Seit 2006 veröffentlicht das World Economic Forum (WEF) zur Eröffnung des Jahrestreffens in Davos eine Studie zu den globalen Risiken. «Woran krankt die Welt?», ist darin die zentrale Frage. Und vor allem: «Welche Krankheit führt zu einer grossen Katastrophe?»

Der sogenannte «Global Risk Report», der auf einer Umfrage unter rund 750 Experten basiert, zeigt also mit anderen Worten auf, wo die Gefahren einer globalisierten Welt verborgen sind und wie verheerend es sein kann, wenn die Risiken eintreten.

In den vergangenen Jahren stand die Finanzkrise im Mittelpunkt. Für dieses Jahr warnen die angefragten WEF-Experten jedoch eindringlich vor den Auswirkungen der Flüchtlingskrise. Sie hat, im Zusammenspiel mit anderen Risiken, das Potenzial, andere, möglicherweise noch bedrohlichere Krisen auszulösen. «Die Politik und auch die Gesellschaft als Ganzes müssen sich bewusst sein, was auf uns zukommen könnte – und entsprechend handeln», sagt Cecilia Reyes, die oberste Risikomanagerin der Zurich und Verantwortliche für das Asien-Geschäft der Versicherungsgruppe im exklusiven Interview mit der «Nordwestschweiz».

Globale Risiken nach Regionen 2016

29 Risiken analysiert

Die globalen Risiken werden von den WEF-Experten nach einer international anerkannten Methode erfasst: Die 29 in diesem Jahr ermittelten wichtigsten werden in fünf Kategorien (Wirtschaft, Umwelt, Geopolitik, Soziales und Technologie) nach Grad der Besorgnis, Wahrscheinlichkeit und Auswirkungen sowie deren Wechselwirkungen dargestellt. Und dann werden sie in einer Rangliste aufgereiht.

Ziel der Studie ist es, das Bewusstsein für Risiken zu sensibilisieren und die Zusammenarbeit zwischen Unternehmen, Regierungen und der Zivilgesellschaft zu fördern, so die Autoren. Aufgrund der jüngsten Ergebnisse sehen sie dringenden Bedarf dazu: «In der elfjährigen Geschichte des Reports haben wir noch nie so eine breite und starke Zunahme der Risiken gesehen.»

Der «Global Risk Report», der in Zusammenarbeit mit dem Beratungsunternehmen Marsh & McLennan und der Zurich Versicherungsgruppe erarbeitet wurde, hat unter Experten eine hohe Glaubwürdigkeit. Er hat etwa für das Jahr 2007 nicht nur auf die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Gefahren aufmerksam gemacht, die in der ungehemmten Globalisierung stecken. Sondern auch den Fokus auf den US-Häusermarkt gelegt und auf die Gefahr einer Korrektur mit enormen Folgen für die Wirtschaft hingewiesen. Wenige Monate später schlitterten die USA aufgrund des Zusammenbruchs ihres Häusermarktes in die schlimmste Krise seit den Zwanzigerjahren des vorigen Jahrhunderts.

Wahrscheinlich und gefährlich

In diesem Jahr sehen die befragten Experten die Flüchtlingskrise an oberster Stelle der wahrscheinlichsten Risiken. Im Gegensatz zur Finanzkrise ist hier, kaum verwunderlich, besonders Europa im Fokus. Dies zeigt auch die Aufschlüsselung der der Risiken auf die Regionen auf der Karte (siehe Karte oben).

Die wirtschaftlichen Risiken sind jedoch nicht von der Landkarte verschwunden, auch wenn sie in der Rangliste nicht mehr ganz oben rangieren. Dass jedoch bald eine weltweite Finanzkrise droht, ist nicht mehr so wahrscheinlich wie in vergangenen Jahren. In Europa bleiben laut den WEF-Experten die hohe Staatsverschuldung und die zunehmende Arbeitslosigkeit nach wie vor besorgniserregend.

WEF: Polizei kontrolliert die Fahrzeuge

WEF: Polizei kontrolliert die Fahrzeuge

Wegen dem WEF wird und um Davos jedes Auto von der Polizei kontrolliert. Aufnahmen vom Kontrollposten im Grünenbödeli bei Davos.

Technologische Risiken

Kommt hinzu, dass der rasche technologische Wandel auch hier nicht nur Gewinner produziert, sondern auch Verlierer. Aus Sicht der Unternehmen nehmen technologische Risiken einen grösseren Platz ein. Dies nicht nur in den USA oder Japan, sondern laut dem WEF auch explizit in der Schweiz. Dabei geht es um das Risiko von Angriffen aus dem Internet, sogenannte Cyberattacken.

Die WEF-Experten warnen in ihrem 98-seitigen Bericht eindrücklich vor den Folgen einer ökologischen Katastrophe. Hier hätte der vergangene UNO-Klimagipfel in Paris zwar gute Ansätze geliefert. Diese reichten nicht: Es gehe jetzt darum, die beschlossenen Massnahmen tatsächlich umzusetzen.

Dies vor dem Hintergrund, dass die Umweltrisiken — der Wassermangel, die Klimaerwärmung, die Nahrungsmittelkrise — nicht nur an der Spitze der als langfristig wahrscheinlichsten Risiken stehen, sondern auch an der Spitze derjenigen Risiken, deren Eintreten den grössten Schaden zur Folge haben könnten. Besonders gefährdet sind hier Asien und die USA. Für die WEF-Experten ist klar, dass vor allem das Zusammentreffen von wahrscheinlichen und potenziell teuren Schäden ein gefährlicher Risiko-Mix sein kann.

In einem separaten Teil geht das WEF auch auf die Frage ein, welche Folgen diese neuen Risiken auf die weltweite Sicherheitslage haben. Der Klimawandel, so kommen die Autoren zum Schluss, könne die bereits schon bedrohliche Situation in gewissen Ländern verschlechtern.