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«In der Schweiz kann man auch heute noch Geld waschen»

In den Negativ-Schlagzeilen: Der Schweizer Ableger der britischen Bank HSBC.

In den Negativ-Schlagzeilen: Der Schweizer Ableger der britischen Bank HSBC.

Die Schweizer Tochter der britischen Bank HSBC hat bis vor wenigen Jahren mutmasslich im grossen Stil Geld gewaschen. Stephanie Oesch, Expertin für organisierte Kriminalität, erklärt im Interview, wie das möglich war.

Frau Oesch, der Schweizer Ableger der Bank HSBC war laut Medienberichten bis vor wenigen Jahren im Geldwäscherei-Geschäft aktiv. Auf der Kundenliste standen Terrorfinanciers, Waffendealer und Händler von Blutdiamanten. Überrascht Sie das?

Stephanie Oesch: Dass es unter den Banken schwarze Schafe gibt, ist bekannt. Mich überrascht vor allem das Ausmass im Fall HSBC. Man darf eines nicht vergessen: Die Schweiz hat einen der am strengsten regulierten Finanzplätze der Welt. Das Gesetz zur Bekämpfung der Geldwäscherei gibt es seit dem Jahr 2003, die Standesregeln der Banken noch länger.

Die Gesetze griffen offenbar nicht.

Gesetze sind immer nur so gut wie diejenigen, die sich daran halten müssen. Und wenn Sie genug kriminelle Energie haben, können Sie jedes Gesetz aushebeln.

Glaubt man den Medienberichten, gehörte der Rechtsbruch bei der Schweizer HSBC-Tochter zum Geschäftsmodell.

Das kann ich nicht beurteilen.

Standen andere Schweizer Banken ähnlich tief im Geldwäscherei-Sumpf wie HSBC?

Aus Sicht der organisierten Kriminalität ist der Fall HSBC nicht repräsentativ für den Finanzplatz. Was man in der ganzen Diskussion nicht vergessen darf: Nicht alles Geld, das bei HSBC lag, stammte aus der organisierten Kriminalität. Diktatoren müssen ihr Vermögen, das sie in der Schweiz horteten, nicht zwingend kriminell erworben haben. Dasselbe gilt für den deutschen Rentner, der sein Erspartes in die Schweiz schmuggelte.

Trotzdem: Wie viel verdienten unsere Banken mit der organisierten Kriminalität?

In den Achtziger- und Neunzigerjahren profitierte der Finanzplatz. Das galt aber auch für andere Branchen.

Kann man in der Schweiz heute noch Geld waschen?

Ja, das kann man. Über den Bankenplatz ist es aber sehr, sehr schwierig geworden. Ich denke eher an Juweliere, Immobilien-, Kunst- oder Antiquitätenhändler.

Konkret?

Wenn zum Beispiel ein Auktionshaus eine Kunstversteigerung durchführt, bieten viele Personen anonym mit, die dann oft noch bar bezahlen. Das bietet Möglichkeiten zum Geldwaschen. Das ist auch so, wenn man beim Juwelier an der Zürcher Bahnhofstrasse Schmuck für eine halbe Million Franken kaufen und bar bezahlen kann.

Das ist einfach so möglich?

Ein Juwelier muss gewisse Abklärungen zur Identität des Kunden und zur Herkunft des Geldes vornehmen, aber eine Barzahlung ist möglich. Das Geldwäschereigesetz gilt nur für Finanzgesellschaften, zum Beispiel für Banken oder für Versicherungen. Ich plädiere dafür, dass man auch für andere Branchen strengere Vorschriften erlässt.

Allen Gesetzesverschärfungen und Transparenzbemühungen zum Trotz gilt der Schweizer Finanzplatz international bis heute als Umschlagplatz für Schwarzgeld. Wie kann er diesen Ruf loswerden?

Wenn die Schweiz in Zukunft nicht mehr automatisch mit Geldwäscherei und Steuerhinterziehung assoziiert werden will, muss sie mehr ins «Marketing» investieren. Im Ausland hat man immer noch das Gefühl, bei uns herrschten Zustände wie in den Siebziger- und Achtzigerjahren. Dabei haben wir auf regulatorischer Ebene enorm viel unternommen. Da müssen Bankenplätze wie Dubai oder Singapur erst einmal nachziehen.

* Stephanie Oesch ist promovierte Politologin und Expertin für organisierte Kriminalität. 

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