Novartis-CEO
Narasimhan übernimmt für Jimenez: Wer wird das erste Opfer des Neuen?

Vas Narasimhan hat sich im Kampf um den Novartis-Chefposten gegen ältere Manager durchgesetzt. Übergangene prüfen ihre Optionen.

Andreas Möckli
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Vasant «Vas» Narasimhan wird ab Februar der neue Chef des Basler Pharmakonzerns Novartis werden.

Vasant «Vas» Narasimhan wird ab Februar der neue Chef des Basler Pharmakonzerns Novartis werden.

HO

Jedes Jahr treffen sich die obersten Kaderleute von Novartis zu einer Management-Konferenz. 250 bis 280 Personen an der Zahl. Das «Off-Site-Meeting», wie man dies Neudeutsch nennt, fand diese Woche in Davos unter speziellen Vorzeichen statt.

Anfang Woche gab der Basler Pharmakonzern bekannt, dass der langjährige Konzernchef Joe Jimenez von Vas Narasimhan abgelöst wird. Der indischstämmige Amerikaner verantwortet derzeit die Entwicklung neuer Medikamente. In die Konzernleitung stieg der 41-Jährige erst im Februar 2016 auf, also weniger als vor zwei Jahren.

Vas, wie Vasant Narasimhan intern genannt wird, erhielt viel Applaus, als er an der Managementkonferenz auf die Bühne trat. Ob sämtliche anwesenden Führungskräfte mit dem Entscheid des Verwaltungsrats unter Führung von Jörg Reinhardt zufrieden sind, ist jedoch zu bezweifeln. Sicher ist, dass sich in der Konzernleitung auch andere Top-Manager Hoffnung auf den Chefposten machen durften.

Einen echten Kronfavoriten gab es allerdings nicht. Denn die meisten Schlüsselpositionen in der Konzernleitung wurden erst kürzlich neu besetzt. Knapp die Hälfte der elfköpfigen Chefetage ist erst seit 2016 im Amt. Darunter auch der Chef der Krebsmedikamente, der Franzose Bruno Strigini, sowie der Leiter des restlichen Pharmageschäfts, der Brite Paul Hudson. Der neue Forschungsleiter und der Chef der kriselnden Augenheilsparte Alcon sind ebenfalls erst seit 2016 auf ihrem Posten.

Strigini und Hudson dürften sich laut Firmenkennern am ehesten Chancen auf das Amt des Konzernchefs ausgerechnet haben. Hudson wechselte vom britisch-schwedischen Pharmakonzern Astrazeneca zu Novartis. Dort verantwortete er zuletzt den nordamerikanischen Markt, wie praktisch für jeden Pharmakonzern das weltweit wichtigste Gebiet. Einer der Kenner meint, Hudson sei zu Novartis gewechselt, um Konzernchef zu werden. Ob er nun geht, bleibt abzuwarten.

Strigini wiederum stiess 2014 von der amerikanischen Merck zu Novartis. Dort verantworte er die Märkte Europa und Kanada. Zuvor arbeitete er für jeweils rund fünf Jahre für die Pharmakonzerne UCB mit Sitz in Brüssel und GSK aus Grossbritannien. Der 56-Jährige wäre sicher noch nicht zu alt gewesen, um die Nachfolge von Joe Jimenez anzutreten.

Viel Lob, aber auch Kritik

Nun ist aber Vas Narasimhan als künftiger Chef gekrönt worden. Sein jugendliches Alter sorgte für Aufsehen, wenn auch nicht für eine eigentliche Debatte. Schliesslich wurde Roche-Chef Severin Schwan bereits im Alter von 40 zum Konzernchef berufen. Gewisse Analysten können sich vor lauter Lob über Narasimhan kaum zügeln. Von einem «besonders starken Leader» schreibt etwa Michael Nawrath, Analyst bei der Zürcher Kantonalbank.

Zu Narasimhans Stärken zähle das Erkennen von herausragenden Ressourcen, seien dies Projekte oder Mitarbeiter. Daneben habe er auch ein gutes Auge für Optimierungsbedarf, gerade mit Blick auf die Medikamentenentwicklung, die auf ein modernes nächstes Level gelangen müsse. Nawrath gefällt auch, dass Narasimhan über je einen Universitätsabschluss in Biologie und Medizin verfügt.

Interne Grabenkämpfe

Daneben gibt es auch kritische Stimmen, die jedoch nicht namentlich zitiert werden wollen. Narasimhan habe eine bescheidene operative Führungserfahrung in Bereichen, die Gewinn erwirtschaften müssten. Meist habe der Amerikaner Forschungs- und Entwicklungsabteilungen geleitet, Einheiten, die nur Aufwand verursachen.

Was den kommerziellen Teil des Geschäfts anbelange, so werde Narasimhan folglich auf die Erfahrung der Kollegen in der rein männlichen Konzernleitung angewiesen sein. Ein anderer Insider spricht von einer Auseinandersetzung zwischen Marketing und Verkauf sowie Forschung und Entwicklung. Offenbar habe sich letzteres Lager durchgesetzt, Jimenez sei denn auch nicht freiwillig gegangen, so wie er das am Montag betonte.

Klar ist, dass Präsident Jörg Reinhardt nun der starke Mann innerhalb von Novartis ist. Narasimhan ist durch die Berufung des 61-jährigen Deutschen ein Stück weit abhängig von ihm. Klar ist auch, dass die «Vasella Boys» in der Konzernleitung immer weniger werden. Daniel Vasella leitete das Unternehmen lange im Doppelmandat, zuletzt war er bis 2013 Präsident.

Nachdem Vasella mit seinem 72 Millionen Franken schweren Konkurrenzverbot das ganze Land in Aufruhr versetzte, kam im Nachgang gerade den Vertretern mit Schweizer Herkunft im Top-Management eine besondere Bedeutung zu. Heute sind dies der Chefjurist Felix Ehrat und André Wyss, der die zentralen Konzerndienste wie Einkauf, IT, Personal- und Rechnungswesen sowie die gesamte Produktion der Firma leitet.

Nun stellt sich die Frage, ob Ehrat und Wyss bleiben oder ob Narasimhan Ersatz für einen oder beide suchen wird. Ehrat wurde 2011 nach der Lesart eines Firmenkenners in letzter Minute von Vasella an Bord geholt, nachdem Jimenez einen Amerikaner als Chefjuristen einstellen wollte. Ehrat gilt in der Schweizer Wirtschaft als gut vernetzt und war bis 2015 Vorstandsmitglied beim Wirtschaftsverband Economiesuisse.

Schweizer im Visier?

Dieses Amt hat nun Wyss von Ehrat übernommen. Wyss hat seine Karriere unter Vasellas Ägide gemacht. Angefangen mit einer Lehre als Chemikant bei der Vorgängerfirma Sandoz, stieg er bis zum Länderpräsidenten in den USA auf. Danach wurde er von Jimenez nach Basel zurückgeholt, wo er neben seinen genannten Aufgaben auch Schweiz-Chef ist.

Es ist kaum vorstellbar, dass Vas Narasimhan keinen Schweizer Vertreter in der Konzernleitung mehr haben will. Ein solches Vorhaben wüsste allein schon Präsident Jörg Reinhardt zu verhindern, der sich um die Bedeutung des Hauptsitzstandortes bewusst ist und unter anderem mit seinem Tessiner Ferienhaus eine enge Beziehung zur Schweiz pflegt. Narasimhan wird aber wohl auch in der Konzernleitung den einen oder anderen Akzent setzen wollen. Dass es dabei auch einen Schweizer trifft, ist durchaus möglich.