Banken

Kurswechsel bei Raiffeisen: Vom Vincenz-Diktat zur Konsens-Strategie

Die Bank will sich aus der einseitigen Abhängigkeit vom Hypothekengeschäft befreien. Mit «Raiffeisen 2025» nimmt sie einen neuen Anlauf.

«Raiffeisen bleibt Raiffeisen». So wie man ein sieben Jahre altes Versprechen von Pierin Vincenz heute verstehen muss, war es damals nicht gemeint. Die Bemühung des einst populärsten Schweizer Bankers, die genossenschaftliche Bankengruppe mit Hilfe von zahlreichen teuren Übernahmen aus der einseitigen Abhängigkeit vom Hypothekengeschäft zu führen gelten längst als gescheitert. Die 229 Mitgliedsinstitute leben weiterhin zu einem sehr grossen Teil von der Finanzierung von Wohneigentum.

Für Raiffeisen wird die hohe Abhängigkeit vom Hypothekengeschäft zu einem immer grösseren Problem. Das Negativzinsumfeld lässt die ohnehin schon knappen Margen Jahr für Jahr weiter abschmelzen und gleichzeitig nehmen die Bewertungsrisiken in den Kreditportefeuilles zu.

Mit «Raiffeisen 2025» zurück zu genossenschaftlichen Werten

Jetzt unternimmt die Bankengruppe einen neuen Anlauf, ihre Ertragsbasis zu verbreitern. «Raiffeisen 2025», wie die neue Strategie bezeichnet wird, befindet sich seit einigen Wochen in einer internen Vernehmlassung. Das allein sagt schon viel über den vom Verwaltungsrat der Raiffeisen Schweiz AG gewählten Ansatz: Konsensuale Entscheidungsfindung statt direktiven aus der St. Galler Zentrale oder bottom-up statt top-down, wie Unternehmensberater sagen würden.

Die Strategie soll im Juni in einer konsultativen Abstimmung der Eignerversammlung und auf der anschliessenden Generalversammlung bestätigt werden. Eine hohe Zustimmungsrate ist Pflicht und die Chancen dafür stehen gut.

Die Strategie ist kein Soloprojekt des Verwaltungsratspräsidenten Guy Lachappelle und seinem CEO Heinz Huber, sondern das Gemeinschaftswerk einer 17-köpfigen Projektgruppe, in der auch Vertreter der Mitgliedsbanken tätig waren. Die partizipative Strategieentwicklung ist Ausfluss der im vergangenen Jahr vorgenommenen Weichenstellungen, mit denen sich Raiffeisen auf ihre genossenschaftlichen Werte zurückbesinnen will.

Heinz Huber, CEO Raiffeisen an der Bilanzmedienkonferenz in Zürich am Donnerstag, 27. Februar 2020. (Bild: Keystone)

Heinz Huber, CEO Raiffeisen an der Bilanzmedienkonferenz in Zürich am Donnerstag, 27. Februar 2020. (Bild: Keystone)

Mit dem neuen strategischen Ansatz will Raiffeisen einem alten Ziel endlich näher kommen und das Geschäftspotenzial der grossen Kundenbasis besser ausschöpfen. Die Bankengruppe zählt rund 2 Millionen Genossenschafter, 3,5 Millionen Privatkunden und rund 200'000 KMU-Kunden. Viele haben nur eine Hypothek oder ein Sparkonto mit Raiffeisen und beziehen andere Leistungen aus anderen Quellen.

Potenzial bei Hypotheken und Erdbebenversicherungen

Um den Anteil an diesem Kuchen zu vergrössern streben die Genossenschafter neue Partnerschaften an. So wurde die seit über 20 Jahren bestehenden und bis 2021 vertraglich festgelegt Vertriebszusammenarbeit mit dem Versicherer Helvetia unlängst neu ausgeschrieben. Statt wie bisher nur Policen gegen eine Gebühr zu vermitteln will Raiffeisen Versicherungslösungen künftig selber verkaufen können. Ein naheliegendes Geschäft sind zum Beispiel Erdbebenversicherungspolicen für Hypothekenkunden.

Im Sommer sollen die Raiffeisen-Kunden auch in den Genuss einer niederschwelligen digitalen Vermögensverwaltungs-Applikation kommen, welche auf einer Technologie der Bank Vontobel basiert. Das Angebot soll aus kostengünstigen Fonds (ETF) bestehen, die den Kunden befähigen sollen eine themenbasierte Anlagestrategie zu verfolgen. Neue Ertrgsquellen sucht Raiffeisen seit 2017 auch im Immobilienhandel. Unter dem Namen «RaiffeisenCasa» positioniert sich die Bankengruppe im Schweizer Häusermarkt als Vermittlerin und Beraterin.

Die Erfolgschancen solcher Initiativen sind allerdings kaum kalkulierbar. Während es Raiffeisen im Anlagegeschäft mit der wachsenden Konkurrenz kostengünstiger Smartphone-Banken zu tun bekommt, sieht sich die Bank als Immobilienmaklerin potenziellen Interessenskonflikten ausgesetzt.

Investitionen dringend benötigt

Klar ist indessen, dass die Entwicklung neuer Ertragsquellen hohe Investitionen bedingt. Das ist nicht zuletzt der Grund, dass sich der Verwaltungsrat für neue Strategie das Plazet der Mitgliedsbanken geben lassen will.

Die autonomen Banken sollen auch mitreden, wenn es um die Verbesserung der Kosteneffizient der Gruppe geht. Während in den für die einzelnen Banken zentralen Geschäftsfeldern Kreditvergabe und Bilanzmanagement eine Zentralisierung von Prozessen kaum mehr möglich erscheint, sucht Raiffeisen nun nach Möglichkeiten Basisprozesse in den rückwärtigen Bereichen zu standardisieren und mittels digitaler Technologien zu automatisieren. Zudem sollen den Mitgliedsbanken mit den gleichen Methoden auch neue Vertriebskanäle eröffnet werden.

Raiffeisen setzt darauf, dass sich die damit verbundenen Investitionen gut auf die grosse Kundenbasis verteilen lassen. Ob diese Hoffnung aufgeht wird sich weisen. Die Bankbranche befindet sich in einem intensiven Verdrängungskampf. Den Kunden stehen Leistungsangebote in grosser und wachsender Breite und zu tendenziell sinkenden Preisen zur Auswahl.

«Raiffeisen 2025» ist deshalb primär eine Strategie der Besitzstandwahrung. Das Wachstum kommt erst an zweiter oder drittel Stelle. Die Genossenschafter waren in der Ära Vincenz der Illusion verfallen, dass sich solide Geschäftsmodelle zentral entwickeln und ausrollen lassen. Damit hat die Bankengruppe viel wertvolle Zeit verloren, die sie nun schleunigst aufholen muss.

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