Als Pierin Vincenz 1996 Finanzchef der Raiffeisen-Gruppe wurde, schien die Schweizer Bankenwelt noch in Ordnung. Das Bankgeheimnis war unantastbar und der Bankverein machte sich daran, mit der Bankgesellschaft zu fusionieren.

Ein gewisser Peter Wuffli, der Vincenz von seiner Zeit beim Finanzderivate-Haus O’Connor in Chicago kannte, stand am Anfang einer Karriere, die ihn später ganz an die Spitze der fusionierten UBS bringen sollte. Vincenz wurde von seinen Kollegen für den Schritt «in die Provinz» belächelt.

Keiner konnte wissen, wie radikal sich die Finanzwelt in den kommenden Jahren ändern wird. Dass eine Finanzkrise 2008 das Bankensystem weltweit fast kollabieren lässt, die solide UBS fast daran zerbrechen wird. Dass der damalige UBS-Chef Wuffli das erste Opfer dieser Krise wird und die hoch bezahlten Hedgefund-Manager den Durchblick verlieren würden.

Dass später die UBS, die in den USA auch noch wegen möglicher Beihilfe zum Steuerbetrug bedroht war, vom Staat gerettet werden musste. Dass — wie diesen Herbst geschehen — das Schweizer Parlament das Bankgeheimnis im Verhältnis mit Europa beerdigen wird. Und dass Pierin Vincenz, der seit 1999 die Raiffeisen-Gruppe leitete, Ende September 2015, ein Jahr früher als geplant, mit 59 Jahren als Sieger vom Platz tritt.

Marktanteil erhöht

Mehr noch: Vincenz hat in den letzten Jahren die einheimische Bankenlandschaft regelrecht umgepflügt. Er hat Kundengelder und Ausleihungen bei der Raiffeisen-Gruppe fast verdreifacht. Er hat den Marktanteil im Hypothekarbereich stark gesteigert. Jeder fünfte Hypothekarkredit in der Schweiz stammt von einer Raiffeisen-Bank, jede dritte Bankfiliale in der Schweiz gehört zur Raiffeisen-Gruppe. Vincenz hat, so das erste Fazit, als einer der wenigen gemerkt, dass hier noch gutes Geld zu verdienen ist. Den Heimmarkt Schweiz entdeckten die Grossbanken erst viel später wieder.

Vincenz, trotz seiner bodenständigen Art dem Glamour nie abgeneigt, provozierte seine ehemaligen Kollegen von der Zürcher Bahnhofstrasse mit einer aggressiven Wachstums-Strategie. Er machte Raiffeisen zur wichtigen Adresse im Geschäft mit den reichen Privatkunden: 2012 übernahm die Raiffeisen-Gruppe den gesunden Teil der 1741 gegründeten Privatbank Wegelin & Co. Das war faktisch damals die älteste bestehende Bank der Schweiz, und ihr Chef, Konrad Hummler, war kurz vor seinem Fall noch einer der einflussreichsten Meinungsmacher der Schweiz, unter anderem Präsident der «Neuen Zürcher Zeitung».

Später stieg Vincenz bei Leonteq ein, einer Spezialistin für Finanzprodukte. Und zuletzt kaufte er über die ehemalige Wegelin, die inzwischen in Notenstein umfirmiert wurde, die 1787 gegründete Basler Privatbank La Roche. Diese Käufe kosteten die Raiffeisen-Gruppe satte 1,3 Milliarden Franken. «Ganz klar: Die Finanzkrise hat uns geholfen», sagt der Bündner rückblickend. «Wir konnten aber auch dank unseren kurzen Entscheidungswegen die Chancen rasch wahrnehmen. Andere Konkurrenten waren nicht schnell genug.» Nur bei der Zürcher Privatbank Vontobel klappte es nicht. Hier sperrten sich die Familienmitglieder gegen einen Verkauf.

Entscheiden und überzeugen

Schnell entscheiden und dann immer präsent sein, um die Entscheidungen zu erklären: Vincenz musste nicht nur die Kunden überzeugen, sondern auch die vielen selbstständigen Raiffeisen-Banker. Dass sie sich stärker zusammenschliessen, dass sie mehr Kompetenzen an die Zentrale in St. Gallen abgeben. Dass sie sich einer stärkeren Aufsicht unterziehen müssen, dass die Bank mehr Eigenkapital aufnehmen muss, dass sie damit aufhört, die Einschusspflicht ihrer Genossenschafter als Eigenkapital anzurechnen. Vincenz sagt dazu: «Es war in der Krise umso notwendiger, zu erklären, was eine Bank überhaupt macht. Nur so konnten wir verlorenes Vertrauen zurückgewinnen.»

Vincenz’ Auftreten passt so gar nicht zu dem eines zurückhaltenden Bankers: Er tanzt an Bällen und hält in Interviews mit mutigen Äusserungen nicht zurück. Er erzählte von seinen Schicksalsschlägen, von der Trauer nach dem Tod seiner damaligen Ehefrau. Von seiner Sorge um seine Töchter. Von seiner neuen Liebe. Auftritte, die ihm nicht immer nur einfach gefallen sind.

Seit heute ist Patrik Gisel am Drücker. Es wird an ihm liegen, das Wachstumstempo, das Vincenz an den Tag gelegt hat, zu überprüfen. Die Zukäufe zu verdauen. Immerhin: Die Ratingagenturen, die immer ein kritisches Auge auf das ungestüme Wachstum der letzten Jahren hatten, sind milder gestimmt. Das schafft zumindest an der Kapitalfront Ruhe. Ob sich für die St. Galler Bankengruppe so bald Opportunitäten wie zurzeit der Finanzkrise ergeben, ist kaum wahrscheinlich.

Pierin Vincenz zieht es in St. Gallen eine Tür weiter: An die Spitze der Helvetia Versicherungen, wo er ab heute Verwaltungsratspräsident ist. Dass das eine oder andere VR-Mandat noch hinzukommt, damit darf auch gerechnet werden.