Frankenschock

Lagebeurteilung in Bern: Senkt die Nationalbank die Negativzinsen?

Senkt die Nationalbank die Negativzinsen?

Senkt die Nationalbank die Negativzinsen?

Keine Notenbank hat derzeit negativere Leitzinsen als die Schweizerische Nationalbank. Trotzdem: eine weitere Senkung ist durchaus im Bereich des Möglichen. In der Lagebeurteilung am Donnerstag entscheidet die Nationalbank, ob sie die Zinsen noch weiter ins Minus fallen lässt.

Heute entscheidet die Schweizerische Nationalbank (SNB), ob die Geldpolitik abermals neu tariert werden muss. Deren Schicksalstag markieren indes seit Jahren die Sitzungen der Europäischen Zentralbank (EZB). Vor Jahresfrist liess die SNB den Euro-Mindestkurs von Fr. 1.20 fallen, weil sie ein Wertschriftenkaufprogramm der EZB und damit eine neue Euroschwemme befürchtete. Diese lief im März 2015 tatsächlich an.

Die EZB begann damals, monatlich 60 Milliarden Euro über Käufe von Wertpapieren in Umlauf zu bringen. Das zusätzliche Angebot an Euros liess die Gemeinschaftswährung ab- und den Franken aufwerten. Hätte die SNB gleichzeitig zum Mindestkurs-Aus am 15. Januar nicht die Zinsen präventiv weiter ins Minus gesenkt, um Frankenanlagen unattraktiver zu machen, wäre der Schaden für die Schweizer Exportwirtschaft wohl noch grösser gewesen.

Obligater Blick nach Frankfurt

Vor einer Woche hat der EZB-Rat in Frankfurt die Käufe um 20 Milliarden Euro pro Monat ausgeweitet und nach der Streckung im Dezember die Mindestlaufzeit um ein weiteres Semester bis März 2017 ausgedehnt. Ausserdem senkte er die Strafzinsen für Geld, das Banken bei der EZB parkieren, von –0,3 auf –0,4 Prozent und näherte sich damit dem SNB-Strafzins von 0,75 Prozent an. Der Euro hat sich seither dennoch kaum bewegt. Er oszilliert um jene Marke, die zum inoffiziellen Mindestkurs geworden scheint: 1 Franken und 10 Rappen. Die Massnahmen der EZB waren von den Finanzmärkten erwartet worden. Wären sie ausgeblieben, hätte der Euro mit hoher Wahrscheinlichkeit abgewertet.

Es ist zwar nicht auszuschliessen, dass die SNB nachzieht. Doch keine Notenbank hat derzeit negativere Leitzinsen. Und kein Währungsraum ist damit jener Grenze näher gekommen, nach deren Überschreitung das Finanzsystem Auflösungserscheinungen zeigen könnte. Die Banken haben 2015 mehr als eine Milliarde an Negativzinsen bei der SNB liegengelassen. Zwar geben sie diese Kosten bisher «nur» an institutionelle Anleger wie Pensionskassen weiter. Doch steigen diese Kosten, werden sie irgendwann auch die privaten Sparer zur Kasse bitten.

Sparerstreik und Bankinfarkt

Die emsigen Kunden könnten dann aber anfangen, die Konti zu räumen und Bargeld zu horten. SNB-Präsident Thomas Jordan warnte vor rund zwei Wochen selbst vor dieser Kapitalflucht. Der Streik der Sparer ist der schlimmste Albtraum der Notenbanken. Denn sie hätten damit das Gegenteil dessen bewirkt, was ihr Mandat verlangt: die Destabilisierung des Finanzsystems. Ein von ihnen ausgelöster Bankensturm wäre die bisher beissendste Ironie der Finanzkrisengeschichte.

Die meisten Analysten gehen daher davon aus, dass die Nationalbank vor einer weiteren Zinssenkung zurückschreckt. Dies umso mehr, als das Massnahmenpaket der EZB zumindest bisher kaum eine zusätzliche Abwertung der Euros bewirkt hat. Die Ökonomen von Credit Suisse etwa gehen davon aus, dass die SNB direktem Aufwärtsdruck auf den Franken stattdessen mit Devisenkäufen begegnen wird.

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