Schaerer
Mit 130 Sattelschleppern nach Zuchwil

Der Kaffeeautomatenhersteller M. Schaerer AG zieht im September von Moosseedorf nach Zuchwil – eine logistische Herausforderung. 200 Mitarbeiter, der Inhalt einer 7500 Quadratmeter grossen Lagerhalle und die ganze Büroinfrastruktur müssen gezügelt werden. Da ist minutiöse Vorbereitung gefragt.

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M. Schaerer AG zieht nach Zuchwil um (Bilder Felix Gerber
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Info Die Comicfigur Bonita hält die Mitarbeiter über den Firmenumzug auf dem Laufenden.
Lagerhalle Die Lagerhalle in Zuchwil auf dem ehemaligen Sultex-Areal wird für die M. Schaerer AG umgebaut.

M. Schaerer AG zieht nach Zuchwil um (Bilder Felix Gerber

Solothurner Zeitung

Von Thaïs in der Smitten

Sie hat grosse, dunkle Augen, spanische Wurzeln und, ihrer Kleidung nach, eine Vorliebe für die Farbe Orange. Sie steht Tag und Nacht, freundlich lächelnd im Gang vor der Produktionshalle der Firma M. Schaerer AG und gibt Auskunft: Bonita, eine Comicfigur aus Pappe, ist eine Erfindung der Firmenleitung, um die 200 Angestellten über die Fortschritte im Projekt «Schaerer on the move» auf dem Laufenden zu halten.

Der Kaffeemaschinenproduzent zieht im September vom bernischen Moosseedorf ins solothurnische Zuchwil. Der Grund dafür wird ersichtlich, wenn man an Bonita vorbei in die Produktions- und Lagerhalle spaziert: Überall stehen Kartonschachteln mit Material, auch dort wo sie nicht stehen sollten, im Gang.

Die Arbeitsplätze kommen erst in Erscheinung, wenn man sich ins Labyrinth aus Kartonschachteln und Maschinenteilen hineinwagt. Statt das Lager und die Produktion räumlich zu trennen, sind die meterhohen Gestelle mit Material rund um die Arbeitsplätze aufgebaut. So wird langwieriges Zusammenstellen von Maschinenbestandteilen aus dem Lager erspart. Seit geraumer Zeit platzt die Halle aber aus allen Nähten. Und so ging die Geschäftsleitung vor ein paar Jahren auf die Suche nach anderen Räumlichkeiten.

«Im Kanton Bern haben wir nichts gefunden. Das alte Galenica-Gebäude in Schönbühl war nicht geeignet», erklärt Marketing Manager Bernhard Künzler. Schliesslich wurde Schaerer in Zuchwil auf dem ehemaligen Sultex-Gelände fündig, wo heute auch Scintilla wirkt und werkt. 11 000 Quadratmeter gross ist die Halle für die gleichen Mietkosten wie in Moosseedorf, inklusive Raumreserven, sollte die Firma expandieren wollen.

Der Entschluss zum Umzug wurde vor zwei Jahren gefällt, als sich die Wirtschaft noch im Aufschwung befand. «Auch unter den jetzigen Umständen ist der Umzug 100 Prozent richtig», wird Künzler nicht müde zu betonen.

Die Mitarbeiter werden laufend über den Stand des Umzugsprojektes informiert, mithilfe von Bonita. Für viele bedeutet dies ein bedeutend längerer Arbeitsweg. «Die Motivation der Mitarbeiter hochzuhalten, ist eine gross Herausforderung», sagt Produktionsleiter Michele Solari. Er ist mit der Umzugsplanung für die Produktion betraut.

Künzler und Solari machen denn auch kein Hehl daraus, dass ein paar Mitarbeiter sich wegen des Arbeitsortswechsels eine andere Stelle gesucht haben. Darunter gebe es auch Härtefälle, wie eine alleinerziehende Mutter, die bisher die Kinder mit einem Arbeitsweg von 15 Minuten gut betreuen konnte. «Zusammen mit der natürlichen Fluktuation sind es etwa zehn Prozent», nennt der Marketing Manager Zahlen.

Für alle anderen heisst es in Bälde alles in Kisten einpacken. Bereits hängen detaillierte Büropläne am orangefarbigen Informationsbrett neben Bonita. «Hier kann jeder Mitarbeiter sehen, wo und neben wem er künftig arbeiten wird», erklärt Künzler.

