Wirtschaft

Künstliche Intelligenz aus der Zentralschweiz: Diese Jungunternehmer haben es auf die «Forbes»-Liste geschafft

Gleich mehrere Jungunternehmer aus der Region sind in diesem Jahr auf der «30 unter 30»-Liste des «Forbes»-Magazins zu finden.

Die Auswahl war riesig. Aus über 1500 Nominierten konnte die Jury des deutschsprachigen «Forbes»-Magazins in diesem Jahr auswählen, um die interessantesten Jungunternehmer aus der Schweiz zu finden. Am Ende haben es wie immer nur deren 30 auf die begehrte «30 unter 30»-Liste geschafft. Unter ihnen finden sich auch mehrere Vertreter aus der Zentralschweiz.

Einer von ihnen ist Sandro Cilurzo, der ursprünglich aus Obernau stammt und seit ein paar Jahren in Luzern wohnt. Sein Start-up Sedimentum mit Sitz in Zug hat ein Gerät zur Sturz- und Notfallerkennung entwickelt, das nächstes Jahr auf den Markt kommt. Bevor der 29-Jährige Gründer wurde, war Cilurzo in einer psychiatrischen Klinik in der Schweiz für die IT und Cyber-Sicherheit verantwortlich. Zudem gehörte er einer Denkfabrik an, in der Kadermitglieder und Experten aus den Bereichen Medizin und Pflege vertreten waren.

Sedimentum-Gründer (von links): Roman Böhni, Sandro Cilurzo, Eugenie Nicoud und Immanuel Zerbini.

Sedimentum-Gründer (von links): Roman Böhni, Sandro Cilurzo, Eugenie Nicoud und Immanuel Zerbini.

Aus dieser Zeit stammt auch die Geschäftsidee. «Jede Institution im Gesundheitswesen, ob Psychiatrie oder Altersheim, hat die Aufgabe, die Sicherheit von Patienten und Bewohnern über 24 Stunden hinweg unterbrechungsfrei zu gewährleisten», sagt Cilurzo. Dies sei eine zentrale Herausforderung. Die Realität sähe aber anders aus: akuter Personalmangel, veraltete Technik und Geräte mit Kameras und Mikrofonen, die die Privatsphäre missachten. «Diese fundamentalen Probleme haben mich nicht mehr losgelassen.»

Stürze von Patienten in Echtzeit erkennen

Der Problemlöser des mittlerweile zehnköpfigen Start-ups sieht aus wie ein Rauchmelder und wird wie dieser an der Decke angebracht. Nur, dass die Sensoren keine Rauchentwicklung erkennen, sondern Stürze und Notfälle, und zwar kontaktlos. Kontaktlos bedeutet, dass die Gestürzten keine Taste auf einem Notrufarmband drücken oder sich sonst wie bemerkbar machen müssen; der Alarm geht automatisch an. «Unsere Expertise liegt im Bereich künstliche Intelligenz», erklärt Cilurzo. Stürze zuverlässig zu erkennen, sei eine sehr anspruchsvolle Disziplin:

Dank dieser können die Gerätesensoren ein Sturzereignis in Echtzeit erkennen. Das funktioniert ganz ohne Kameras und Mikrofone, denn der Schutz der Privatsphäre ist bei Sedimentum mindestens so wichtig wie die Sicherheit. «Andere sehen regulatorische Anforderungen als Hürde, für uns ist Datenschutz ein Innovationstreiber.» Um datenschutzkonform zu sein, entwickelte das Start-up ein eigenes Anonymisierungsverfahren.

Vorerst konzentriert sich Sedimentum auf Geschäftskunden: psychiatrische Kliniken, Alters- und Pflegeheime, Spitex-Organisationen. Dort laufen derzeit Pilotprojekte zur Optimierung und Erweiterung der Lösung. Durch die Erwähnung auf der «Forbes»-Liste fühlt sich der Luzerner Jungunternehmer einmal mehr darin bekräftigt, auf dem richtigen Weg zu sein. Solch positive Nachrichten empfindet er als Wohltat im Start-up-Alltag, der sich häufig anfühle wie eine Achterbahnfahrt.

Ebenfalls auf die Liste geschafft hat es Vanessa Foser, Mitgründerin, Verwaltungsratspräsidentin und CCO der in Freienbach SZ ansässigen AI Business School, wobei AI für Artificial Intelligence (künstliche Intelligenz) steht. Diese bietet praxisnahe Online-Weiterbildungsangebote für Führungskräfte, Unternehmen, Universitäten und Privatpersonen zum Thema künstliche Intelligenz an. Foser ist zudem Verwaltungsratspräsidentin von C-Level, der Schweizer Top-Manager-Community, die ebenfalls in Freienbach sitzt.

Vanessa Foser, 28, Mitgründerin der AI Business School.

Vanessa Foser, 28, Mitgründerin der AI Business School.

«Für einen Grossteil der Bevölkerung wichtig»

Dass die Zentralschweiz beruflicher Mittelpunkt der 28-jährigen Liechtensteinerin geworden ist, liegt daran, «dass sich der Kanton Schwyz in den letzten Jahren unheimlich innovativ und unternehmerisch für neue Technologien wie KI engagiert hat» – ein gutes Umfeld also für die Gründung einer Bildungsinstitution, die sich speziell diesem Zukunftsthema widmet.

Auf die Idee kamen Foser und ihre Gründerkollegen durch die Zusammenarbeit mit Entscheidungsträgern der C-Level-Community. Irgendwann war klar, dass viele Führungskräfte im Bereich neue Technologien noch einiges nachzuholen haben. «In den meisten Organisationen fehlt das essenzielle Verständnis für künstliche Intelligenz, auf Top-Management-Ebene, aber auch in der Breite.»

So stellten Foser und Kollegen zum Beispiel fest, dass es zwar viele Weiterbildungsangebote für Techniker und IT-Experten gab, jedoch keine qualitativ ansprechenden für Nicht-Techniker wie Business-Leute, Manager und deren Mitarbeiter. Also sprangen sie in die Marktlücke: Im Dezember 2018 startete die AI Business School. Mittlerweile zählt sie mehr als 10000 Absolventen aus vier Kontinenten. Für nächstes Jahr sind 500000 Absolventen anvisiert. Strategische Partner sind Techriesen wie Google, Amazon Web Services, Microsoft und das Unternehmen UiPath, Spezialist in der neuen Disziplin robotergesteuerte Prozessautomatisierung.

Foser hegt ehrgeizige Pläne: Sie will die Schweiz als Kompetenzzentrum für künstliche Intelligenz mit internationaler Strahlkraft etablieren. Die Erwähnung auf der Liste lenke jetzt viel Aufmerksamkeit auf das Thema Weiterbildung im digitalen Zeitalter:

Über eine Erwähnung auf der Liste dürfen sich zudem die Zentralschweizer Fabian Hediger, 28, und Andrej Macjen, 30, Mitgründer von Bitcoin Suisse aus Zug, freuen. Genauso wie der Nidwaldner Comedian Robin Pickis, 27, Gründer von Artsome, und Oliver Girstmair, 28, Mitgründer der Hünenberger Firma Bravo Technologies, die mittels App die Lieferkette bei Lebensmitteln effizienter gestalten will.

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