Interview

Migros-Tochter Hotelplan prüft wegen Corona-Virus Kurzarbeit: «Wir erleben den perfekten Sturm»

Hotelplan-Chef, ein Urgestein in der Schweizer Tourismusbranche, sagt, er habe noch nie eine Krise solchen Ausmasses erlebt.

Hotelplan-Chef, ein Urgestein in der Schweizer Tourismusbranche, sagt, er habe noch nie eine Krise solchen Ausmasses erlebt.

Die Migros-Reisetochter kämpft mit den Folgen der Corona-Krise. Im Interview spricht ihr Chef Thomas Stirnimann (57) über Kurzarbeit, drohende Konkurse und die langfristigen Folgen für die Industrie.

Der Tourismus ist kurz davor, still zu stehen. Wie gross ist der Schaden für Hotelplan?

Thomas Stirnimann: Er ist massiv. Genau lässt er sich noch nicht beziffern, da sich die Situation praktisch stündlich ändert. Schon jetzt ist klar: 2020 geht als verlorenes Jahr in unsere Geschichtsbücher ein, auch wenn die Krise hoffentlich bald vorbei geht. Schwarze Zahlen sind praktisch ausgeschlossen.

Sie arbeiten seit über 30 Jahren im Tourismus. Wo steht die Corona-Krise im Vergleich zu früheren Tourismus-Krisen wie 9/11, Sars oder dem arabischen Frühling?

Die Folgen der Corona-Krise haben ein noch nie da gewesenes Ausmass erreicht. Bei früheren Vorfällen war die Krise jeweils lokal, oder zumindest einigermassen absehbar. Heute ist es ein Blindflug. Jede Regierung, jede Behörde verordnet ihre eigenen Regeln, in allen Destinationen. Es ist verrückt.

Die Wintersaison, die für Hotelplan sehr wichtig ist, wäre jetzt noch am Laufen…

…wäre. Das Tirol hat ja bereits dicht gemacht. Vielleicht folgen nun auch noch Frankreich und die Schweiz. Ich weiss es nicht. Niemand weiss es. Allein vom US-Einreisestopp für Europa sind über 1000 unserer Kunden betroffen. Momentan erleben unsere Angestellten den perfekten Sturm: Sie arbeiten wie wahnsinnig, annullieren Hotelreservationen, buchen Flüge um, erstatten Geld für abgesagte Reisen zurück. Gleichzeitig ist der Umsatz negativ.

Wie viel Geld mussten Sie bereits zurückerstatten?

Das kann ich noch nicht beziffern. Wir sind aber für unsere Kunden da, sind erreichbar und helfen wo möglich. Viele Situationen sind Neuland für alle, wir hatten es als Firma noch nie mit einer Pandemie in diesem Ausmass zu tun. Da gibt es viele Grauzonen.

Auch bei Hotelplan ist nicht jede Annullation gratis.

Klar, es gibt Kosten, die wir weiterreichen müssen, wenn zum Beispiel ein Kunde seine Reise nach Spanien annullieren will. Wenn Spanien aber morgen die Grenzen dicht macht, und die Airlines nicht mehr fliegen, dann stehen sie in der Schuld.

Inwiefern kann sich ein Reiseanbieter gegen finanzielle Schäden einer Pandemie versichern?

Das ist nicht möglich. Kriege, Erdbeben oder eben auch Pandemien gehören leider zu unserem Betriebsrisiko. Die Belastung auf unseren Cash-Flow ist deswegen enorm.

Muss man sich um die Zukunft von Hotelplan Sorgen machen?

Nein. Wir fahren eine konservative Politik und haben unser Geschäft nicht auf Wachstum getrimmt. Wir haben Reserven und vor allem einen gesunden Aktionär, die Migros. Wir befinden uns in einer privilegierten Situation.

Das heisst, die Migros stopft jedes Loch?

Das nicht. Aber die Migros hat einen so genannten Cash-Pool, in den wir normalerweise zu dieser Jahreszeit einiges einzahlen. Nun müssen wir ausnahmsweise beziehen. Und wir sparen bei den Kosten so gut es geht. Wir bauen zum Beispiel Überzeit und Ferientage ab.

Wird es ohne Kurzarbeit gehen?

Wenn Sie mich heute fragen: Nein. Wir prüfen deshalb Kurzarbeit zu beantragen. Momentan haben wir wie gesagt noch sehr viel Arbeit mit all den Umbuchungen, aber irgendwann werden die Telefone weniger läuten. Dann kommt die kritische Phase.

Der Schweizer Reise-Verband fordert vom Bund Hilfe: Rasche Bewilligung von Kurzarbeit, Steuererleichterungen und Überbrückungskredite. Welche dieser Massnahmen benötigt Hotelplan?

Vorerst keine. Wie gesagt ist Kurzarbeit eine Option. Aber ich unterstütze diese Forderungen des Verbands. Denn vielen Mitbewerbern, vor allem kleineren, stehen schwere Zeiten bevor, und so manche dürften die Corona-Krise nicht überleben, da die Margen in der Reisebranche sehr tief sind.

Wie gross ist die Angst bei den Angestellten, die um ihre Stelle fürchten müssen?

Natürlich gibt es Leute, die Angst haben, das ist normal. Aber wir kommunizieren ständig und den Umständen entsprechend ist die Stimmung gut. Wir sind sehr krisenerprobt. Mit Galgenhumor könnte man sagen, es ist immerhin eine sehr spannende Zeit. Nur leider ist es auch eine sehr traurige Zeit. Die Frage ist, wie lange diese Virus-Hysterie anhalten wird.

Auf Kreuzfahrten und Flügen ist man auch in Zukunft eng aufeinander. Wie nachhaltig wird die Corona- Krise Ihrer Meinung nach das Reiseverhalten beeinflussen?

Ich bin Optimist und hoffe auf eine relativ rasche Erholung, eine Rückkehr zur Normalität, sobald die Krise vorbei ist. Momentan sind noch alle verunsichert. Aber irgendwann wird bei vielen Leuten ein Nachholbedarf nach Ferien bestehen. Aber ich kann mir vorstellen, dass der Trend dann eher in Richtung Ferien im kleinen Kreis geht, dass man die grossen Menschenaufläufe eher meiden wird.

Zur Person

Thomas StirnimannDer 57-Jährige leitet seit 2012 die Migros-Reisetochter Hotelplan mit rund 900 Angestellten und 100 Verkaufsstellen. Zuvor war Stirnimann bei Kuoni tätig.

Thomas Stirnimann

Der 57-Jährige leitet seit 2012 die Migros-Reisetochter Hotelplan mit rund 900 Angestellten und 100 Verkaufsstellen. Zuvor war Stirnimann bei Kuoni tätig.

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