Uhrenindustrie
Innovations-Experte Xavier Comtesse zur Uhrenkrise: «Wir Schweizer sind Zwerge»

Der Informatiker und Innovations-Experte Xavier Comtesse sieht die Swatch Group vor einem radikalen Wandel, wie er im Gespräch mit der «Nordwestschweiz» erklärt.

Stefan Schuppli
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Swatch könnte nach Ansicht von Xavier Comtesse in ein paar Jahren ihren Umsatz mit dem Internet der Dinge machen – Nick und Nayla Hayek treffen Bundesrat Alain Berset an der Baselworld.

Swatch könnte nach Ansicht von Xavier Comtesse in ein paar Jahren ihren Umsatz mit dem Internet der Dinge machen – Nick und Nayla Hayek treffen Bundesrat Alain Berset an der Baselworld.

KEYSTONE

Die Uhrenindustrie, besonders auch die schweizerische, hat sehr gelitten. Was ist da passiert?

Xavier Comtesse: Wir haben eine Uhrenkrise, die im Wesentlichen auf drei Faktoren zurückzuführen ist: Erstens ist der asiatische und vor allem der chinesische Markt stark rückläufig. Dies, weil dort Regeln gegen Bestechungsgeschenke eingeführt wurden. Der Markt Hongkong hatte überschossen. Man glaubte dort, das Wachstum würde ewig so weitergehen. Zweitens wurde die «connected Watch», also Uhren mit Internetfunktionen, unterschätzt. Sie wurde nicht als Uhr, sondern als ein anderes Objekt angesehen. Aber diese smarte Uhr eroberte sich den Platz am Handgelenk.

Viele Menschen haben aber mehrere Uhren ...

Ja, aber sie kaufen nicht zwei im gleichen Jahr. Die beiden Märkte, die traditionelle Uhr und die «connected Watch» sind nicht ganz unabhängig. Die grossen US-Uhrenfirmen wie Fossil, Garmin oder Bulova hatten eine Antwort darauf und entwickelten neue «connected»-Linien. In der Schweiz ist das weniger der Fall. Und drittens hat der Detailhandel, der Endverkauf im Uhrenladen, ein Problem. Der Detailhandel wurde lange Zeit von marken-unabhängigen Händlern bestritten, ab dem Jahr 2000 begannen die Uhrenmarken, eigene Boutiquen zu eröffnen, überall, in den Städten auf Flughäfen etc. Dies mit dem Ziel, die Detailhandelsmarge selbst einzukassieren. Sie haben den Detailhandel überholt und damit viele lokale Läden aus dem Markt gedrängt.

Uhren, Innovationen: Xavier Comtesse

Der Informatiker Xavier Comtesse (67) befasst sich seit den 70er-Jahren mit der industriellen Anwendung von Informatik. Er hat selber drei Start-ups gegründet, agierte als Herausgeber (Editions Zoé) und als Lokalradiomensch, war im Staatssekretariat für Wirtschaft verantwortlich für den Bereich Wissenschaft, Forschung und Bildung. Er war der erste Direktor des Think-Tank Avenir Suisse aus der Romandie. 2014 gründete er mit Co-Swatch-«Erfinder» Elmar Mock den «Industrial Think Tank».

Zum Teil wurden riesige Rabatte gewährt. Was ist passiert?

Als es dann diese Überschüsse gab, haben die Produzenten ihre Überschussware auf dem Graumarkt abgesetzt. Dies vor allem in Südamerika und Afrika und in ein paar asiatischen Ländern. Diese Uhren blieben zunächst in diesen Regionen und kamen nicht mehr zurück. Erst mit dem Internethandel kamen sie wieder zurück auf die anderen Märkte. So ist es möglich, dass Sie im Internet heute eine Breitling für 10 000 Franken kaufen können, die sonst 13 000 Franken gekostet hätte. Und das auf Schweizer oder deutschen Websites. Manchmal ist der Preisnachlass bis zu 50 Prozent. Das ist eine wahre Katastrophe. Der richtige Preis heute ist nicht der Katalog-, sondern der Internetpreis.

