Wirtschaft

Nach dem Nationalbank-Entscheid: Die Gefahr für Kleinsparer ist noch nicht gebannt

Zuschlagen, ehe es die Banken tun? Kleinsparer könnten irgendwann doch noch Negativzinsen zahlen.

Zuschlagen, ehe es die Banken tun? Kleinsparer könnten irgendwann doch noch Negativzinsen zahlen.

Die Nationalbank hat den Negativzins gestern nicht erhöht. Doch sie könnte bloss den Boden bereitet haben, um es später nachzuholen.

Früher hatten die Banken etwas erhalten, wenn sie bei der Nationalbank überschüssiges Geld anlegten. Heute müssen sie dafür einen Zins zahlen, den weltweit höchsten Negativzins.

Total liefern sie jährlich über 2 Milliarden Franken ab. Nun müssen sie zumindest nicht noch mehr zahlen. Die Nationalbank hat gestern verzichtet auf eine Erhöhung des Negativzinses. Und ist den Banken entgegengekommen.

Die Freibeträge werden erhöht, auf die kein Negativzins fällig ist. «Die Einnahmen der Nationalbank durch den Negativzins werden sinken», verkündete die Nationalbank. Die Banken müssen künftig also weniger zahlen. Gemäss Fachleuten noch etwas über 1 Milliarde Franken.

Können damit auch die Kunden der Banken aufatmen? Ist nun vom Tisch, dass zum Beispiel Kleinsparer dereinst einen Negativzins auf ihre Ersparnisse zahlen müssen? Nein, die Debatte um den Negativzins für Kleinsparer geht weiter. Auch nachdem die Nationalbank entschieden hat. Zum Beispiel sagt die Bankiervereinigung: Die Weitergabe des Negativzinses an Sparerinnen und Sparer sei zwar «grundsätzlich nicht wünschenswert». Doch die Drohung bleibt im Raum.

Ob das Thema nun vom Tisch sei, lasse sich «zum jetzigen Zeitpunkt» nicht sagen. Der UBS-Ökonom Kalt formuliert es noch etwas deutlicher: «Aufgeschoben ist eventuell nicht aufgehoben.» Die Fortsetzung hänge auch davon ab, was in den kommenden Monaten geschehen werde.

Diesbezüglich macht Kalt auch schon ein Fenster auf: «Die Nationalbank signalisiert mit ihrem Schritt einerseits, dass die Negativzinsphase noch sehr lange andauern wird. Anderseits dürfte sie damit das Feld für mögliche weitere Zinssenkungen geebnet haben.» Die Nationalbank würde also ihren Negativzins doch noch erhöhen, einfach zu einem späteren Zeitpunkt.

Zu dieser Deutung passt auch eine Passage in der Medienmitteilung der Nationalbank. Die Belastung durch den Negativzins solle auf das Nötigste beschränkt werden, um auch in Zukunft den geldpolitischen Handlungsspielraum sicherzustellen. Das kann man so verstehen, dass die Nationalbank erst die Belastung für die Banken abschwächen will.

Schliesslich hat sie auch ein Interesse, dass die Banken solide sind und die Wirtschaft mit Krediten versorgen. Wenn die Belastung dann geringer ist, kann sie ihren Negativzins nochmals erhöhen. Die Banken geben die Kosten aus den Negativzinsen an die Kunden weiter. Dieser Trend bleibt bestehen.

Das zeigt auch eine Meldung einer Nachrichtenagentur, wonach die Grossbank Credit Suisse eine neue Gebühr einführen will. Grosskunden sollen auf Frankenkonten einen Strafzins zahlen. Das Thema bleibt heftig umstritten. Für die einen sind Negativzinsen für Kleinsparer Ding der Unmöglichkeit.

Keine Bank werde es je wagen, die Kunden derart zu vergraulen. Sie vermuten Panikmache durch die Banken, mit einem Ziel: die Nationalbank zu Zugeständnissen zu bewegen. Für die anderen werden Negativzinsen für Kleinsparer schon sehr bald kommen.

Thomas Jordan Präsident der Nationalbank

Thomas Jordan Präsident der Nationalbank

Spitzenvertreter von Grossbanken geben sich überzeugt, es sei nur die logische Folge der weiten Verbreitung von Negativzinsen. In der Schweiz werfen 95 Prozent aller Anleihen negative Renditen ab. Mit anderen Worten: 460 Milliarden Franken werden so investiert, dass die Investoren weniger Geld zurückbekommen, als sie investiert haben.

In den Reaktionen auf den Nationalbank-Entscheid zeigt sich: Auch die Diskussion um die generelle Geldpolitik ebbt nicht ab. Sie gewinnt an Schärfe. Tut die Nationalbank genug, um eine übermässige Frankenaufwertung zu verhindern? Oder bewirkt der Negativzins, wie die Bankiervereinigung sagt, ohnehin nur massive strukturelle Schäden an der Wirtschaft?

«Der Druck auf die Altersvorsorge ist unverändert hoch geblieben», sagt der Pensionskassen-Verband. Offensichtlich glaubt man nicht, dass die höheren Freibeträge wirklich Entlastung bringen. Der Negativzins werde letzten Endes dazu führen, dass künftig tiefere Renten ausbezahlt werden.

Die Politik schaue bloss zu. «Die Nationalbank hat wieder gezeigt: Sie gibt nach, wenn sie unter politischen Druck gerät», sagt Daniel Lampart. Der Chefökonom des Gewerkschaftsbunds spielt auf die Kritik an, die die Banken geübt hatten.

Mit den höheren Freibeträgen habe man ihnen ein Zugeständnis gemacht. Noch mehr stört Lampart: Die Nationalbank tue zu wenig, damit der Franken wieder abwerte. Er sei nach wie vor viel zu hoch. «Preisstabilität, die sie laut Gesetz gewährleisten muss, verfolgt sie nicht konsequent genug.»

Im Industrieverband Swissmem scheint sich Resignation breitzumachen. «Der Franken hat sich zum Euro in den letzten Monaten verteuert und ist erheblich überbewertet», sagt ein Sprecher. Man anerkenne, dass die Nationalbank keinen leichten Entscheid zu fällen hatte. Man hoffe, dass es nun nicht zu einem Aufwertungsschub komme. Danach sieht es bislang nicht aus. Doch ist der Franken bereits deutlich teurer als noch im Frühjahr.

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