Pharmasuisse

Kampf ums Präsidium: Der Stuhl des obersten Apothekers wackelt

Fabian Vaucher ist seit 2015 Präsident des Apothekerverbands Pharmasuisse.

Fabian Vaucher ist seit 2015 Präsident des Apothekerverbands Pharmasuisse.

Der Präsident des Verbands Pharmasuisse erhält ernsthafte Konkurrenz. Die Freiburgerin Martine Ruggli will ihn an der Spitze ablösen. Kenner sprechen von einer Kampfwahl oder gar von einem Putschversuch.

Er ist der oberste Apotheker des Landes. Seit 2015 führt der Aargauer Fabian Vaucher den Schweizerischen Apothekerverband Pharmasuisse. Nun droht ihm jedoch die Abwahl. Denn aus der Romande stellt sich mit Martine Ruggli eine ernst zu nehmende Gegenkandidatin auf. Die 55-jährige Freiburgerin kennt den Verband bestens, sie hat während knapp 20 Jahren selber auf der Geschäftsstelle des Verbands gearbeitet.

Vaucher hat Pharmasuisse in den letzten Monaten ziemlich radikal umgebaut. Die im Februar intern angekündigte Reorganisation hat zu neun Kündigungen geführt, wie der 52-Jährige im Gespräch sagt. Weitere sieben Mitarbeiter hätten den Verband von sich aus verlassen, weil sie verunsichert oder mit der Neuausrichtung nicht einverstanden gewesen seien. Vaucher räumt ein, dass dadurch wissenschaftliche Kompetenzen verlorengegangen sind. Daher sei er nun für gewisse Funktionen auf der Suche nach neuen Mitarbeitern.

Apotheker stehen unter Druck

Die Reorganisation sei nötig geworden, weil der Verband zu breit aufgestellt gewesen sei, sagt Vaucher. Viele der Dienstleistungen für die Mitglieder seien nicht kostendeckend gewesen, weil diese Rabatte gefordert hätten. «Diese Angebote haben wir aufgegeben oder sind Gegenstand von Verkaufsverhandlungen.» Dazu gehören Fortbildungskurse oder Datenbanken zu Wirkstoffen. Dem Verband sind über 6700 Mitglieder und 1514 von insgesamt 1817 Apotheken angeschlossen.

Im Gegenzug wolle sich Pharmasuisse auf Kernthemen wie die Verbesserung der Rahmenbedingungen für die Apotheker und die Transformation der Branche konzentrieren, sagt Vaucher. Dazu gehört die Digitalisierung des Detailhandels oder die Ausrichtung auf die medizinische Grundversorgung. Der Verband müsse modernisiert und professionalisiert werden.

Tatsächlich stehen die Apotheker stark unter Druck, da die Medikamentenpreise und damit ihre Margen sinken. So hat sich etwa kürzlich die Gesundheitskommission des Nationalrats für das Billigstprinzip ausgesprochen: Apotheker sollen verpflichtet werden, das günstigere Medikament abzugeben, wenn mehrere gleich geeignete Arzneimittel vorhanden sind. Auch bei den Generika steht ein Systemwechsel hin zu tieferen Preisen zur Diskussion.

Will Fabian Vaucher von der Spitze verdrängen: Martine Ruggli

Will Fabian Vaucher von der Spitze verdrängen: Martine Ruggli

Vauchers Gegenkandidatin Martine Ruggli ist schon länger nicht mehr mit dem Kurs von Pharmasuisse einverstanden – nicht erst seit der im Februar begonnenen Reorganisation. Im März des letzten Jahres reichte sie nach 19 Jahren ihre Kündigung ein. In einem Abschiedsmail liess sie die Delegierten des Verbands ihren Unmut deutlich spüren: «Die aktuelle Diskrepanz zwischen der Vision und dem Handeln innerhalb von Pharmasuisse sowie auch eine Führungsmethode, welche mit meinen beruflichen und tiefen menschlichen Werten nicht mehr vereinbar war, motivierten meine Entscheidung, mich auf die Suche nach neuen Herausforderungen und anderen Horizonten zu machen», schrieb sie in der E-Mail, das der Redaktion von CH Media vorliegt.

Apotheker sollen nicht nur Medikamente verkaufen

Ruggli sagt angesprochen auf ihr E-Mail, es handle sich nicht um eine Fehde mit Vaucher. «Persönlich habe ich nichts gegen ihn, seine Entscheide entsprechen jedoch nicht meiner Vorstellung der Aufgaben von Pharmasuisse.» Sie skizziert ihre eigene Vision so: Die Apotheker dürften sich nicht darauf beschränken, bloss Medikamente zu verkaufen. Sie müssten zusätzliche Dienstleistungen rund um das Thema Medikation anbieten. Sie nennt etwa chronisch Kranke, die mehrere Präparate einnehmen. Hier sollten die Apotheker in Absprache mit den Ärzten über die richtige Wahl der Arzneimittel diskutieren, sagt Ruggli, Schwester von SBB-Chef Vincent Ducrot. Patienten, die ihre Medikamente nicht richtig einnehmen würden, kosteten das Gesundheitssystem bis zu viermal mehr.

Pharmasuisse müsse hier Unterstützung bieten und so Mehrwert für alle Apotheken schaffen. Der Verband habe jedoch in den letzten fünf bis sechs Jahren keine neuen Angebote entwickelt. Vielmehr sei viel Kompetenz auf der Geschäftsstelle verlorengegangen, was sie auf die vielen Umstrukturierungen zurückführt. Diese und der Führungsstil hätten zu vielen Abgängen geführt, wichtiges Know-how sei verlorengegangen, sagt Ruggli. Der Verband sei daher nicht mehr innovativ und auch nicht genug vorbereitet für die neue Tarifstruktur.

Sie nennt auch die von Vaucher verkauften Angebote, wie etwa ein Qualitätsmanagementsystem, das eigentlich Kern und Vorgabe im Gesundheitssystem sei. Sie kritisiert, dass der Verband gewisse Kurse für Apotheker nicht mehr anbietet, was wiederum die Entwicklung von neuen Fähigkeiten verhindere.

Vaucher eckt mit seiner Art an

Kenner des Verbands sprechen von einer Kampfwahl oder gar von einem Putschversuch. Die Beteiligten wie auch Delegierte des Verbands beschwichtigen dagegen. Sie nutzen den Begriff «Richtungswahl». Ruggli werden veritable Chancen eingeräumt. Vaucher habe sich seit seiner Wahl nicht nur Freunde im Verband gemacht. Er ecke mit seiner Art an. Er wird als leidenschaftlicher Kämpfer beschrieben, der auch mal auf den Tisch haut und laut wird. Damit könnten nicht alle umgehen.

Viele Verbandsmitglieder aus der Westschweiz fühlten sich vom Aargauer Vaucher nicht abgeholt. Das hat auch mit der unterschiedlichen Ausgangslage in den beiden Landesteilen zu tun. In 17 von 19 Deutschschweizer Kantonen dürfen auch Hausärzte Medikamente verkaufen, in der Romandie ist dies nicht erlaubt.

Die 80 Delegierten haben am 9. September nun die Wahl, ob sie mit Vaucher auf Kontinuität setzen oder mit Ruggli in eine andere Richtung gehen wollen. Wer das Rennen mache, sei offen. Kenner sehen bei Vaucher als Amtsinhaber ein leichtes Chancenplus. Vor der Delegiertenversammlung werden die beiden Kandidaten in einem etwas kleineren Kreis die Chance haben, sich vorzustellen.

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