In der Montage werden alle anpacken müssen. «Unsere Mitarbeiter verpacken das Material und tragen es zur Lastwagenrampe. Den Umzug selber machen die Profis einer Zügelfirma», sagt Solari. 4000 Paletten Material gilt es in 130 Sattelschlepperladungen zu verschieben. Am 1. September soll die Halle in Zuchwil bezugsbereit sein.

Vom Medizinalgerät zur Kaffeemaschine

Der Kaffeemaschinenhersteller M. Schaerer AG aus Moosseedorf beschäftigt schweizweit 320 Mitarbeiter. Das Unternehmen, das weltweit Nummer fünf unter den Herstellern von Kaffee-Vollautomaten ist, wurde 1892 von Maurice Schaerer in Bern gegründet.

Ursprünglich produzierte das Unternehmen sterilisierte Medizinalgeräte. 1924 wurde die erste Kaffeemaschine für den Spitalbedarf hergestellt, 1957 die erste vollautomatische Kolbenmaschine. Schaerer verkauft Kaffeemaschinen in die Gastronomie im In- und Ausland, unter anderem an Migros, Coop, Starbucks, Selecta und Mövenpick. Seit 2006 gehört das Unternehmen zum börsenkodierten deutschen WMF-Konzern (Württembergische Metallwarenfabrik). Schaerer erwirtschaftete 2008 einen Umsatz von 105 Millionen Franken. (ids)

Der grösste Teil der Umzuges ist von Mitte September bis Mitte Oktober geplant. Dabei soll die Produktion möglichst reibungslos weiterlaufen: «Unsere Kunden sollen vom Umzug nichts merken», erläutert Solari die Zielsetzung. Pro Abteilung ist maximal eine Woche Produktionsstopp eingeplant. Bei einer Lieferfrist von drei bis vier Wochen liesse sich das auffangen. Es zieht eine Abteilung nach der anderen um; die neue Lagerhalle werde sukzessive von hinten nach vorne gefüllt.

Ursprünglich war der Umzug auf Ende 2008 geplant. Doch die Verhandlungen mit dem Vermieter hätten sich in die Länge gezogen, erklärt Künzler die Terminverschiebung.

Der Umzug wird zudem dazu genutzt, die Produktionsabläufe zu verbessern: «Jetzt arbeiten wir nach dem Standplatzmontage-Prinzip: Ein Mitarbeiter baut eine Maschine von A bis Z zusammen. So dauert es eine Weile, bis wieder ein Satz Maschinen bereit ist zum Einpacken, und dann gibt es plötzlich wieder eine grosse Menge zu verpacken, wie bei einem Handörgeli», beschreibt Solari den Ist-Zustand.

«In Zuchwil stellen wir auf Fliessfertigung um. Dabei handelt es sich aber nicht um ein Montageband wie bei Ford. Der Mitarbeiter läuft mit der Maschine durch die einzelnen Arbeitsplätze mit.» So sollte sich ein kontinuierlicher Output ergeben. Ein weiterer Vorteil, man kann Auszubildenden einen Arbeitsschritt nach dem anderen beibringen und muss ihnen nicht mehr den ganzen Prozess auf einmal erklären.

Bei aller minutiösen Planung, mit Unterstützung von externen Fachleuten, wird der Umzug der Produktion eine Herausforderung bleiben, die Solari ab und an schon schlaflose Nächte bereitet: «Ich muss an jeden Stuhl, jeden Tisch, jede Schraube denken beim Planen. Wann was wohin gezügelt wird. Manchmal fällt mir zu Hause plötzlich ein, dass ich irgendwo einen Stuhl vergessen habe.»

An die grossen Sachen denke jeder, hingegen gingen die Details leicht vergessen, weiss Solari. Doch dass darf bei einem Firmenumzug nicht passieren. «Eine fehlende Steckdose ist bei einem privaten Umzug nicht weiter schlimm. Bei uns kann so etwas aber unter Umständen zu Produktionsausfällen führen, und das wäre gravierend», veranschaulicht Künzler das Problem.

Auch Risiko ist ein Thema. Essenzielle Produktionsbestandteile werden mit verschiedenen Lastwagen transportiert. So kann vermieden werden, dass ein Verkehrsunfall die ganze Produktion lahmlegt.

Trotz allen bevorstehenden Herausforderungen ist Künzler zuversichtlich: «Es wird nicht alles reibungslos ablaufen, aber entscheidend ist, wie wir mit allfälligen Problemen umgehen.»

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