Medien
Kritik an Verleger Pietro Supino: Die Westschweizer Abrechnung mit dem Tamedia-Konzern

In einer zwölfteiligen Serie stellt die neue «Le Temps»-Crew den Zürcher Medienkonzern an den Pranger. Die Recherche scheint allerdings nicht ergebnisoffen, sondern auf Verhärtung angelegt zu sein.

Christian Mensch,
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Tamedia-Verleger Pietro Supino.

Tamedia-Verleger Pietro Supino.

Sandra Ardizzone

Die Kränkung muss massiv sein. Sechs Monate lang schickte das Westschweizer Online-Portal «Heidi.news» seinen Reporter Marc Guéniat auf die Pirsch, um eine Familiensaga der Zürcher Verlegerfamilie Coninx zu recherchieren. Herausgekommen ist eine umfangreiche Serie, die in den vergangenen Tagen gleichzeitig in der Romandie und in deutscher Übersetzung auf dem Online-Portal «Repu­blik» erschienen ist.

Die journalistische Abrechnung spiegelt die mediale Befindlichkeit in der französischsprachigen Schweiz wider, die sich von den Deutschschweizer Medienkonzernen marginalisiert sieht. Und Pietro Supino, Spross der Coninx-Familie und Verleger der Tamedia-Titel, ­bietet sich dafür als ideale Projektionsfigur an.

«Tamedia Papers» nennt «Heidi.news» ihre Serie. Es klingt nach «Panama Papers», den geleakten Dokumenten der Anwaltskanzlei Mosack Fon­seca, mit denen Journalisten Offshore-Strukturen und geheime Gelder offenlegten. Supino ist zwar durchaus ein Spezialist für Offshore-Konstruktionen, doch die «Tamedia Papers» enthüllen keine solchen.

Vielmehr basiert die Serie auf ausführlicher Archivrecherche und einer Vielzahl von Gesprächen. Ergebnisoffen scheinen sie nicht verlaufen zu sein, Verhärtung war jedenfalls Teil der Recherche. Weder Supino selbst noch andere Vertreter des Konzerns waren bereit, Fragen des Reporters zu beantworten. Selbst Marc Walder, Chef des Ringier-Konzerns, mochte sich nicht kompromittierenderweise zitieren lassen.

Affiche mit persönlichen Verstrickungen

Ausführlich Auskunft gab Eric Hoesli. Der Westschweizer Journalist arbeitete einst als Medienmanager für Tamedia, bis er im Streit um verordnete Abbaumassnahmen das Unternehmen verliess. Nun steht er im Rechtsstreit mit dem Zürcher Medienkonzern. Dieser hängt allerdings mit der Berichterstattung der Tamedia-Zeitungen über eine umstrittene Russland-Reise ­Hoeslis zusammen. Mit auf der Reise war der Milliardär und russische Honorarkonsul Frederick Paulsen, der wiederum zu den Geldgebern von «Heidi.news» gehört.

Hoesli wird zudem in den kommenden Monaten «Heidi.news» mit der Zeitung «Le Temps» zusammenführen, die im November mit Stiftungsgeldern von Ringier übernommen werden konnte. Mit alten­Gefolgsleuten will Hoesli «Le Temps» zu neuem Prestige führen – und damit zur journalistischen Antithese zu den ausgedünnten Tamedia-Titeln «Tribune de Genève», «24 heures» und «20 minutes» machen.

Die Serie hat den Anschein der Parteilichkeit. Doch dass die Profitabilität wichtig ist, ist real. Sie garantiert der mittlerweile vielköpfigen Verlegerfamilie eine jährliche Apanage in Millionenhöhe, bei gleichzeitig kontinuierlichem Rückbau der Redaktionen. Die Brachialität im Umbau des traditionellen Verlagshauses zu einer Technologieholding, wie sie in der schrittweisen Umbenennung zur TX Group AG zum Ausdruck kommt.

Eine neue Form der Auseinandersetzung

Die Serie folgt den Regeln des journalistischen Storytellings, indem sie die Geschichte über weite Teile an der Person von Pietro Supino erzählt. Andere gewichtige Akteure werden damit weitgehend ausgeblendet. Ausser sie dienen dazu, die angestrebte Erzählung einer Krake Tamedia zu stützen, die «mit der Wucht der Dampfwalze» ihre Interessen durchsetzt.

Das Psychogramm Supinos, dem es gelungen ist, sich von einem Seitenast der Dynastie an die Spitze der Familie wie des Konzerns zu setzen, ist zwar erhellend. Dabei wird jedoch unterschätzt, wie Supino bereits vor seiner Verlegerkarriere als Wirtschaftsanwalt internationale Kontakte knüpfte und nun etwa mit dem Fiat-Erben John Elkann auf europäischer Ebene an einer Medienallianz arbeitet.

Die «Tamedia Papers» sind in der Schweiz ein medienjournalistisches Unikat. Nur ausnahmsweise berichten einzelne Medien derart konfrontativ über ein anderes Medienunternehmen. Doch mit «Heidi»/«Republik» haben neue Akteure die Bühne betreten, die den publizistischen Kampf auch mit neuen Methoden ausfechten. Die «Papers» sind jedoch auch Ausdruck davon, dass eine (Sprach-)Region nicht mehr bereit ist, den journalistischen Sparkurs protestlos hinzunehmen. Eine Fortsetzung ist damit programmiert; spätestens, wenn Supino auf dem Medienplatz Bern den angekündigten Abbau bei «Berner Zeitung» und «Bund» vollzieht.