Und jetzt kommt Samsung und mischt mit ...

Genau – mit einem gigantischen Stand an der Baselworld. Die machen einen Umsatz von 170 Milliarden Umsatz und sieben Milliarden Gewinn. Letzteres ist so viel wie der Umsatz der Swatch Group. Man liess den Teufel nach Basel kommen. Diese Firmen wie Samsung und Apple haben eine unvorstellbare Marketing-, Technologie- und Finanzpower. Demgegenüber sind wir Schweizer Zwerge. Swatch hat etwa fünf Milliarden Reserve. Aber Samsung hat 75 Milliarden, Apple 90. Das ist, wie wenn Federer gegen mich spielen würde.

«Wer kauft schon eine Uhr, um die Zeit abzulesen?» Xavier Comtesse, Informatiker und Innovationsforscher

«Wer kauft schon eine Uhr, um die Zeit abzulesen?» Xavier Comtesse, Informatiker und Innovationsforscher

zvg

Was kann die Schweizer Industrie machen unter diesen Umständen?

Zwei Dinge. Erstens: Nehmen Sie Richemont oder Audemars-Piguet. Eine Wahl ist, beim Schmuck zu bleiben, bei der Bijouterie. Es ist ja erstaunlich: der Reformator Calvin hatte in Genf Schmuck und Juwelen abgelehnt, es entstand daher eine neue Form von Bijou-Uhren.

Ein Umgehungsgeschäft.

Sehr teure, schöne und reich ausgestattete Uhren sind eine Möglichkeit, zu überleben. Die Frage des Zeitmessers stellt sich da nicht unbedingt. Wer kauft schon eine Uhr, um die Zeit abzulesen?

Was machen jene im Nicht-Luxus-Segment?

Nehmen Sie Swatch. Sie ist technologisch sehr weit vorne, beispielsweise mit den Batterien, Stichwort Renata, Lausen. Eine der «Internet of Things» ist die Uhr mit Internet. Aber das «Internet der Dinge» ist viel grösser als nur diese Internet-Uhr. Das Internet of Things wird 50 Milliarden Objekte umfassen. Im Zentrum steht die Batterie, ohne die funktioniert es nicht. Und hier hat Swatch einen riesigen Vorsprung. Der zweite Vorsprung ist in Marin bei Neuenburg, wo sie bei EM Microelectronic energiesparende Chips entwickeln, in Zusammenarbeit mit dem Centre Suisse de Microelectronique, CSEM. Sie sind in dem Bereich Weltmarktführer. Diese Kommunikations-Chips sind das Herzstück für das «Internet of Things». Sie sind der Konkurrenz meilenweit voraus.

Ist es in dem Fall so, dass Swatch im Prinzip die Branche verlässt?

Im Prinzip ja. Und so kann man Swatch Group plötzlich komplett anders anschauen: In fünf Jahren macht Swatch ihren Umsatz mit der Branche Internet of Things. Das sind die Geheimwaffen von Swatch, die Batterie und der Chip. Sie sind in Basel zu sehen, aber sie werden nicht gross ins Schaufenster gestellt. Erstaunlicherweise hat Swatch-Chef Hayek kaum etwas darüber gesagt. Und plötzlich trifft man sie wieder an, diese innovative Schweiz, listig, erfinderisch, kreativ ... Es gib einen Ausweg, on peut s’en sortir.

Sie sind sehr optimistisch.

Durch und durch. Vor zwei drei Jahren glaubte ich, die seien tot. Jetzt verkaufen sie die Uhren billiger, aber unter uns: das ist kein Problem. Die Margen waren früher skandalös hoch.

Was geschieht mit dem Mittelpreissegment?

Bis 1500 Franken – Longines, Tissot – wirds schwierig. Dort tummeln sich so viele. Und hier wird es industrielle Probleme ergeben, es herrschen Überkapazitäten, und es wird hier einen Abbau geben, auch beim Personal.

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