Milchschoggi
Nestlé zieht umstrittene Aussage zurück

Der Nahrungsmittelkonzern Nestlé reagiert auf die Klage eines Schoggi-Liebhabers und entfernt im Internet ein Werbevideo. Der Inhalt entspreche nicht den Tatsachen.

Lina Giusto und Tommaso Manzin
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Dieser Satz – aus dem mittlerweile gesperrten Werbevideo von Cailler – löste die Klage von Marc-Olivier Peter aus.

Dieser Satz – aus dem mittlerweile gesperrten Werbevideo von Cailler – löste die Klage von Marc-Olivier Peter aus.

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Auf saftigen Wiesen weiden Kühe. Im Hintergrund die Schweizer Alpen. Die Musik erinnert an die «Wunderbare Welt der Amélie».

Willkommen im jüngsten Werbevideo von Cailler, seit 1929 eine Tochtergesellschaft des Nahrungsmittelkonzerns Nestlé.

Mit dieser Werbung wollte Nestlé ihre Schoggimarke international besser positionieren.

Doch das Video ist vom Internet verschwunden. Grund ist eine Aussage in der Werbung: «Denn die Familie Cailler hat die Milchschokolade erfunden.»

Diese Aussage führte zur Klage gegen Nestlé. Kläger ist Marc-Olivier Peter: «Diese Aussage im Video ist falsch. Daniel Peter hat 1875 die Milchschokolade aus Kuhmilch erfunden, und zwar an der Rue des Bosquests 14 in Vevey und nicht die Familie Cailler in Broc, im Freiburger Greyerzerland.»

Es sei nötig, die historische Wahrheit dieser Erfindung zu wahren, sagt Peter, der mit dem Erfinder nicht verwandt ist.

Und er fügt an: «Ich bin rechtmässiger Eigentümer der geschützten Marke ‹Peter›.» Diese sei beim Bundesamt für geistiges Eigentum in Bern eingetragen.

Noch ein Peter

Der Streit um die Erfindung der Milchschoggi kommt im 150-Jahr-Jubiläum von Nestlé.

Tatsache ist: Schoggi-Erfinder Daniel Peter heiratete 1863 die Tochter des Chocolatiers François-Louis Cailler.

1867 haben Cailler und Peter separate Unternehmen gegründet. 1911 kam es zur Fusion zwischen den Unternehmen Peter, Kohler — dem Erfinder der ersten Schokolade mit Haselnuss — und Cailler. Das heisse aber nicht, dass die Familie Cailler Erfinderansprüche auf die erste Milchschokolade der Welt aus Kuhmilch erheben könne, sagt Peter. Genau das aber tue Cailler im Werbespot.

Für Peter ist darum klar: «Händler und Konsumenten werden durch diese Werbung getäuscht, sie verstösst gegen die Berufsethik der Confiseur-Bäckermeister und Chocolatiers.»

Eine verstrickte Angelegenheit, die noch komplizierter wird: Eine zweite Marke, die beim Amt für geistiges Eigentum eingetragen ist, heisst «Peter Cailler Kohler». Diese Marke konnte jedoch nicht geschützt werden.

Fassen wir zusammen: Marc-Olivier Peter klagte aus zwei Gründen gegen Nestlé: Erstens, weil die Werbung unlauter sei. Zweitens, weil sein Recht an der Marke «Peter» verletzt sein soll. Es geht nicht darum, die Herstellungsmethode von Milchschokolade zu schützen.

Wie das Institut für geistiges Eigentum auf Anfrage erklärt, wurde das erste Patentgesetz in der Schweiz erst 1888 eingeführt.

Es sei also fraglich, ob damals ein Patent für Milchschoggi angemeldet wurde. Falls ja, wäre es nach 20 Jahren abgelaufen. Marc-Olivier Peter hat seine Beschwerde am 1. März bei der Schweizerischen Lauterkeitskommission und dem Staatssekretariat für Wirtschaft eingereicht. Eine Kopie liegt der «Nordwestschweiz» vor.

Folgen bis in die USA

Zur Verwirrung trägt bei, dass Cailler gar nicht abstreitet, dass Daniel Peter der Erfinder sei. Im Gegenteil: Cailler weist in der eigenen Firmengeschichte selbst auf Daniel Peter hin.

Damit aber nicht genug: Es gibt eine weitere Firma, die mit der Marke «Peter» wirbt: Dahinter steckt Cargill, einer der grössten Rohstoffkonzerne weltweit, mit Sitz in den USA. Cargill besitzt in der Schweiz keine Marke mit dem Namen «Peter» – was ein Sprecher auf Anfrage bestätigt. Aufgrund der Übernahme einer Nestlé-Tochter in den USA sei sie jedoch seit 2002
im Besitz der Marke «Peter’s». Pikant: In den USA konnte Marc-Olivier Peter seine Marke «Peter» nicht eintragen lassen. Allerdings nicht, wie er behauptet, wegen Cargill, sondern wegen Disney’s Markenrecht an «Peter Pan».

Darf nun aber Cargill unter leicht abgeändertem Namen mit dem Inhalt einer Geschichte aus der Schweiz werben?

Laut Auskunft des Instituts für geistiges Eigentum in Bern sind Marken grundsätzlich in dem Land geschützt, in dem sie registriert sind.

Cargill wirbt mit dem Namen Peter auf ihrer Homepage. Da diese in der Schweiz aufgerufen werden kann, könnte eine Verletzung des Markennamens vorliegen.

Nestlé ihrerseits erklärt auf Anfrage, dass die Firma, die die Milchschokolade erfunden habe, schon 1867 und erst recht im Zeitpunkt der Erfindung 1875 «Peter, Cailler & Cie» hiess.

Zumindest in den Augen von Nestlé war – die Firma – Cailler an der Erfindung beteiligt und man sei somit berechtigt, damit zu werben.

Sprecher Philippe Oertlé teilte aber mit: «Künftig verzichten wir auf den Verweis auf die ‹Familie Cailler›.»

Unabhängig davon dürfte der Markenstreit noch nicht vom Tisch sein: «Peter» gehört in der Schweiz Marc-Olivier Peter. Die Frage, ob Nestlé und Cargill diesen Namen in Werbungen oder auch nur auf der Homepage nutzen dürfen, bleibt offen.

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