Inflation
Ein Baguette für nur gerade 29 Cent: In Frankreich tobt ein emotionaler Preiskrieg um das legendäre Brot

Die Nahrungsmittelpreise steigen und zwar überall – nur das französische Stangenbrot ist so billig zu haben wie noch nie.

Stefan Brändle, Paris
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Das Baguette: ein französisches Nationalheiligtum.

Das Baguette: ein französisches Nationalheiligtum.

Marius Graf / Fotolia

Die Supermarktkette Leclerc hat einen grossen Coup gelandet: Sie verkauft die Baguette während sechs Monaten für 29 Cent. Das ist in etwa ein Viertel des Preises, den man in einer normalen Pariser Bäckerei für das knusprige Stangenbrot zahlt.

Wie Leclerc damit auf seine Margen kommt, ist unbekannt. In Frankreich ist es an sich verboten, Nahrungsmittel unter dem Gestehungspreis zu verkaufen. Branchenexperten gehen davon aus, dass die 720 Leclerc-Märkte im Land die Zutaten ausdünnen und auf Quantität setzen, indem die Aktion en masse neue Kunden anzieht. Schon immer gut darin, mit Billigaktionen gegen den Strom zu schwimmen, setzte Michel-Edouard Leclerc am Radio noch einen drauf: Der 69-jährige Einzelhändler wirft seinen Konkurrenten implizit vor, sie nähmen die Inflation zum Anlass, die Kunden zu schröpfen. Dabei mache er nicht mit.

Ärger bei der Konkurrenz und den Bauern

Die spektakuläre Leclerc-Operation sorgt über die Branche hinaus für einen Aufschrei – und in der aktuellen Inflationsphase für ein brisantes Politikum. Dominique Anract von der Bäckereivereinigung bezeichnet sie in einem Atemzug als «provokant, schockierend, skandalös und schändlich». Die Vorsteherin des Landwirtschaftsverbandes FNSEA, Christine Lambert, eilte ihm zu Hilfe und sagte, die Supermarktkette verachte mit dieser «Low-Cost-Baguette» die Arbeit von Brotherstellern, «die täglich um drei oder vier Uhr aufstehen».

Der Regierung in Paris kommt die PR-Aktion ebenfalls sehr ungelegen. In Frankreich stehen Präsidentschafts- und Parlamentswahlen an und Staatschef Emmanuel Macron hat schon Mühe, im laufenden Präsidentschaftswahlkampf die Lage an der Covid-Front unter Kontrolle zu halten. Er weiss, wie heikel das Thema Inflation ist und wie rasch sich die Stimmung im Land gegen die Staatsführung wenden kann. Wirtschaftsminister Bruno Lemaire hat vergangene Woche bereits angekündigt, dass er den Strompreis deckeln werde, wenn er im laufenden Jahr um mehr als vier Prozent ansteige.

Wenn gewiefte Einzelhändler beginnen, die Preise zu manipulieren, ist weitere Gefahr im Verzug. Der Gelbwesten-Aufstand vor drei Jahren sitzt Macron bis heute in den Knochen. Und die Verteuerung der Grundnahrungsmittel, der Energie sowie vieler Dienstleistungen trifft vor allem Wenigverdienende, meist Sympathisanten der «Gilets jaunes».

Auch Regierungsvertreter machen deshalb Stimmung gegen Leclerc. Sie sagen, die Franzosen müssten sich düpiert fühlen, plötzlich nur noch einen Viertel des Brotpreises zu entrichten. «Wie viel Gewinn hat Leclerc denn bisher mit dem Stangenbrot gemacht?», fragen Minister hinter vorgehaltener Hand. Sie appellieren auch an den Nationalstolz, erinnern sie doch daran, dass Frankreich gerade um die Aufnahme des Baguette-Brotes in das Weltkulturerbe der Unesco ersucht. Die Billigversion von Leclerc leistet der Kandidatur in der Tat einen schlechten Dienst, schmeckt sie doch laut den ersten Käufern eher nach Karton.

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