst von Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann. Ständerat Thomas Minder sagt nach der Lektüre der ICS-Verkaufsbroschüre: «Damit wird die Absurdität auf die Spitze getrieben.» Hochbezahlte Verwaltungsräte würden sich und dem Management kräftige Boni auszahlen, obschon ihr Konzern gerade Milliarden-Verluste schreibe. «Und für diesen offensichtlichen Unsinn mussten sie sich für teures Geld beraten lassen.»

Für Minder hätte die CS nicht bei ICS zum Kunden werden dürfen. «Das geht nicht: Ein Verwaltungsrat lässt sich von einem Stimmrechtsberater helfen, dieser sagt gleichzeitig seinen Aktionären, wie sie stimmen sollen.» Barbara Heller, Geschäftsführerin des schweizerischen Stimmrechtsberaters Swipra, vermutet in dieser Konstellation einen Interessenkonflikt. «ISS sollte nicht den Verwaltungsräten sagen, was sie tun müssen, damit die Aktionäre ihnen zustimmen, die wiederum auf ISS hören.» Einblick in das Geschäftsmodell von ISS – das gibt auch ein konkretes ICS-Beratungsangebot an ein Schweizer Unternehmen.

Darin ist beispielsweise dieser Satz zu finden: «ICS wird Rückmeldung geben zu Faktoren, die dazu führen könnten, dass die Vergütungspolitik eine ‹Ablehnungs›-Empfehlung von ISS-Research auf sich ziehen könnte.» Diese Aussage sei dann doch sehr deutlich, sagt ein Branchenkenner. «Der eine Teil von ISS sagt, was der Verwaltungsrat zu tun hat, damit der andere Teil von ISS sich nicht gegen den Verwaltungsrat stellt.»

Echter Gräuel für Verwaltungsräte

ICS werde Schwächen erkennen helfen, die zu einem «negativen Resultat» führen könnten, heisst es weiter im Beratungsangebot. So könnten Vergütungspläne abgeändert werden, bevor diese an die Öffentlichkeit kämen. So werde «dem Management Beruhigung gegeben». Dazu sagt Michael H. Kramarsch, Vergütungsexperte bei hkp group: «Das darf man nicht übersehen: Abstimmungen über die Vergütungen sind vielen Verwaltungsräten ein echter Gräuel.» Viele würden sich gern beraten lassen, wenn ihnen ein schlechtes Abstimmungs-Ergebnis erspart bliebe.

Das Paradebeispiel für den Einfluss von US-Stimmrechtsberatern war dieses Jahr wohl der Industriekonzern Georg Fischer aus Schaffhausen. Präsident Andreas Koopmann unterlag an der Generalversammlung mit seinem Vergütungsbericht. Vor der Abstimmung sagte er: «Wir entschädigen die Konzernleitung entsprechend der eigenen, langfristigen Entwicklung. Verschiedene angelsächsische Stimmrechtsberater sind anderer Meinung.» Georg Fischer hatte sich geweigert, die eigene Leistung anhand einer Vergleichsgruppe anderer Unternehmen zu messen, wie ISS dies wollte. Es war mitnichten ein Aufstand gegen Abzocker-Boni, ISS wollte seine Regeln durchdrücken.

«Georg Fischer ging es nicht alleine so», so Vergütungsexperte Kramarsch. «Viele Unternehmen schnitten an der Generalversammlung nur mässig ab, weil sie sich nicht an solchen Vergleichsgruppen messen wollten.» ISS habe gerade in diesem Jahr stark auf die Anwendung von Vergleichsgruppen gedrängt. «Nach den Generalversammlungen bekamen viele Verwaltungsräte eine E-Mail von ICS: Ob man nicht doch lieber Kunde werden wolle.»

ISS selber sagt auf Anfrage, man sei sich des Potenzials für Interessenkonflikte bewusst. Man habe deshalb Verschiedenes getan, damit aus potenziellen Konflikten keine echten würden. So habe man eine Feuerwand hochgezogen zwischen ISS, das institutionelle Investoren berate, und ICS, das Unternehmen berate. Dank dieser Feuerwand könne ISS nicht wissen, welche Unternehmen nun Kunden von ICS seien. «Deshalb können Unternehmen auch keine Spezialbehandlung bekommen, wenn sie Produkte oder Services von ICS kaufen.»

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