Innovation
Europa soll den digitalen Euro bekommen – doch die Schweiz will vom E-Franken nichts wissen

Europa setzt auf ein digitales Zahlungsmittel. Die hiesige Nationalbank hingegen glaubt, das sei nicht nötig: Die heutigen Zahlungsmittel seien beliebt und akzeptiert. Macht sie einen Fehler?

Daniel Zulauf
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Die Spatzen pfeifen es schon lange von den Dächern, jetzt ist es offiziell: Den Euro soll es in absehbarer Zeit auch in digitaler Form geben. Der Rat der Europäischen Zentralbank hat am Mittwoch entschieden, ein formelles Projekt zur Schaffung von virtuellem Notenbankgeld auf den Weg zu bringen.

Das Vorhaben ist zwar ergebnisoffen und auf einen Zeitraum von mehreren Jahren ausgelegt. Doch das Ziel ist klar: Die 340 Millionen Einwohner in den 19 Ländern des Euro-Raums sollen dereinst nebst Noten und Münzen auch einen elektronischen Zugang zum Notenbankgeld erhalten.

Ein Hauch von Vollgeld

Was nach einer Innovation tönt, die nur Technikfreunde zu interessieren braucht, könnte sich in Tat und Wahrheit zum Beginn einer Revolution des bestehenden Geldsystems auswachsen. Genau davon träumten jedenfalls die Promotoren der Vollgeldinitiative, die das Schweizer Volk vor drei Jahren mit 75 Prozent Nein-Stimmen verworfen hatte.

Geld, dessen Wert nicht von der Zahlungsfähigkeit einer Gegenpartei abhängig ist, steht dem breiten Publikum nur über staatlich ausgegebene Noten und Münzen zur Verfügung. Doch die wenigsten Menschen horten ihre Ersparnisse im Tresor oder unter der Matratze. Der Grossteil liegt auf einem Bankkonto. Solche Guthaben sind kein Notenbankgeld, sondern stellen nur einen Anspruch auf solches dar.

Unternehmer wollen Zugang zur Nationalbank

Relevant wird dieser Unterschied erst dann, wenn eine Bank insolvent wird. Dann geht dem Sparer das Geld verloren, das nicht durch das von allen Banken betriebene System zur Einlagensicherung gedeckt ist. Dieses Risiko liesse sich vermeiden, wenn die Sparer ihr Geld direkt auf einem Konto der Notenbank anlegen könnten. Das ist auch die Idee des digitalen Euro oder des E-Frankens.

Auch viele Unternehmer würden sich eine breitere Strasse zum sicheren Notenbankgeld wünschen. Doch auf dieser dürfen nur die Geschäftsbanken fahren. Ihnen stellt die Nationalbank auf speziellen Girokonti Liquidität zur Verfügung, die etwa zur Vergabe von Krediten dienen. Dahinter verbirgt sich eine Arbeitsteilung zwischen Geschäftsbanken und Notenbank, die durch die Schaffung von digitalem Notenbankgeld mindestens teilweise in Frage gestellt werden würde.

Der Gebrauch von Bargeld nimmt

Die EZB sieht dennoch eine Notwendigkeit für den digitalen Euro: Er soll Bevölkerung und Wirtschaft auch im digitalen Zeitalter eine gesicherten Zugang zu Notenbankgeld garantieren, begründet EZB-Chefin Christine Lagarde den Projektstart.

Erst im Juni hat die Schweizerische Nationalbank mit ihrer jüngsten Zahlungsmittelumfrage gezeigt, dass der alltägliche Gebrauch von Bargeld in einem noch nie dagewesenen Tempo abnimmt.

Die Bargeldnutzung geht auch in der Schweiz rasch zurück

Trotzdem sieht die Nationalbank in einem digitalen Franken «keinen Mehrwert für die Wirtschaft und das Publikum», wie Direktionsmitglied Dewet Moser erst im Juni wieder bekräftigt hatte. Das bestehende Angebot an Zahlungsmitteln sei ausreichend und geniesse eine grosse Akzeptanz.

Natürlich geht auch diesen Argumenten die erwähnte Sorge der Notenbank um den Erhalt der Arbeitsteilung mit den Geschäftsbanken voran. Diese Arbeitsteilung käme zum Ende, wenn die Bevölkerung in einer nächsten Krise nur noch Geld bei der Notenbank, aber nicht mehr auf ihrem angestammten Bankkonto horten würde.

Schweden kämpft mit Problemen

Solche Befürchtungen kennt selbstredend auch die EZB. Deshalb werden dort auch Möglichkeiten geprüft werden, ob und wie sich eine Obergrenze für die individuellen elektronischen Notenbank-Guthaben einziehen liesse. Kritiker warnen allerdings, dass die Festlegung einer solchen Schwelle und vor allem deren Verteidigung in Zeiten erhöhter Unsicherheit zu einem politischen Kampf ausarten könnte.

Wie schwierig die Einführung von digitalem Notenbankgeld werden kann, führt uns derzeit gerade Schweden vor Augen. Die Reichsbank hatte schon 2018 grünes Licht zur Schaffung einer E-Krona gegeben. Und Bargeld ist in dem Land schon seit längerer Zeit fast vollständig aus dem Alltag verschwunden. Doch nun zeigen sich auch beim Digitalgeld verschiedene technische und rechtliche Probleme, die das Projekt gefährden oder mindestens erheblich verzögern könnten.

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