Coronakrise

Modebranche droht riesige Rabattschlacht - Tonnen von unverkauften Textilien könnten auf dem Müll landen

Eine solche Szene hat man aufgrund des Corona-Lockdowns schon länger nicht mehr gesehen. Im Bild kaufen Leute Kleider ab der Stange in Zürich.

Eine solche Szene hat man aufgrund des Corona-Lockdowns schon länger nicht mehr gesehen. Im Bild kaufen Leute Kleider ab der Stange in Zürich.

Die Kauflust für Modeartikel ist aufgrund des Corona-Lockdowns quasi inexistent. Händler bangen der Wiedereröffnung entgegen und hoffen, die Sommermode möglichst lange zu regulären Preisen verkaufen zu können.

Selbst der erfolgreiche Onlinehändler Zalando musste vor kurzem ein riesiges Sparprogramm ankündigen. Das verheisst für die Mode-Industrie Schlimmes. Die sinkende Kauflust der Konsumenten im Zuge der Pandemie macht den Unternehmen schwer zu schaffen. Nicht nur Zalando, auch viele andere Onlinehändler bleiben auf einem Teil ihrer Ware sitzen.

Für stationäre Bekleidungshändler ist die Situation noch einschneidender. Sie haben seit einem Monat gar keinen Umsatz. Die Aussicht auf die Wiedereröffnung ab dem 11. Mai, wie es der Bundesrat für diese Branche am Donnerstag bekannt gegeben hat, ist für Schweizer Firmen deshalb ein Lichtblick. «Es geht um das Überleben der Branche», sagt Milo Goldener, der den Dachverband des Schweizerischen Textildetailhandels präsidiert und mitverantwortlich ist für die 15 Modefachgeschäfte der Goldener Mode AG. «Viele Unternehmen wissen momentan nicht, ob es sie am Ende des Jahres noch geben wird. Diese Krise könnte uns um Generationen zurückwerfen.»

Kein Bedarf an neuen Kleidern wegen Lockdown

Das Problem ist: Auch nach der Öffnung wird der Verlust der vergangenen Wochen wohl kaum aufholbar sein. Das öffentliche Leben wird nur langsam wieder hochgefahren, der Konsum und die Kauflust werden sich weiterhin stark in Grenzen halten. Diese Woche wurde bekannt, dass die Konsumentenstimmung so schlecht wie seit 30 Jahren nicht mehr ist. Laut dem Staatssekretariat für Wirtschaft ist sie von -9 Punkte im Januar auf -40 Punkte im April gesunken.
Die Modebranche trifft dies besonders: Da keine Anlässe, Partys oder Hochzeiten stattfinden und die Leute weiterhin weitgehend in ihren eigenen vier Wänden bleiben, haben sie auch nicht das Bedürfnis, sich neu einzukleiden. Anstelle der neuen Frühlingsjacke oder des neuen Outfits für die Festivalsaison tut es auch der alte Pullover für den Garten. Anstelle des schicken Business-Anzugs tun es im Home-Office auch die verwaschene Trainerhose und die Finken.
«Ich befürchte, dass es lange geht, bis das normale Leben sich wieder einpendelt und der Konsum wieder auf Vorjahresniveau zurückkommt», sagt etwa Warenhaus-Chefin Nicole Loeb. Sehr wichtig dürfte für sie und ihre Mitstreiter deshalb zunächst die Sommersaison sein. Die Sommermode liegt laut Milo Goldener «tonnenweise schon an der Grenze bereit» und müsse demnächst in die Läden gebracht und verkaufsbereit gemacht werden. Seine grösste Sorge ist jedoch, dass die Händler auch dann noch auf ihrer Ware sitzen bleiben und sich schon früh mit Rabatten zu überbieten versuchen - allen voran grosse Ketten, die Ware im Überfluss haben. «Die Sommermode muss lange genug, das heisst bis etwa Ende August, zu regulären Preisen verkauft werden. Sonst fehlt der Bruttogewinn für Löhne und Miete. Das wäre verheerend.»
Die Modebranche muss sich eine Strategie zulegen, um aus der Coronakrise herauszufinden. Die Einbussen sind drastisch. Hier vergibt ein Schuhgeschäft einen Corona-Rabatt von 10 Prozent. Ob das reichen wird? (Bild: Keystone)

