Visilab

Gesucht: Schweizer Optometristen – Gefunden: Einzig Grenzgänger

Visilab würde gerne Schweizer einstellen, findet sie aber nicht.

Visilab würde gerne Schweizer einstellen, findet sie aber nicht.

Die SVP schimpft: Die Wirtschaft decke sich trotz Annahme der Masseneinwanderungsinitiative weiterhin schamlos mit ausländischen Arbeitskräften ein. Die Genfer Optikerkette Visilab wehrt sich: wider Willen weiche man auf französische Grenzgänger aus.

Der Ton zwischen dem Schweizer Arbeitgeberverband und der SVP verschärft sich: Trotz der Annahme der Volksinitiative gegen die Masseneinwanderung habe sich die Wirtschaft weiterhin schamlos mit ausländischen Arbeitskräften eingedeckt, schimpfte die SVP gestern in einem Communiqué als Reaktion auf das Festhalten des Verbands an einer Schutzklausel und der Ablehnung eines Kontingentsystems.

Schamlos? Solche Attacken auf die Wirtschaft ärgern Unternehmer wie Daniel Mori. In seinem Büro in einem Industriequartier der Genfer Vorortgemeinde Meyrin holt der Gründer und Präsident der Optikerkette Visilab tief Luft und sagt, er würde ja noch so gerne Schweizerinnen und Schweizer einstellen. «Doch ich finde diese Fachkräfte hier nicht.»

Mori legte die Karten in der Westschweizer Zeitung «Le Temps» auf den Tisch, mitten in der wüsten Wahlkampfhetze der Populistenpartei MCG gegen die Grenzgänger aus Frankreich: Visilab beschäftigt im Kanton mindestens 50 Prozent Ausländer, obwohl es mit der Skifahrerlegende Bernhard Russi als Aushängeschild fast nicht mehr schweizerischer geht.

«Westschweizer sind ziemlich rar»

Der wichtigste Grund dafür ist rasch erzählt. Die einzige Schweizer Ausbildungsstätte für Optometristen, wie die diplomierten Augenoptiker heute korrekt heissen, steht in Olten. An der Fachhochschule Nordwestschweiz können sich Augenoptiker nach der vierjährigen Lehre und mit einer Berufsmaturität in einem dreijährigen Studiengang zum Optometristen weiterbilden. Nur dieser Abschluss befähigt zum Ausstellen eines Brillenrezepts oder zum Anpassen von Kontaktlinsen. Mori zuckt die Schultern und sagt: «Westschweizer, die diese Ausbildung in Olten absolvieren, sind ziemlich rar.» Da es aber laut Mori zur Philosophie von Visilab gehört, in jedem Geschäft mindestens einen Optometristen respektive eine Optometristin zu beschäftigen, wird der Fachkräftemangel eben mit Franzosen gedeckt.

Und zwar fast zu hundert Prozent. Bis vor kurzem fuhren zwar vereinzelt auch Westschweizer für die Ausbildung über die Grenze ins französische Lyon. Doch seit zwei Jahren ist Schluss damit. Das französische Optometristen-Diplom wird von den Schweizer Behörden nicht mehr anerkannt. Gegen diese Aberkennung hat Mori Rekurs eingelegt, der noch hängig ist. In der Deutschschweiz wiederum liegt die Sache anders; da werden Optikermeister-Diplome aus Deutschland im Rahmen des Abkommens über die gegenseitige Anerkennung von Berufsabschlüssen anerkannt.

Gesundheitswesen einzige Ausnahme

Der Fachkräftemangel in der Augenoptikbranche liegt allerdings nicht nur an mangelnden Ausbildungsmöglichkeiten, wie Mori sagt. Die Branche leide wie die übrigen Berufe im Gesundheitswesen unter dem Desinteresse der Schweizer, die sich lieber komfortablere Karrieren aussuchten, bei Banken und Versicherungen etwa. Mori spricht von einem Wohlstandsproblem. «Viele junge Schweizer arbeiten lieber im Büro als im Spital, wo sie emotional und körperlich stark gefordert und oft auch am Wochenende im Einsatz sind.» Das gelte auch für die Optiker, die grösstenteils im Verkauf tätig seien.

Mori erfährt dies gerade im eigenen Unternehmen, das mit 150 Lehrlingsstellen auf 900 Angestellte grosse Anstrengungen zur Ausbildung unternimmt. Noch sind zehn Lehrstellen nicht besetzt. So greift Visilab denn auch bei den Optikern mit Lehrabschluss auf einen Drittel Franzosen zurück. Denn Anstellungen ohne Fachdiplom sind nicht möglich; dies verbietet das Gesundheitsgesetz.

«Dann gingen einige Lichter aus»

Den Vorwurf, billige Arbeitskräfte im Ausland zu rekrutieren, weist Mori entschieden zurück. Er halte sich strikte an die Lohnklassen gemäss Ausbildung, Berufserfahrung und Pflichtenheft. Die Staatsangehörigkeit oder das Geschlecht machten dabei keinen Unterschied.

Visilab ist kein Einzelfall, wie der Arbeitsmarktspezialist Yves Flückiger von der Universität Genf festgestellt hat. Eine Untersuchung mit fiktiven Bewerbungsschreiben hat ergeben, dass die Genfer Arbeitgeber immer zuerst die einheimischen Bewerber kontaktierten; zunächst solche mit Anstellungsverhältnis und anschliessend Arbeitslose aus Genf. Erst danach kamen die Grenzgänger zum Zug. Die einzige Ausnahme bildete das Gesundheitswesen. Dort wurden aufgrund des grossen Personalmangels jeweils alle Bewerber gleichzeitig kontaktiert.

Ein Blick auf die Umsatzzahlen von Visilab zeigt, wie eng der Geschäftsgang des 1988 gegründeten Unternehmens mit der Personenfreizügigkeit verknüpft ist. Ab 1999, dem Jahr der Unterzeichnung des Abkommens, zieht der Umsatz kräftig an und nimmt nach der Erweiterung auf die zehn neuen Mitgliedsstaaten 2006 den zweiten grossen Sprung; in 25 Jahren ist der Umsatz von Visilab von sechs auf 219 Millionen Franken geklettert.

Was passiert, falls die Schweiz wieder zum Kontingentsystem zurückkehrt? Mori verwirft die Hände und sagt, dann gingen in etlichen Visilab-Läden die Lichter aus. «Das trifft aber nicht nur uns, sondern die Leistungserbringer im gesamten Gesundheitsbereich. Dass sie ihre eigene Versorgung gefährden, dessen sind sich die Schweizer vielleicht gar nicht bewusst.»

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