Tourismus

Jungbrunnen der Reisebranche: Baby-Boomer verhelfen gebeuteltem Wirtschaftszweig zu zweitem Frühling

Hoffnung für Reiseberater: Die Silber-Generation.Shutterstock

Hoffnung für Reiseberater: Die Silber-Generation.Shutterstock

In der mittleren Zukunft können die verbleibenden Reisebüros auf einen zweiten Frühling hoffen. Die Branche profitiert in zunehmendem Mass von der Baby-Boomer-Generation, die sich nach einem finanziell oft erfolgreichen Berufsleben langsam mit der Pensionierung beschäftigt oder teilweise bereits dort angekommen ist.

Das grosse Reisebürosterben ist vorbei. Diese Prognose wagt Walter Kunz, Geschäftsführer des Schweizer ReiseVerbandes, im zweiten Jahr, in dem sich die Branche nach einer langen Durststrecke nicht mehr nur nach hinten orientieren muss. Kunz präsentierte gestern in Zürich die jährliche Lageanalyse der im Endkundengeschäft (Retail) tätigen Schweizer Reiseveranstalter. Diese gibt den breit definiert rund 10 000 Angestellten in dem Wirtschaftszweig nun Grund zu mehr Zuversicht – vor allem mit Blick auf die Erfahrungen aus der zurückliegenden Dekade.

In den vergangenen zehn Jahren hat in der Schweiz fast jedes zweite Reisebüro zugemacht. Die Konsolidierung werde in den nächsten Jahren zwar weitergehen, weil mancher ältere Reisebüro-Unternehmer keinen Nachfolger für sich finden werde, sagte Kunz. Doch auf keinen Fall werde sich der Schrumpfungsprozess im bisherigen Ausmass fortsetzen.

In der mittleren Zukunft können die verbleibenden Reisebüros sogar auf einen zweiten Frühling hoffen. Die Branche profitiert nämlich in zunehmendem Mass von der Baby-Boomer-Generation, die sich nach einem finanziell oft erfolgreichen Berufsleben langsam mit der Pensionierung beschäftigt oder teilweise bereits dort angekommen ist.

Rendite gehalten

«Die älteren Leute reisen viel häufiger als früher und sie möchten dieses Vergnügen im Gegensatz zu den einst beliebten Seniorenreisen nicht mehr nur mit ihren Altersgenossen erleben», sagt Kunz. «Die demografische Entwicklung ist für das Geschäft der Reisebranche sehr hilfreich», bestätigt Christian Laesser, Professor für Tourismus und Dienstleistungsmanagement an der Universität St. Gallen. «Ich gehe von einer steigenden Nachfrage aus.» Solche Aussagen lassen sich indirekt auch aus den Umfrageergebnissen des Reiseverbandes herauslesen.

Zwar ist der durchschnittliche Umsatz eines Reisebüros im Jahr 2016 von 3,1 Millionen Franken auf 2,9 Millionen Franken gesunken. Der Umsatz pro Mitarbeiter schrumpfte gleichzeitig von 970 000 Franken auf 880 000 Franken. Doch die Büros haben es verstanden, ihr Renditeniveau bei 1,2 Prozent zu verteidigen. Daraus kann abgeleitet werden, dass die Veranstalter im Durchschnitt mehr an jeder verkauften Reise verdienen als im Vorjahr.

Die Feststellung geht einher mit der anhaltend rückläufigen Nachfrage nach Pauschalreisen. Eine wachsende Mehrheit der Reisebüro-Kunden lässt sich bei der Auswahl von Hotels und Transportwegen offenbar zwar weiter gerne beraten, will aber die Wahl letztlich selber treffen. Solche «Individualreisen» decken gemäss der Umfrage bereits 69 Prozent der Nachfrage ab und sind für die Vermittler deutlich lukrativer als Pauschalangebote.

Senioren überschätzen sich

Die abenteuerlustigen Seniorinnen und Senioren gehen allerdings auch beträchtliche Risiken ein. Das zeigt sich unter anderem daran, dass die Prämien für umfassende Reiserversicherungen in den vergangenen zehn Jahren um rund 30 Prozent gestiegen sind, wie Thomas Tanner, Chef der zum Helvetia-Konzern gehörenden Europäischen Reiseversicherung in Basel erklärt. «Menschen aus der Baby-Boomer-Generation trauen sich zwar oft noch grosse Reisen zu, aber in der Realität ist ihre Rücktrittsrate wesentlich höher als jene jüngerer Generationen.»

Der Versicherer hat deshalb für Menschen ab Alter 65 einen Selbstbehalt von 10 Prozent auf annullierte Reiseleistungen infolge Krankheit oder Unfall eingeführt. Gemäss Angelo Eggli von Allianz Global Assistance hat die emsige Reisetätigkeit der Silber-Generation sowohl die Schadenhäufigkeit als auch die durchschnittliche Schadenlast pro Fall deutlich nach oben getrieben. So wie die Margen der Reisebüros steigen, dürften deshalb auch die Prämien der Versicherer weiter zunehmen.

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