Die Modebranche muss sich eine Strategie zulegen, um aus der Coronakrise herauszufinden. Die Einbussen sind drastisch. Hier vergibt ein Schuhgeschäft einen Corona-Rabatt von 10 Prozent. Ob das reichen wird? (Bild: Keystone)

Um dieses Szenario zu verhindern, hat der Verband seinen Mitgliedern in Sachen Rabattgestaltung bereits Empfehlungen abgegeben. Zudem hat er an Schweizer Geschäftsstellen internationaler Modeketten appelliert und um Fairplay gebeten, bisher allerdings keine Reaktionen erhalten. Wie sich Zara, H&M oder Adidas zu Rabattschlachten verleiten lassen werden, lässt sich derzeit also noch nicht sagen. Die Nichtregierungsorganisation Public Eye, die auch die Modebranche beobachtet, zeigt sich wenig optimistisch. Gerade von Unternehmen wie Chicorée, Zebra und Tally Weijl, die viele Kollektionen pro Jahr auf den Markt bringen, erwartet sie bereits unmittelbar nach Öffnung der Läden eine «extreme Rabattschlacht für die Frühjahrskollektion». Bei der Sommerkollektion dürfte es demnach nicht viel anders sein.

Mehr Ware als sonst könnte auf dem Müll landen

Der Gedanke an unverkaufte Bekleidung führt unweigerlich zur Frage, ob nun noch mehr als üblich die Gefahr droht, dass Tonnen von Jeans, Röcken und Schuhen auf dem Müll landen. Public Eye sowie die Organisation Fashion Revolution beantworten diese klar mit Ja. Sie weisen allerdings darauf hin, dass wohl noch weitaus mehr unfertige Teile und Stoffe in den Fabriken in Südostasien zerstört werden. «Sehr viele Modefirmen haben ihre Aufträge für bereits produzierte oder in Produktion befindliche Kleider verantwortungslos storniert und die Zuliefererfabriken dennoch nicht bezahlt. Was sollen die Fabriken nun mit der Ware jetzt machen?», kritisiert Elisabeth Schenk von Public Eye.

Milo Goldener räumt ein, dass auch in der Schweiz ein grösserer Anteil der Produkte zerstört werden könnte. Schweizer Händler seien zwar gut darin, Ware wiederzuverwerten oder klassische Teile für später aufzuheben. Der Anteil zerstörter Ware sei deshalb längst nicht so hoch wie bei grossen Onlinehändlern. Das Schweizer Warenhaus Jelmoli zum Beispiel vernichtet nach eigenen Angaben keine Produkte.

Goldener nennt ein Beispiel aus dem Sportfachhandel: Für die Fussball-EM und die olympischen Spiele, die diesen Sommer bekanntlich nicht stattfinden, wurden bereits unzählige Fan-Trikots und andere Artikel hergestellt. Finden diese keinen Absatz, kann es sein, dass sie als ultima ratio zerstört werden.

Peter Bruggmann, Präsident des Verbands für Sportfachhandel Asmas pflichtet Milo Goldener bei. Seiner Meinung nach ist diese Gefahr im Textilbereich jedoch grösser als im Sportbereich. Dies, weil dort die Margen tiefer sind. «Spezielle Kollektionen, die eigens für einen Anlass produziert werden, wird man aber ebenfalls schwer loswerden», sagt Bruggmann. Immerhin hätten sich Händler und Hersteller bei den Fan-Artikeln für die EM geeinigt: Das Design wird beibehalten, die produzierten Trikots sollen auch noch in einem Jahr verkauft werden.

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